Interview zur Amazon-Serie "Beat" Herr Fehling, haben Sie schon mal Drogen genommen?

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Alexander Fehling spielt in der Amazon-Serie "Beat" einen eiskalten Organhändler. Foto: Amazon Prime VideoAlexander Fehling spielt in der Amazon-Serie "Beat" einen eiskalten Organhändler. Foto: Amazon Prime Video

Berlin. In der Amazon-Serie "Beat" ist Alexander Fehling der Gangster. Welcher Kino-Killer hat ihn selbst beeindruckt? Ein Interview.

Er war als Goethe und als RAF-Mann Baader im Kino zu sehen, er spielte den Freund von Claire Danes in der Serie "Homeland" und hatte einen Auftritt in Tarantinos "Inglourious Basterds". Jetzt hat Alexander Fehling eine Gangsterrolle in der Techno-Serie "Beat" (ab 9. November bei Amazon Prime) übernommen. Im Interview spricht der 37-Jährige über Drogen, gute Gangster und Rollenangebote, die man nur ablehnen kann. 


Herr Fehling, haben Sie einen Organspende-Ausweis? 

Fehling: Nee. 

Das liegt vermutlich an der Einfühlung in den mörderischen Organhändler, den Sie in „Beat“ spielen. 

Haha, gute Ausrede! Für die Figur war es natürlich sehr, sehr wichtig, keinen Ausweis zu haben. Jetzt ist das Projekt allerdings durch und damit bin ich wohl fällig und sollte mir endlich einen zulegen. Gut, dass Sie mich erinnern. 

Wie sind Sie zu der Amazon-Serie gestoßen? 

Christopher Doll, der Produzent, hatte mir drei Episoden zu lesen gegeben und mich direkt auf die Rolle von Vossberg angesetzt. Weil sie sehr langsam eingeführt wird, habe ich gewartet, bis die anderen Episoden und sogar der Schluss geschrieben waren. Ich fand die Figur schon vorher interessant, aber im Finale gibt es dann eine sehr lange und sehr gute Sequenz, so um die 20 Minuten. Das ist in den meisten Filmen, die vor allem ihre Geschichte vorantreiben, völlig undenkbar. Als ich das gelesen hatte, habe ich zugesagt und bin mit dem Autor Norbert Eberlein und Christopher Doll in die Feinarbeit gegangen. 

Die Leidenschaftslosigkeit, mit der Ihr Gangster selbst Leib und Leben von Kindern ausbeutet, hat etwas Monströses. Wie haben Sie Empathie aufgebaut? 

Genau das ist die Aufgabe. Erstmal ist es so, dass ich nicht einfach ein Monster spielen könnte. Wäre das mein Plan, würden Sie am Ende kein Monster sehen, sondern eine Maskerade. Man spielt immer etwas anderes, und in der Interpretation durch die Zuschauer entsteht dann etwas Drittes. Und natürlich ist selbst der schlimmste Verbrecher ein Mensch wie du und ich, kein Monster, sondern eine Person, die extreme Entscheidungen fällt. Dafür brauche ich einen Inhalt: die Herkunft, das Milieu, die Vorgeschichte der Figur. Hier war das aber vielleicht gar nicht so wichtig: Die monströse Wirkung entsteht bei Vossberg aus dem Verhältnis von grausamen Taten und deutlichen Worten. Darum habe ich mich am meisten darum gekümmert: seine Worte, sein Sprechen aus der Situation heraus plausibel zu machen. Denn er redet sehr viel. 

Mythische Gangsterfiguren begleiten die Filmgeschichte. Gibt es welche, die Sie geprägt haben, die vielleicht sogar für „Beat“ eine Rolle gespielt haben?

Oh, jetzt wecken Sie meinen Ehrgeiz, wirklich den allerbesten zu nennen. Ich nehme einen, der weit von Vossberg weg ist: Joe Pesci, der in „Casino“ vollkommen unkontrolliert immer wieder den Kugelschreiber in den Hals seines Gegners schlägt. So eine Szene wird mir sicher nie geschenkt. 

Rohe Gewalt: Joe Pesci (linkt, neben Robert De Niro) als impulsiver Mörder in Scorseses "Casino". Foto: imago/TBM UnitedArchives

Das ist tatsächlich der Gegenentwurf zur beherrschten Souveränität Ihrer Figur. 

Die am Ende natürlich noch einmal ins Wanken gerät. Das war bei der Drehbuch-Lektüre meine große Frage: Bleibt es bei dieser einen Qualität? Vossberg trinkt nicht, er hat keine Freude an der Gewalt, die Orgien der anderen Gangster interessieren ihn nicht. Und es gibt nichts Langweiligeres als ungebrochene Souveränität, im Schauspiel wie im Leben. Aber der Drang nach Kontrolle, nach Souveränität und Macht ist spannend – weil ihm nur eine genauso große Angst zugrunde liegen kann. 

Der Regisseur Marco Kreuzpaintner sieht „Beat“ mehr als Geschichte eines Lebensgefühls, denn als Gangsterserie. Sie sind in Reichweite des Berghains aufgewachsen. Ist das Ihre Welt? 

Ich kenne das alles sehr gut, auch wenn meine ganz wilden Zeiten vorbei sind. Einer meiner besten Freunde ist DJ, und viele Jahre lang haben wir viele dieser Orte erlebt und uns auch für die Musik interessiert. Ohne Interesse an der Musik geht es nicht. 

Was müssen Sie denn nehmen, um darauf tanzen zu können?

(Alexander Fehling lächelt vielsagend.)

Verstehe. Da schreiben wir statt einer Antwort also: „lächelt vielsagend“.

Gern, das trifft's gut. Ich erinnere mich noch, wie ich zum allerersten Mal ins Berghain gegangen bin, vielleicht vor zwölf Jahren. So was hatte ich noch nie gesehen, eine Tanzhalle mit 400 halb nackten Körpern im Strobolicht und im Klang der besten Anlage der Welt. Und mein erster Gedanke war: Wenn meine Mutter wüsste, wo ich jetzt bin … 

Sind Sie in all die Ausschweifungen gestolpert, die die Serie jetzt zeigt?

Da kann ich Sie beruhigen: In einen Darkroom muss man reinwollen, um ihn zu finden. Da stolpert keiner.

Sie gehören zu den Schauspielern, die Rollenangebote ablehnen können. Wann sagen Sie Nein?

Alexander Fehling in der Amazon-Serie "Beat". Foto: Amazon Prime Video

Ich lese oft Drehbücher, bei denen ich denke: Ich weiß, was ihr wollt – aber es ist nicht da. Das kann ich dann nicht machen. Aber natürlich gibt es viele andere Gründe, zu- oder abzusagen: Ich möchte mich nicht wiederholen. Ich suche nach Menschen, Regisseuren, Kollegen, mit denen ich mich verbünden kann. Ich will scheitern können. Aber vor allem brauche ich gutes Material: dreidimensionale Figuren, gute Drehbücher. Ein gutes Indiz dafür sind die Dialoge. Ich gucke immer, ob die Figuren unterschiedlich klingen oder ob überall nur der Autor spricht.

Einer Ihrer Regisseure, dessen Dialoge berühmt sind, ist Quentin Tarantino. Ärgern Sie sich, wenn Sie immer wieder auf die amerikanischen Projekte angesprochen werden, auf „Inglourious Basterds“ und Ihre „Homeland“-Staffel?

Ich verstehe, dass die Neugier auf internationale Produktionen groß ist. Ich verstehe sogar den Sachzwang von Journalisten, die einen deutschen Film besser verkaufen können, wenn im Untertitel Tarantino steht. Trotzdem nervt es mich. „Inglourious Basterds“ ist zehn Jahre her und ich hatte eine kleine Rolle. Ich bin nicht Christoph Waltz, und selbst den nervt die Frage inzwischen vermutlich.

„Homeland“ und die „Basterds“ wurden beide in Berlin und Brandenburg realisiert. Verdanken hiesige Schauspieler ihre US-Rollen der deutschen Filmförderung?

Wenn deutsche Schauspieler auch international gut beschäftigt sind, hat es sicher damit zu tun, dass hier Geld bereit liegt. Auch damit, dass die Globalisierung eben auch die Unterhaltungsindustrie erfasst. Und es liegt natürlich am Serien-Boom. Das ist doch unglaublich, wie viel da auf einem guten Niveau produziert wird. Es gibt zurzeit sehr viel lohnende Arbeit für Schauspieler. Und trotzdem bleibt die Suche nach einer guten Rolle schwierig.  

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Die Amazon-Serie "Beat"

Die Amazon-Original-Serie erzählt von dem Mittzwanziger Robert Schlag, der in der Berliner Techno-Welt nur Beat genannt wird. Im Mikrokosmos der Clubs ist er eine anerkannte Größe, zur Realität hat er dank Partydrogen nur noch einen verschwommenen Bezug. Umso verblüffter ist er, als ein europäischer Geheimdienst gerade ihn als V-Mann auf den Gangsterboss Vossberg ansetzen will. Über Nacht drängen sich Psychopathen, Organhändler und Mafiabosse in den atemlosen Trip, der Beats Leben ist. 

Die Hauptrolle übernimmt Jannis Niewöhner ("Rubinrot", "Asphaltgorillas"), sein krimineller Antagonist ist Alexander Fehling ("Goethe!", "Homeland"). Karoline Herfurth und Christian Berkel spielen die Ermittlerfiguren. Der Regisseur hinter der Serie ist Marco Kreuzpaintner ("Krabat", "Coming In"). Die erste Staffel von "Beat" umfasst sieben Episoden von jeweils rund 60 Minuten und ist ab Freitag, 9. November, bei Amazon Prime Video verfügbar.

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