Ehemaliger Mordermittler im Interview Profiler Axel Petermann über den realistischsten TV-Kommissar

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Ruhestand scheint für den langjährigen Profiler und Mordermittler der Bremer Kripo ein Fremdwort zu sein: Axel Petermann (66) ist nach drei erfolgreichen Sachbüchern über seine spektakulärsten Fälle zur Belletristik gewechselt und hat zusammen mit Claus Cornelius Fischer einen packenden „True-Crime-Thriller“ vorgelegt: „Die Elemente des Todes“. Einen Tag, bevor er wegen akuter gesundheitlicher Probleme seine Lesereise unterbrechen muss, verrät er in einem Bremer Café, wer in seinen Augen der realistischste TV-Kommissar ist, warum die Nähe zum Rotlicht für ihn immer zur Arbeit gehörte und ihn das Böse bis heute fasziniert:

Herr Petermann, Sie haben nahezu Ihr ganzes Berufsleben bei der Kriminalpolizei verbracht, die meisten Menschen kennen Kriminalkommissare aber nur aus dem Fernsehen. Welcher TV-Kommissar kommt dem wahren Leben am nahesten?

Das war früher Joachim Król als Frank Steier im Tatort aus Frankfurt, und das ist heute der Faber aus dem Dortmunder Tatort. In der Mordkommission habe ich es gelernt, auf der Spur zu arbeiten, wie es im Polizeijargon heißt. Man kommt zu einem Tatort, stellt fest, was dort geschehen ist – welche Spuren können gesichert und untersucht werden und geben möglicherweise Hinweise auf den Täter? Man vernimmt Zeugen, guckt in die Biografie des Opfers, ob sich daraus ein Motiv ergibt, macht Vernehmungen und versucht letztendlich, Sachspuren und Personalbeweis in einen Einklang zu bringen und eine Indizienkette zu schaffen, die auch vor Gericht standhält.

Das macht der Faber auch?

Ja, und er geht genauso wie ich noch weiter und sucht die Spur hinter der Spur: Welche Bedürfnisse hatte der Täter? Welche Fantasien und Absichten könnten dahinterstecken? Er beginnt zu rekonstruieren, indem er sich in das Tatgeschehen hineindenkt und versucht, einen plausiblen Ablauf zu finden. Das gefällt mir, weil es eben auch mein Ansatz ist.

Welcher TV-Kommissar geht denn gar nicht?

Devid Striesow als Stellbrink im Tatort aus Saarbrücken, den gibt’s ja zum Glück nicht mehr. Die Münsteraner sind unterhaltsam, aber wenn es um die Profiarbeit geht, eher daneben. Und unser Hamburger Freund ist ja zumindest seit einiger Zeit nicht mehr aktiv.

Die Bremer Tatort-Kommissare haben in ihrem letzten Fall einen Vampir gejagt – wie gefällt Ihnen denn so ein Plot?

Zunächst mal habe ich damit gar nicht gut leben können. Der war mir einfach zu wirklichkeitsfremd.

Bald ist ja Schluss – es gibt nur noch einen Fall für Lürsen und Stedefreund. Empfinden Sie als Bremer da ein bisschen Wehmut?

Wehmut empfinde ich allein deshalb schon, weil ich den Bremer Tatort ja seit 2001 beraten habe und viele Erinnerungen damit verbunden sind. Als Stedefreund eingeführt wurde, war Oliver Mommsen bei uns zu Hause und hat sich von mir erzählen lassen, wie man sich als Kommissar denn verhält. Früher wurde auch mehr gefeiert – zu Drehbeginn und zum Drehschluss, beim Bergfest war ich allerdings nicht dabei. Es war eine ganz intensive Zusammenarbeit, die aber mittlerweile nachgelassen hat.

Eine der stärksten Bremer Tatort-Folgen war „Brüder“ von 2014, in der es um arabische Clan-Kriminalität ging. Ist es wirklich so schlimm?

Ich bin ja seit einigen Jahren nicht mehr aktiv, aber ich weiß von früher, dass sich Kollegen massiv bedroht fühlten und Angst hatten, weil auch ihre Familien bedroht und Details über deren Lebensgewohnheiten bekannt wurden.

Man hat ja den Eindruck, dass die Politik erst in diesem Jahr aufgewacht ist, was das Problem der Clan-Kriminalität angeht.

Ja, indem man endlich Autos beschlagnahmt, Häuser und Gelder konfisziert, die aus illegalem Handel stammen. Lange hat die Personalstärke nicht ausgereicht, wurde das Potenzial dieser Clans falsch eingeschätzt. Die Polizei braucht auch entsprechendes Personal und Ressourcen. Es wurde aber an allen Ecken und Kanten gespart, und dann war man nicht bereit, für diesen Schwerpunkt einzutreten, weil andere dann wiederum hätten vernachlässigt werden müssen.

Haben Sie eigentlich auch in der Literatur einen Lieblings-Kommissar?

Ja, nach wie vor meinen Wallander. Vor allem der erste Wallander-Darsteller Rolf Lassgard erinnert mich immer an einen Kollegen und eine Zeit, die ich heute als heile Kripo-Ermittler-Zeit bezeichnen würde. Damals hatten wir schon manchmal eine gewisse Nähe zu Menschen, bei denen man heute sagen würde: Puh, das geht ja gar nicht. Bei Wallander schwingt noch etwas aus der Zeit mit, in der ich bei der Polizei groß geworden bin. Bei allen Gegensätzen zu den Menschen, mit denen wir es zu tun hatten, gab es immer auch noch ein bisschen Respekt. Natürlich wusste man, dass man auf unterschiedlichen Seiten steht, aber es war dennoch nicht alles nur Anmache und Berechnung.

Erzählen Sie mal.

1975, ich war damals Durchläufer, war ich mit dem späteren Polizeipräsidenten und einem weiteren Kollegen zusammen in einem Team. Außer Tötungsdelikten bearbeiteten wir noch Raub und Vergewaltigung, da war richtig viel zu tun. Wenn etwas passierte, fuhr man erst mal an die Küste, das war in Bremen der Begriff für das Rotlichtmilieu am Hafen. Die Kollegen hatten da ihre V-Leute, haben letztendlich mitgetrunken, und ich als Durchläufer musste dann fahren. Dennoch – da bekam man so einiges an Infos. Für mich war seitdem klar: Wenn ich etwas aus dem Milieu erfahren will, aus dem Straftaten hervorgehen, muss ich dessen Nähe suchen, gleichzeitig aber auch Distanz zu den Verdächtigen bei der Strafverfolgung zeigen. Die unterschiedlichen Positionen müssen klar sein, Verbrüderungen mit dem Milieu darf es nicht geben.

Die Nähe zum Rotlicht gehörte also Ihrer Ansicht nach zur Polizeiarbeit?

Ja. Als wir einen Prostituiertenmörder, der drei Frauen umgebracht hatte, überführten, erschien bei uns eine Delegation von Prostituierten mit zwei Präsentkörben voller Alkohol und wollte eine Siegesfeier veranstalten. Ich weiß gar nicht, über wie viele Wochen wir bei diesen Frauen in ihren Studios gesessen und Sie vor dem Serienmörder geschützt hatten. Aber stellen Sie sich das mal heute vor. Da frage ich mich doch: War das wirklich nur schlecht?

Heute kann man in vielen Bereichen eine zunehmende Respektlosigkeit gegenüber der Polizei beobachten. Hängt das auch damit zusammen, dass sich Tätergruppen verschoben haben?

Ich denke, dass da ein Wertewandel stattgefunden hat. Jeder sieht seine eigenen Rechte als die wichtigsten an, niemand ist mehr bereit, auch mal auf etwas zu verzichten. Und es gibt eine Tendenz in unserer Gesellschaft, Regeln nicht anzuerkennen und sich darüber hinwegzusetzen. Das betrifft auch Bevölkerungsgruppen, die neu sind in unserem Land und das erst mal lernen müssen, obwohl sie oft aus viel hierarchischeren und restriktiveren Strukturen kommen.

Die Zahl der Straftaten geht seit Jahren zurück, aber viele Menschen fühlen sich immer unsicherer.

Vor allem die Tötungsdelikte sind stark zurückgegangen. Zwischen 1975 und 1980 hatten wir in Bremen jeden Monat einen Mord, manchmal auch zwei, das machte allein in dieser Stadt 16 oder 17 im Jahr. Dazu kamen etwa 30 bis 35 versuchte Taten. Bundesweit gab es über 2500 Tötungsdelikte, und das in einem damals noch geteilten Staat. Seit der Wende ist das kontinuierlich nach unten gegangen, heute sind es weniger als 500 im ganzen Jahr.

Warum fühlen sich viele Menschen dennoch so unsicher?

Die Medien berichten viel intensiver auch über Ereignisse, die sich an den entferntesten Orten der Welt ereignen. Dazu kommt eine Furcht vor dem und den Fremden, die zu uns kommen. Eine Angst, dass diese Menschen Grenzen und Rechte der anderen nicht respektieren. Und ich glaube, dass die Anzahl der Einbrüche dazu beiträgt, bei denen ja immer jemand in den engsten Lebensbereich eines Menschen eindringt. Auch die Gewalt ist eine andere geworden – es gibt so viel idiotische Gewalt: Manchmal reicht es ja, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein und jemandem gerade nicht zu passen. Dann haut er dir eine rein, und du weißt gar nicht, warum dir das jetzt geschehen ist. Wenn Frauen in Berlin in der U-Bahn-Station grundlos eine Treppe hinuntergestoßen werden und die Bilder bundesweit im Fernsehen zu sehen sind, trägt das natürlich zur Verunsicherung bei.

Wo sehen Sie da die Rolle der Polizei?

Ich habe ja immer gedacht, dass Reformen etwas Positives sind. Aber wenn sie bedeuten, dass man Polizeireviere schließt oder zusammenlegt und die Menschen darauf verweist, dass sie ja online eine Anzeige erstatten können, verliert man die Nähe zur Bevölkerung. Dann setzt eine Entfremdung ein.

„True Crime“, die wahren Verbrechen, scheinen die Leute ganz besonders zu faszinieren. Sie haben jetzt einen TrueCrime-Thriller geschrieben. Profitieren Sie von dieser Faszination?

Natürlich profitiere ich davon, das merke ich auch jetzt wieder auf meiner Lesereise mit „Die Elemente des Todes“. Meine ersten drei Bücher waren ja Sachbücher, also noch mehr „True Crime“ als jetzt.

Warum schreiben Sie solche Bücher?

Ich finde es wichtig mitzuteilen, was es alles gibt. Ich möchte, dass die Opfer nicht vergessen werden und ihre Würde gewahrt wird – das ist ein ganz großer Antrieb von mir. Und ich finde, dass man auch mal klar Position beziehen muss, wenn die Polizei schlechte Arbeit gemacht hat. Ich möchte den Angehörigen das Gefühl vermitteln: Es gibt immer noch jemanden, der an euch denkt.

Nun ist es ein Thriller statt eines Sachbuchs geworden, allerdings basierend auf einem tatsächlichen Fall.

Es war schon immer mein Wunsch, dass ich mich auch mal in der Belletristik versuche. Es gab ja vorher schon zwei Versuche, aber da passte es nicht mit den Co-Autoren. Claus Cornelius Fischer dagegen ist ein sehr feinfühliger Autor.

Wie haben Sie sich gefunden?

Über den Verlag. Wir haben uns dann vor zwei Jahren auf einer Buchmesse kennengelernt und anschließend mehrfach in München getroffen.

Was an dem Buch stammt von Ihnen und was von Claus Cornelius Fischer?

Die Geschichte stammt von mir, all das, was die kriminalpolizeiliche Arbeit und das Profiling betrifft, die Tatortbeschreibungen und natürlich die Gefühle des Kommissars – ich hab das ja alles selbst erlebt. Was ich schön finde, ist, dass dieser Larsen in eine Pension zieht, während er an dem Fall arbeitet, damit das Böse nicht zu ihm nach Hause kommt. Das ist das, was meine Frau mir irgendwann auch mal vermittelt hat.

Inwiefern?

Wir wohnten in Bremen in dem Viertel am Weserstadion, wo ich mich wirklich pudelwohl fühlte und von wo ich eigentlich nie weggegangen wäre. Aber meiner Frau wurde es irgendwann zu viel, dass Menschen, mit denen ich beruflich zu tun hatte, auch dort wohnten und sie ansprachen, wenn sie mit dem Kinderwagen unterwegs war. Da hat auch mal die Mutter eines Mörders den Kontakt zu ihr gesucht. Ein anderes Mal stand eine Prostituierte, die von ihrem Freier verprügelt worden war, splitterfasernackt vor unserer Tür und wollte reingelassen werden. Irgendwann hat mir meine Frau gesagt, dass sie das nicht mehr haben und entweder nach Hamburg oder ins Landschaftsschutzgebiet ziehen wolle. Deshalb wohnen wir heute auf dem Land.

Wie schreibt man zu zweit einen Roman? An der Tastatur kann ja immer nur einer sitzen.

Es gab ja eine Tastatur in München und eine in Bremen. Der Fahrplan, die Kapitel standen vorher fest. Wir haben uns dann getroffen, er hat dann seine Kapitel geschrieben, ich anschließend meine und so weiter. Claus hat meine Sachen immer noch überarbeitet, um es stilistisch anzupassen. Wir mussten uns ganz schön zusammenraufen, aber jetzt ist es auf einem guten Weg.

Wie sehr müssen Sie einen realen Fall verfremden, um darüber in Romanform schreiben zu können?

Ich verändere die Personalien der Protagonisten, die biografischen Daten und die Orte, wobei mir wichtig ist, dass die Charaktere erhalten bleiben und ich sehr genau wiedergebe, was den Opfern angetan wurde. Die Dialoge sind natürlich frei.

Daniel Becker, der Haupttäter in Ihrem Buch, ist ein ausgeprägter Sadist und die Schilderung seiner Taten und Fantasien wahrlich nichts für sensible Gemüter.

Stimmt, das ist wirklich harter Stoff, der jetzt auch schon mehrfach mit „Kaltblütig“ von Truman Capote verglichen wurde. Das Erschreckende daran ist, dass es nicht ausgedacht ist, sondern ganz real so war. Es gibt Menschen unter uns, die Dinge tun, von denen wir uns einfach nicht vorstellen können, dass es sie tatsächlich gibt.

Sie sind jetzt seit fast fünf Jahren im Ruhestand – und hätten das Böse eigentlich hinter sich lassen können.

Ja, aber es fasziniert mich. Irgendwie bin ich dem wohl ausgeliefert (lacht).

Axel Petermann

wird am 6. Oktober 1952 in Bremen als Sohn eines Polizisten und einer Hausfrau geboren. In der Hansestadt absolviert er die höhere Handelsschule, das Abitur holt er später nach. 1970 beginnt er seine Ausbildung bei der Polizei, arbeitet zunächst bei der Bereitschafts- und dann ein Jahr lang bei der Schutzpolizei. 1975 dann der Wechsel zur Kripo, im Januar 1975 landet er wunschgemäß bei der Mordkommission. In Bremen gibt es schon damals im Gegensatz zu anderen Bundesländern eine ständige Mordkommission als Teil des Kommissariats für Kapitalverbrechen.

Petermann absolviert unter anderem beim Bundeskriminalamt eine Ausbildung zum „zertifizierten Fallanalytiker“, wie Profiler in der Amtssprache genannt werden. Zudem berät er seit 2001 die Redaktion des Bremer Tatorts. Sein erstes Buch „Auf der Spur des Bösen“, in dem er eigene Fälle nachzeichnet, rangiert 20 Wochen lang in der „Spiegel“-Bestsellerliste. Der Hessische Rundfunk (HR) verfilmt insgesamt vier Episoden daraus als „Tatort“-Folgen mit Nina Kunzendorf und Joachim Król.

Nach zwei weiteren Sachbüchern veröffentlicht er im Herbst 2018 den äußerst spannenden, aber auch ziemlich harten True-Crime-Thriller „Die Elemente des Todes“, der auf einem von ihm ermittelten Fall basiert und den er zusammen mit dem Krimiautor Claus Cornelius Fischer („Commissaris van Leeuwen“) geschrieben hat. Die Lesereise muss er wegen akuter gesundheitlicher Probleme unterbrechen.

Axel Petermann ist verheiratet und Vater dreier volljähriger Söhne. Mit seiner Frau Anna lebt er in Oyten bei Bremen.


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