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TV-Programm heute Abend „Aufbruch in die Freiheit“ im ZDF - ein starkes Abtreibungsdrama

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Paraderolle: Erika (Anna Schudt, rechts) verbittet sich anfangs noch die Kommentare ihrer Schwester Charlotte (Alwara Höfels) zu ihrer Ehe. Wenig später wendet sich das Blatt. Foto: ZDF/Bernd SpaukeParaderolle: Erika (Anna Schudt, rechts) verbittet sich anfangs noch die Kommentare ihrer Schwester Charlotte (Alwara Höfels) zu ihrer Ehe. Wenig später wendet sich das Blatt. Foto: ZDF/Bernd Spauke

Osnabrück. Mit „Aufbruch in die Freiheit“ thematisiert das ZDF heute Abend die Abtreibungsdebatte Anfang der 70er Jahre, die im „Stern“-Titel „Wir haben abgetrieben!“ gipfelte. Der Film ist ein TV-Highlight des Jahres mit einer grandiosen Anna Schudt als Frau in Gewissensnöten.

Eigentlich ist es ja eine freudige Nachricht. Doch als Erika Gerlach (Anna Schudt) erfährt, dass sie schwanger ist, empfindet sie es als Katastrophe. Denn die Metzgersfrau aus einer Kleinstadt im Rheinischen hat bereits drei Kinder, arbeitet zudem voll im Betrieb ihres Mannes mit und weiß schon jetzt nicht mehr, wie sie alles unter einen Hut bringen und die enorme Belastung tagein tagaus stemmen soll. 


Erika (Anna Schudt) kämpft gegen aufsteigende Tränen. Sie hat sich mit ihrer Schwester zerstritten. Foto: ZDF/Bernd Spauke


Es ist eine bleierne Zeit, die aus heutiger Sicht vor Verlogenheit, Spießigkeit und Ungerechtigkeit nur so trieft. Mag die 68er Bewegung auch so manches in Bewegung gebracht haben – gerade im ländlichen Raum ist Anfang der 70er davon noch nicht viel angekommen. Abtreibung steht unter Strafe und scheint für Erika Gerlach kein Ausweg aus der Verzweiflung zu sein. Zumal ihr Mann Kurt (Christian Erdmann) tief in den Moralvorstellungen und Rollenverteilungen der Nachkriegszeit verhaftet ist: Trotz hervorragender schulischen Leistungen und einer ausdrücklichen Empfehlung will er seiner Tochter Ulrike den Besuch des Gymnasiums nicht erlauben - er sieht die Zukunft des Mädchens in Familienbetrieb, Heim und am Herd. 


Der glückliche Schein trügt: Kurt (Christian Erdmann) und Erika (Anna Schudt) tanzen spontan im Wohnzimmer. Foto: ZDF/Bernd Spauke


Doch da gibt es noch ein Familienmitglied, das sich den Regeln dieser männerdominierten Welt nicht mehr beugen will: Erikas Schwester Charlotte (Alwara Höfels), eine Journalistin, lebt in einer Kölner WG, ist vom Geist der 68er infiziert, engagiert sich vehement für die Abschaffung des Paragrafen 218, der den Schwangerschaftsabbruch verbietet. Und sie hat Kontakt zu Ärzten, die diesen auch illegal durchführen. Als sie keinen Ausweg mehr sieht, fährt Erika unter einem Vorwand für ein paar Tage zu Charlotte in die Großstadt.

Regisseurin Isabel Kleefeld hat ihren Film nicht nur mit dem Sound („Sugar Sugar“ von The Archies) und den Autos seiner Zeit (Käfer, Kadett, Taunus) ausgestattet, sondern ihn auch mit sehr viel Feingefühl für die Figuren und einer enormen emotionalen Wucht inszeniert. Allem voran die Darstellung der Erika durch die vor allem als Dortmunder Tatort-Kommissarin bekannte Anna Schudt ist in ihrer Intensität grandios und dürfte niemanden im Fernsehsessel kalt lassen. 


Schwester Gabi (Franziska Hartmann, l.) erklärt Erika (Anna Schudt, r.), wie sie für Frauen in Not unter der Hand Medikamente organisieren kann. Foto: ZDF/Bernd Spauke


Auch Alwara Höfels ist restlos begeistert von der Vorstellung ihrer Kollegin: Als „einfach großartig“ bezeichnet sie Anna Schudt im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich bin nur verliebt. In die Spielerin und auch den Menschen, das ist ein tolles Gesamtpaket. Preise bitte!“ Darauf musste das Team nicht lange warten – schon vor der Fernsehausstrahlung nahm Produzentin Heike Wiehle-Timm beim Filmfest in Hamburg den Produzentenpreis entgegen. Es wird ganz sicher nicht die letzte Auszeichnung für diesen außergewöhnlich guten Film gewesen sein. Und wer sollte Anna Schudt eigentlich noch den nächsten Grimme-Preis nehmen?

Die Qualität des mit „Aufbruch in die Freiheit“ unangemessen schlicht betitelten Films habe auch mit den Figurenzeichnungen zu tun, betont Alwara Höfels. „Wir hatten wirklich dreidimensionale Figuren,“ sagt sie und nimmt ausdrücklich die Männer nicht aus: „Zum Beispiel Christian Erdmann, der den Ehemann von Anna Schudt spielt. Dabei war es gerade bei ihm nicht so einfach, nicht mit der Keule draufzuhauen, sondern ein nachvollziehbares Rollenbild zu erzählen. Eines, das vaterlos ist, den Krieg noch mitdenkt - das war schon sehr genau.“ 


Gemeinsam auf die Straße: Charlotte Nikowski (Alwara Höfels, links) und Erika Gerlach (Anna Schudt) demonstrieren in Köln für die Legalisierung von Abtreibungen. Foto: ZDF/Martin Rottenkolber


Beim Paragrafen 218 sei vielen Menschen gar nicht bewusst, dass er auch heute noch existiere: „Er ist 1995 zwar gelockert worden, aber es gibt ihn bis heute. Eine Frau, die entscheidet, ein Kind nicht zu bekommen, und sich diese Entscheidung sicher nicht einfach macht, ist immer noch nicht in der Selbstbestimmung und kann das einfach so tun. Wir leben in einer modernen Kultur, haben aber keine moderne Gesellschaft im Angebot.“

Aufbruch in die Freiheit. ZDF, Montag, 29. Oktober 2018, 20.15 Uhr.


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