Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg Sehenswert: Zwei Dokudramen über die letzten Tage des Krieges

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Die Matrosen Werner Mewes (li.), Rudolf Gläser (Mi.) und Hermann Knüfken (re.) löschen die Feuer in den Kesseln und retten sich so vor einem sinnlosen Tod.Die Matrosen Werner Mewes (li.), Rudolf Gläser (Mi.) und Hermann Knüfken (re.) löschen die Feuer in den Kesseln und retten sich so vor einem sinnlosen Tod.

Osnabrück. Am 11. November 1918 endet für das Deutsche Reich im Wald von Compiègne bei Paris der Erste Weltkrieg. Das 100-jährige Gedenken ist auch für die Fernsehsender ein Grund, das Ende des Krieges in den Blick zu nehmen. Und das gerne mit Dokudramen und gerne am Feiertag.

Das Volk hat genug. Genug Tote, genug Hunger. Und jetzt, Ende Oktober 1918, soll die Flotte ins letzte Gefecht. Die Flotte, der Stolz des Kaisers. Sie soll die deutsche Ehre retten – bis in den Tod. Denn dass dieses letzte Flottenkommando ein Todeskommando ist, das ist allen klar. Auch den Matrosen, die in Kiel stationiert sind. Und denen, die schon auf See sind. Sie wagen es: Sie meutern. Sie lassen unten im Bauch der Schiffe die Kessel ausgehen. Kein Dampf, kein Kampf. Allenfalls das Kriegsgericht wartet. Wenn es noch dazu kommt.

„Aufstand der Matrosen“: So heißt ein Dokudrama heute Abend bei Arte und am Sonntag im NDR. Drei prominente Kommentatoren kommen zu Wort: ein amtierender Flottengeneral, der den Aufstand seiner Vorgänger bewertet; Sahra Wagenknecht, die als Linke, die linke Revolution der Matrosen kommentiert; und Björn Engholm, der als ehemaliger Kieler Landesvater die Taten der Kieler würdigt. Vor allem aber ist der Film ein Spielfilm, der das Ende des Ersten Weltkriegs aus Sicht der kleinen Leute schildert: des Matrosen Karl Artelt, ein charismatischer Revoluzzer, der den Aufstand anführt, seiner Verlobten Helene, einer Kaffeehauskellnerin mit Häubchen und Spitze, die über sich hinauswächst sowie deren Bruder August, ein ängstlicher Buchhalter, der am liebsten einfach abwarten würde.

Die kleinen Leute sind es, die in diesen letzten Oktober- und ersten Novembertagen den Druck so stark erhöhen, dass am Ende die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. steht und der Waffenstillstand von Compiègne. Ein sehenswerter Film, der die Not und die Entschlossenheit der Kieler Matrosen, die auf das ganze Volk übergreift, lebendig werden lässt.

Kaiserin Auguste Viktoria (Sunnyi Melles) und Kaiser Wilhelm II. (Sylvester Groth) erleben Anfang November 1918 die schwierigsten Tage ihres Lebens.


Wer dann noch die andere Seite sehen will, die der Entscheider, der sollte morgen im ZDF das Dokudrama „Kaisersturz“ ansehen, ebenfalls falls ausschließlich ein historischer Spielfilm, ab und zu unterbrochen von Originalbildern aus der Zeit und erläuternden Kommentaren aus dem Off. Es geht exakt um dieselbe Zeit: die letzten Oktober und die ersten Novembertage. Nur sind diesmal die Politiker die Protagonisten: Kaiser Wilhelm und seine Gattin, Kaiserin Auguste Viktoria; sein Vetter Max von Baden, der in den letzten Tagen Reichskanzler wird. Und die Sozialdemokraten Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann, die im Scheitern des Kaisers den Sieg der Demokratie erahnen.

Es ist dem Film hoch anzurechnen, dass er beides schafft: die politischen Verwicklungen zu erklären, die lange auch Auswege mit Erhalt des Kaisertums offenhielten; und die menschlichen Seiten der Mächtigen zu zeigen, bei denen Angst, Überforderung, Verbohrtheit, Hoffnung und Standesdünkel ineinander übergingen. Sie waren eben auch nur Menschen wie die Kieler Matrosen – wenn auch mächtigere.

Was ist historisch wahr, was ist erfunden?

Darf man das alles für bare Münze nehmen, was man da sieht? Stimmt das so? War das so? Für den „Aufstand der Matrosen“ gilt: Die Sache stimmt, viele Personen sind historisch, andere sind erfunden und die eher privaten Szenen um Karl und Helene sowieso.

Der „Kaisersturz“ ist wohl noch näher an der Geschichte. Co-Autor für das Drehbuch ist der Historiker Lothar Machtan, bis 2015 Professor an der Universität Bremen. Er hält die Ereignisse für „schon per se so spannend, dass man kaum etwas künstlich dramatisieren oder überinszenieren musste“. Zudem bieten private Korrespondenz der Hauptakteure, Tagebucheintragungen von Zeitzeugen, Sitzungsprotokolle und Erinnerungen eine so gute Quellenlage, dass nur wenig wirklich erfunden ist.

Auch die Räume, in denen gedreht wurde, sind teils original, vor allem das Neuen Palais in Potsdam Sommerresidenz des letzten Kaisers. Seit Jahrzehnten habe es dort keine szenischen Dreharbeiten mehr gegeben, sagt Produzent Walid Nakschbandi. Entsprechend hoch waren die Auflagen. „Jedes Stück, das für die Ausstattung nötig war, mussten wir zuvor so präparieren und behandeln lassen, dass keine Milben, Motten oder anderes in die Räumlichkeiten gelangen konnten“, so der Produzent. Auch die Dreharbeiten ohne direktes Licht – denn Scheinwerfer durften nur im Außenbereich des Schlosses aufgestellt werden – seien für die Techniker „eine große Herausforderung“ gewesen. Tatsächlich war es aber ein Aufwand, der sich durchaus gelohnt. Was tut man nicht alles für den letzten deutschen Kaiser.

Der Aufstand der Matrosen. Am Dienstag, 30.10.2018, um 20.15 Uhr bei Arte und am Sonntag, 4. November 2018, um 20.15 Uhr im NDR

Kaisersturz: Mittwoch, 31.Oktober 2018, um 20.15 Uhr im ZDF


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