Interview zur Amazon-Serie "Beat"-Regisseur Kreuzpaintner: Drogen am Set? Wieso nicht!

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Marco Kreuzpaintner bei der Premiere seiner Amazon-Prime-Serie "Beat". Foto: imago/eventfoto54Marco Kreuzpaintner bei der Premiere seiner Amazon-Prime-Serie "Beat". Foto: imago/eventfoto54

Berlin. Mit "Beat" legt Marco Kreuzpaintner das zweite deutsche Amazon-Original vor. Zum Film kam er durch einen Förderer: Edgar Reitz.

Marco Kreuzpaintner hatte mit 22 Jahren seine eigene Produktionsfirma gegründet und mit 27 in Hollywood gedreht ("Trade" mit Kevin Kline). Jetzt ist er 41 und legt mit "Beat" das zweite Amazon-Original aus Deutschland vor. Im Interview spricht über über Techno als Lebensgefühl, seinen Mäzen Edgar Reitz und den Drogenkonsum am Set seiner Serie. 


Herr Kreuzpaintner, wie ist Ihre Techno-Serie „Beat“ entstanden? 

Marco Kreuzpaintner: Aus der Stille heraus. Nach zwölf Jahren in Berlin hatte ich die Schnauze voll vom Lärm und bin zurück nach Bayern aufs Land gezogen. Dann hat Warner angefragt, ob ich einen Stoff für eine Amazon-Serie hätte. Und das erste Wort, das ich danach aufs Papier gesetzt habe, war „Beat“ -– nur weil es das Gefühl, aus dem ich gerade kam, so gut wiedergab. Daraus habe ich dann die Figur entwickelt und aus ihr die Geschichte. Ich halte das Ergebnis jetzt auch weniger für eine Techno-Serie als für die Geschichte meines Lebensgefühls der letzten Dekade.

Ich hätte auch an den Begriff der Krimi-Serie gedacht.

Aber ist es das?

Na ja, es gibt einen Psychopathen, der Leichen in Clubs aufhängt, es gibt Mafiosi, Organhändler, Polizisten und europäische Verfassungsschützer.

Ich finde, es ist keine Crime-Serie, trotz all der Crime-Elemente. Es gibt nicht so wahnsinnig viele Plot-Strukturen, und der Krimi-Plot ist eher ein Vehikel.

Nach dem Hollywood-Film „Trade“ und der Fernsehproduktion „Sanft schläft der Tod“ befassen Sie sich schon zum dritten Mal mit dem Thema Menschenhandel.

Und es ist mir noch nicht mal aufgefallen. Es berührt wahrscheinlich eine Ur-Angst in mir, der Freiheit beraubt zu werden. Und hier geht es um Organhandel, das Zynischste, was man mit Menschen machen kann: den Anderen nur noch als Rohstoff wahrzunehmen. Im Englischen spricht man von Organ Harvesting, Organernte. Als wäre der Körper ein Feld.

Haben Sie denn wenigstens eine Organspende-Ausweis?

Ich habe mal einen ausgefüllt, weiß allerdings nicht, wo er ist.

Jannis Niewöhner in Marco Kreuzpaintners Amazon-Serie "Beat". Foto: Amazon


Angesichts des Stoffs überrascht in „Beat“ die hohe Dichte an Klassiker-Zitaten, von Goethe bis Schiller. Ist das Ihre Antwort auf die „Fack ju Göhte“-Stimmung im deutschen Kino?

Daran habe ich, ehrlich gesagt, nicht gedacht. Ich bin einfach ein großer Verehrer der deutschen Klassik, und mir fällt auf: Im Entertainment spielt der eigene Kulturschatz eine eigenartig kleine Rolle. In englischen Filmen ist Shakespeare viel präsenter, als unsere Erzählvorbilder es hier sind. Und damit meine ich nicht nur Goethe, sondern alles bis zur Poesie Schlager, von denen ich in der Serie ja auch viele verwende. Deutschlands proletarisierte Filmwelt behandelt die deutsche Sprache sehr stiefmütterlich.

Und wieso ist das so?

Weil wir uns durch die Brüche in der Geschichte mit Vorbildern schwertun. Die romantische Idee des Genies wurde durch das Dritte Reich ad absurdum geführt.

Die Schlager der Serie haben Sie schon erwähnt. Liegt der kenntnisreichen Auswahl eine eigene Plattensammlung zugrunde?

Wenn, dann ist es die Sammlung meiner Eltern. Roy Black hat meine Kindheit begleitet. Bei uns gibt es bis heute einen Partykeller, in dem diese Platten alle noch aufgelegt werden. Karel Gott kann ich rauf und runter singen.

Vor gar nicht langer Zeit haben Sie sich beschwert, dass deutsche Filme nur Erfolg haben, wenn M'Barek, Schweiger oder Schweighöfer mitmachen. „Beat“ ist jetzt von Matthias Schweighöfers Firma Pantaleon ko-produziert.

Wobei Pantaleon nur im Hintergrund agiert hat. Es ist natürlich so, dass die Filmfinanzierung in Deutschland stark von den Stars abhängt, und nicht nur hier. Die Leute wollen ihre Helden sehen; und das begrenzt in gewisser Weise auch die Stoffauswahl. Das heißt nicht, dass ich etwas gegen Matthias Schweighöfer hätte und ihn nicht gern wieder in einem tollen Drama sehen würde. Diese drei Schauspieler sind nicht von ungefähr da, wo sie sind. Sie bieten eine große Projektionsfläche und wahrscheinlich auch ein großes Talent, das in mancher ihrer Produktionen vielleicht nicht voll zur Entfaltung kommt. Mit „You Are Wanted“ hat Matthias sich die erste deutsche Amazon-Serie zugetraut. Das fand ich ungeheuer mutig, und es hatte dann ja auch Erfolg.

Das weiß man ja nicht so genau, Amazon nennt schließlich keine Zahlen.

Na, man weiß es schon von den Internet-Kommentaren. Und dass Amazon und Netflix keine Zahlen über die Zuschauer nennt, halte ich für eine riesige Chance. Es ist doch Wahnsinn, Erfolg auf eine einzige Zahl runterzubrechen. Kritiker und auch Künstler sind alle ein bisschen auf die Quote konditioniert; aber eigentlich sollten wir doch an etwas anderem interessiert sein als an dem, was für den Konzern dahinter buchhalterisch entscheidend ist.

Karoline Herfurth in Marco Kreuzpaintners Amazon-Serie "Beat". Foto: Amazon

Ich habe gelesen, dass die Techno-Partys in „Beat“ nicht gestellt sind und trotz Kamera wirklich gefeiert wurde. Wie haben Sie verhindert, dass es am Set zu echten Drogentoten kommt? 

Gar nicht, wir haben den Leuten die Freiheit gelassen. Wenn sich jemand mit Drogen umbringen will, ist das seine eigene Entscheidung. Leibeskontrollen wären der Tod unserer Partys gewesen. Das Grundlegende war, wie wir gedreht haben: Normalerweise spielt man die Musik an, dreht im entscheidenden Moment den Ton runter und lässt die Menschen während der Dialoge nur noch so tun als ob. Wir haben die Musik laufen lassen und die Dialoge später nachsynchronisiert, damit die Leute neun, zehn Stunden durchtanzen konnten. Ich glaube, dass man diese Energie der Serie anmerkt.

Haben Sie sich bei „Beat“ Freiheiten genommen, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht bietet?

Man muss ja erstmal feststellen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen verändert sich in der Konkurrenz mit dem Internet. „Bad Banks“ ist der Beweis. Trotzdem ist es natürlich schön, dass einem bei Amazon keine Finanziers, Produzenten oder Redakteure sagen: Das geht nicht. Das betrifft die sexuelle Freizügigkeit meiner Figuren und ihr Drogenverhalten. Das ist einfach Teil dieser Szene; und ich versuche es auch ganz moralfrei zu sehen. Das gute Glas Wein gehört zu jeder Restaurant-Szene; hier werfen sich die Figuren eben immerzu was ein.

Sie selbst berichten, auch mal Teil der Szene gewesen zu sein. Wie passt ein exzessives Partyleben zu einer produktiven Karriere, in der Sie mit 27 Jahren den ersten Hollywood-Film hingelegt haben.

Ich arbeite sehr konsequent, aber ich kann auch sehr konsequent feiern.

Und dazu gehören auch Drogen?

Ich habe alles schon mal ausprobiert, außer die richtig harten Sachen. Und davon würde ich auch die Finger lassen.

Kosja Ullmann spielt in der Amazon-Serie "Beat" den Psychopathen. Foto: Amazon

Haben Sie versucht, im Berghain zu drehen? 

Ich habe jede Anlehnung ans Berghain tunlichst vermieden. Ich bin eine Bewunderer dieses Clubs, und jeder, der davon eine Kopie machen will, kann nur scheitern. Es ist ein Teil meines Lebensgefühls, und nur auf diese Weise prägt es den Film.

Sie zeigen ein Kind in den Fängen der Organhändler – wie dreht man so eine Szene?

Realistische Gewaltszenen mit Kindern zu drehen, ist eine schwierige Aufgabe. Man vereinfacht natürlich und sagt dem Kind, dass seine Figur es mit bösen Menschen zu tun hat, die ihm wehtun wollen – ohne ins Detail zu gehen. Ich habe versucht, an Gewalt aus der kindlichen Erfahrungswelt anzuknüpfen, an Mobbing auf dem Schulhof zum Beispiel. Man staunt aber auch, wie reif Kinder dann damit umgehen. Sie wollen von ihren Erfahrungen erzählen.

Beneidenswert früh sind Sie Assistent von Edgar Reitz geworden. Hat das Ihr serielles Erzählen geprägt? Und wie überhaupt kam es dazu?

Bestimmt hat mich das geprägt. Kennengelernt hatte ich ihn, als er ein Konzert in meiner Heimatstadt aufnehmen wollte und einen Kabelträger gesucht hat. Er hat mir seine Karte gegeben, mir nach dem Abi ein Volontariat angeboten und den Rat gegeben: Wenn man Filme machen will, muss man schreiben lernen. Aber wie lerne ich das? Von ihm? Damals hat er gerade seine Serie „Heimat“ digitalisiert und dafür noch einmal die Drehbücher gebraucht. Die waren, hat er gesagt, aber leider verloren oder nicht nicht digital verfügbar, sodass nun ich die Aufgabe hatte, alles noch mal zu sichten und das Skript zu rekonstruieren. Ich habe 10.000 Mark dafür bekommen, viel Geld für einen Abiturienten. Irgendwann kam mir das komisch vor, und ich habe Edgar gefragt: Wie kann es sein, dass er die Drehbücher seines Welterfolgs verbummelt hat? Da hat er gelacht und zugegeben: Na ja, die hab ich schon noch, aber ich dachte, das wäre eine gute Übung für dich. Ohne es mir zu verraten, war er mein Mäzen und Lehrer geworden.

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Die Amazon-Serie "Beat"

Die Amazon-Original-Serie erzählt von dem Mittzwanziger Robert Schlag, der in der Berliner Techno-Welt nur Beat genannt wird. Im Mikrokosmos der Clubs ist er eine anerkannte Größe, zur Realität hat er dank Partydrogen nur noch einen verschwommenen Bezug. Umso verblüffter ist er, als ein europäischer Geheimdienst gerade ihn als V-Mann auf den Gangsterboss Vossberg ansetzen will. Über Nacht drängen sich Psychopathen, Organhändler und Mafiabosse in den atemlosen Trip, der Beats Leben ist.  

Die Hauptrolle übernimmt Jannis Niewöhner ("Rubinrot", "Asphaltgorillas"), sein krimineller Antagonist ist Alexander Fehling ("Goethe!", "Homeland"). Karoline Herfurth und Christian Berkel spielen die Ermittlerfiguren. Der Regisseur hinter der Serie ist Marco Kreuzpaintner ("Krabat", "Coming In"). Die erste Staffel von "Beat" umfasst sieben Episoden von jeweils rund 60 Minuten und ist ab Freitag, 9. November, bei Amazon Prime Video verfügbar.

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