Der Anti-Serienjunkie „Die Protokollantin“ im ZDF: Moritz Bleibtreu sieht das Kino bedroht

Schauspieler Moritz Bleibtreu. Foto: dpa/Patrick SeegerSchauspieler Moritz Bleibtreu. Foto: dpa/Patrick Seeger

Osnabrück. Am Samstag startet im ZDF die fünfteilige Miniserie „Die Protokollantin“. Darsteller Moritz Bleibtreu verrät vorab, was ihn an der Produktion gereizt hat und warum er kein Serienjunkie ist.

Iris und Oliver Berben, Friedrich Ani, Moritz Bleibtreu – wenn so viele große Namen in einem Projekt vereint sind, darf man mit einem großen Wurf rechnen. Tatsächlich wagt das ZDF mit der Miniserie „Die Protokollantin“ einen Schritt in Richtung der so oft beschworenen gebrochenen Figuren. Scheinbar unbeteiligt sitzt Protokollantin Freya im Verhörraum und schreibt nieder, was Schwerverbrecher gestehen. Doch Freya hat ihre eigene dunkle Geschichte und eine noch eigenere und dunklere Vision von Gerechtigkeit.

Nicht nur diese Antiheldin war es, die Moritz Bleibtreu dazu bewegte die Rolle von Freyas Bruder Jo zu spielen, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt: „Ich fand das Projekt spannend, weil das Erzähltempo sehr langsam ist“, so der 47-Jährige. „Die Figuren entwickeln sich, haben Geheimnisse, die man erst nicht richtig versteht, was ja den Sog ausmacht, und am Ende geht es dann richtig rund.“ Trotzdem sei es nicht immer nur das Projekt selbst, was einen Schauspieler zu einer Zu- oder Absage bewege, meint Bleibtreu. „Die Lebensumstände sind viel wichtiger, als man vielleicht denken würde. Wir führen alle ein relativ normales Leben, und ich kann – bei aller Freiheit – nur aus dem wählen, was mir angeboten wird, und das ist mal mehr, mal weniger, mal gut und mal weniger gut.“

Die Entwicklung auf dem internationalen Serienmarkt, von der auch „Die Protokollantin“ unübersehbar geprägt ist, sieht er mit gemischten Gefühlen. „Was mit dieser Kunstform der Serie passiert, ist erst einmal spannend und zu begrüßen. Aber das Kino leidet darunter und spaltet sich immer mehr auf in Publikumsfilme und Arthausfilme mit weniger Zuschauern. Und das ist schade.“ Bleibtreu, der mit dem Gangsterdrama „Nur Gott kann mich richten“ seinen ersten Film produzierte, will so seinen eigenen Beitrag leisten, um „dem deutschen Kino ein wenig Leben einzuhauchen“.

Privat ist Moritz Bleibtreu kein Serienjunkie, im Gegenteil. Auch beruflich reizen ihn Serien weniger. „Ich sehe mich nicht mehrere Staffeln lang in einer Rolle, das ist nicht so mein Ding. Ich mag Geschichten mit Ende. Das Ende ist einer der wichtigsten dramaturgischen Teile. Wo kein Ende ist, gibt es keine Reflexion, wo kein Ende ist, fängt nichts Neues an. Das ist das Problem mit den Serien: Man wartet nur darauf, wie es weitergeht. Das ist auch künstlerisch ein fragwürdiges Konzept, finde ich.“

So ist es ihm auch wichtig zu betonen, dass „Die Protokollantin“ für ihn keine Serie ist, sondern „ein Film, der fünf Stunden dauert“. Was nicht bedeutet, dass der Zuschauer nicht wissen wollen wird, wie es von Folge zu Folge weitergeht. Denn trotz der ruhigen Erzählweise schafft es Nina Grosse, die nach einer Idee von Friedrich Ani die Drehbücher schrieb und gemeinsam mit Samira Radsi inszenierte, die Spannungsschraube beständig anzuziehen.

„Die Protokollantin“ ist auch ein Beispiel dafür, dass sich vor und hinter der Kamera in puncto Gleichberechtigung der Geschlechter etwas tut. „Es ist zu begrüßen und wichtig, dass immer mehr Frauen Drehbücher schreiben und Regie führen, auch weil das für die Schauspielerinnen viel verändert“, glaubt Moritz Bleibtreu. „Schauspielerinnen fallen seit dem klassischen Theater irgendwann in das Loch zwischen Liebhaberin und Amme, dazwischen gibt es nicht viel. Als Sohn einer Schauspielerin kenne ich dieses Problem sehr gut und freue mich darauf, dass es mehr spannende Figuren über 35 und unter 60 Jahren gibt, wenn mehr Frauen über die Inhalte bestimmen.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN