Interview zur Amazon-Serie "Beat" Jannis Niewöhner: Im Berghain wurde ich abgewiesen

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Jannis Niewöhner ist erwachsen geworden: In der Amazon-Serie "Beat" spielt er einen Techno-Junkie, der in ein Mordkomplott gerät. Foto: Amazon PrimeJannis Niewöhner ist erwachsen geworden: In der Amazon-Serie "Beat" spielt er einen Techno-Junkie, der in ein Mordkomplott gerät. Foto: Amazon Prime

Berlin. In der Amazon-Serie "Beat" spielt Jannis Niewöhner einen Techno-Fan inmitten von Killern. Ein Interview über den Exzess.

Ab dem 9. November ist bei Amazon die Serie "Beat" zu sehen. Jannis Niewöhner spielt darin den Techno-Promoter Beat, der in ein mörderisches Komplott um Mafia-Geschäfte und Menschenhandel gerät. Im Interview spricht der 26-Jährige, der mit "TKKG" und Kerstin Giers Edelstein-Trilogie zum Mädchenschwarm wurde, über Drogen, die Berghain-Türsteher und einen weltberühmten Kinderstar, der sein Vorbild wurde.

Herr Niewöhner, Ihre Amazon-Figur Beat tanzt sprichwörtlich unter Leichen, er wird Zeuge einer Hinrichtung, von Mafia-Bossen beschossen und arbeitet nebenher noch seine eigene Adoptionsgeschichte auf. Wie spielt man eine Rolle, die nur aus traumatischen Extremsituationen besteht? 

Es ist auf jeden Fall ein Overkill, für Beat, aber auch für mich als Schauspieler. Ich glaube, dass das die Figur so spannend macht: Normalerweise treiben Hauptcharaktere die Handlung voran. Beat steckt mitten im Sturm der Ereignisse und ist vollkommen passiv. Alles stößt ihm zu, und er reagiert.


Beat tröstet sich, indem er kokst, kifft und Pillen einwirft. Es gibt ein bekanntes Handbuch, das Schauspielern die Wirkung verschiedener Drogen erklärt ... 

„The Power of the Actor“ von Ivana Chubbuck, das kenne ich. Aber für die Drogen musste ich es nicht noch mal lesen. Beat ist die meisten Zeit auf allem gleichzeitig. Er nutzt Drogen auch nicht mehr so wie Leute, die sie zum Vergnügen nehmen. Bei ihm geht es nur noch darum, sich irgendwie zu betäuben und aufzuputschen, damit er durch seine Paranoia kommt.

Gucken Sie andere Filme an, um sich auf so eine Rolle vorzubereiten? „Trainspotting“, „Berlin Calling“?

Ich glaube, „Trainspotting“ hatte ich mir sogar wirklich noch mal angeguckt. Aber vor allem waren es Dokus; es gibt eine sehr gute über die Techno-Szene auf YouTube: „Don't forget to go home“. Da werden Leute interviewt, die jahrelang in der Szene waren und irgendwann festgestellt haben, dass die Euphorie aufhört. Und was macht man dann? Das war genau das, was mich an der Serie interessiert: die Verlockung einer Welt, in der man sich vor allen Problemen verstecken kann – in der man sie aber eben auch nicht löst.

Wie nah sind Sie als junger Star, der von einer Premierenfeier zur nächsten gereicht wird, dieser Partywelt denn selbst? Haben Sie eine Dauerkarte fürs Berghain?

Im Berghain war ich tatsächlich noch nie. Als ich mit 19 Jahren nach Berlin gezogen bin, stand ich viermal davor, aber die Türsteher haben mich nie reingelassen. Klar, man erzählt sich viel über den Club, und natürlich gehe ich auch gern tanzen. Aber der ganz große Techno-Experte bin ich dann auch nicht; deshalb habe ich es seitdem auch nicht mehr versucht. Und was die Premierenfeiern angeht: Es ist tatsächlich so, dass diese Veranstaltungen für mich Teil des Berufs sind. Man muss es schon auch genießen, aber es bleibt Dienst. Es ist nicht so, dass ich mir, was weiß ich …

… von der PR-Betreuerin eine Line legen lasse.

Genau. Eine Line Koks würde ich mir auch selbst nicht legen. Im Gegensatz zu dem ein oder anderen amerikanischen Teenie-Star bin ich nicht in der Gefahr, auf diese Weise abzustürzen. Dafür bin ich zu behütet aufgewachsen.

Wie verführerisch ist für Sie der Kontrollverlust, den Beat im Techno sucht? 

Auch wenn ich nicht im Berghain war, habe ich natürlich in Clubs gefeiert und Extremsituationen mitbekommen. Und auch mitgemacht. Die Erfahrung kann man sich ruhig geben; im Kontrollverlust spürt man sich selbst natürlich noch einmal ganz anders als im Alltag. Man darf sich nur nicht darin verlieren.

Jannis Niewöhner als Beat. Foto: Amazon Prime Video

Kinderstar ist ein schönes Stichwort. Sie drehen seit Ihrem 13. Lebensjahr und hatten die erste lange Beziehung mit einem Mädchen, das als Schauspielerin ebenfalls in der Öffentlichkeit stand. Haben Sie sich manchmal gewünscht, einfach nur zur Schule zu gehen?

Das habe ich wirklich nie gedacht. Ich habe mir immer nur gewünscht, das alles als ernsthaften Beruf auszuüben. Trotzdem war es manchmal schwer, vor allem wenn ich in der Vollpubertät Filme gedreht habe, die die Leute in meinem Alter dann auch geguckt haben. Alle hatten eine Meinung über mich, und das ist eine echte Überforderung, wenn man 15 ist – egal, ob sie einen lieben oder hassen. Das habe ich verflucht, aber ich habe es auch in Kauf genommen, damit der Film meine Welt wird.

Wie haben Sie die Karriere von Stars wie Daniel Radcliffe oder Miley Cyrus verfolgt, die all das in einem noch gewaltigeren Maßstab erlebt haben? Gibt es Kinderstars, die Sie als Vorbild wahrnehmen?

Ein Super-Beispiel ist für mich Ryan Gosling, auch wenn er keine so riesige Aufgabe wie Daniel Radcliffe hatte. Der hat mit sieben oder acht Jahren im „Mickey Mouse Club“ angefangen, getanzt und Sketche gedreht, das über Jahre als Teenie-Star gemacht – und sich dann rausgenommen, eine klare Linie gezogen und ganz andere Projekte verfolgt. Und man merkt ja, was für eine Entwicklung dann stattgefunden hat. Die größte Gefahr ist, den sicheren Weg zu wählen und einfach bei der Sache zu bleiben, die funktioniert. Da bin ich auch nicht frei von; und ich wie alle bin ich deshalb auf Leute angewiesen, die mich wieder in unsichere Gebiete führen. So wie Detlev Buck es gerade mit „Asphaltgorillas“ gemacht hat. Man darf nie denken, dass man schon weiß, wie es geht.

Mit „Jugend ohne Gott“ haben Sie gerade noch einen schultauglichen Film gedreht. „Asphaltgorilas“ und „Beat“ sind jetzt Geschichten aus der Berliner Unterwelt, weit weg von allem, das sich die zwölfjährigen Fans von „Smaragdgrün“ ausmalen. Ist das genau der Bruch, den Sie bei Ryan Gosling beschreiben?

Ich bin da nicht so radikal. Jedenfalls würde ich nichts kategorisch ablehnen, weil es aus dem Jugendsegment kommt, nur um mich erwachsen zu fühlen. Wenig Filme haben mich so geprägt wie meine allererste Begegnung mit „Michel aus Lönneberga“. Das will ich unbedingt weitermachen. Aber ich werde einfach älter, und damit kommen gerade Rollen auf mich zu, auf die ich lange gewartet habe. Eine Serie wie „Beat“ habe ich vorher noch nie gemacht; das ist etwas, mit dem man auf die Nase fallen kann, bei dem man Erfahrungen und vielleicht sogar Fehler macht, an denen man wächst. Ohne es zu groß zu planen, sind das Dinge, bei denen ich zugreife.

Beat lebt die Entgrenzung: Jannis Niewöhner in einer Szene aus Marco Kreuzpaintners Amazon-Serie. Foto: Amazon Prime Video

Eine Amazon-Serie ist auch die Möglichkeit, sich international zu präsentieren. Wie wichtig ist das? 

Es ist ein Anreiz, und natürlich denkt man darüber nach. Aber es soll nie der Grund für eine Zusagen sein; ich will weiter nach dem Stoff entscheiden, nach der Figur oder dem Regisseur, der es macht.

Sie waren auch schon in der US-Serie „Berlin Station“ zu sehen und in Duncan Jones' Netflix-Film „Mute“. Haben Sie eine US-Agentur, die solche Projekte für Sie an Land zieht?

Nee. Und im Nachhinein denke ich auch: Die Rolle in „Mute“ war so klein, dass ich wirklich nur reinschnuppern konnte. Ich war schon einmal für eine Zeit nach Amerika gegangen, um überhaupt zu Castings gehen zu können; aber dann habe ich mich doch erstmal gegen Hollywood entschieden. Im Moment ist hier einfach so viel möglich, dass ich das nicht alles für kleinere, weniger spannende Rollen hergeben will, nur weil die Produktion international ist. „Mute“ und „Berlin Station“ waren gute Erfahrungen, aber nicht mehr wert als deutsche Filme.

Eine Schlussfrage, die ich allen Beteiligten der Serie gestellt habe: „Beat“ erzählt von mörderischen Organhändlern – haben wenigstens Sie einen Organspende-Ausweis?

Es ist natürlich ein Unding, aber – leider habe ich keinen.

Mehr zum Thema:


Über die Amazon-Serie "Beat"

Die Amazon-Original-Serie erzählt von dem Mittzwanziger Robert Schlag, der in der Berliner Techno-Welt nur Beat genannt wird. Im Mikrokosmos der Clubs ist er eine anerkannte Größe, zur Realität hat er dank Partydrogen nur noch einen verschwommenen Bezug. Umso verblüffter ist er, als ein europäischer Geheimdienst gerade ihn als V-Mann auf den Gangsterboss Vossberg ansetzen will. Über Nacht drängen sich Psychopathen, Organhändler und Mafiabosse in den atemlosen Trip, der Beats Leben ist.  

Die Hauptrolle übernimmt Jannis Niewöhner ("Rubinrot", "Asphaltgorillas"), sein krimineller Antagonist ist Alexander Fehling ("Goethe!", "Homeland"). Karoline Herfurth und Christian Berkel spielen die Ermittlerfiguren. Der Regisseur hinter der Serie ist Marco Kreuzpaintner ("Krabat", "Coming In"). Die erste Staffel von "Beat" umfasst sieben Episoden von jeweils rund 60 Minuten und ist ab Freitag, 9. November, bei Amazon Prime Video verfügbar.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN