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20.000 Ausgaben der Sendung "Tagesschau": Flaggschiff mit Schlagseite

Mit Karl-Heinz Köpcke (1922–1991) erhielt die „Tagesschau“ am 2. März 1959 erstmals ein Gesicht. Der Mann, der bis 1987 Chefsprecher war, wurde zur Ikone der TV-Nachrichten. Foto: dpaMit Karl-Heinz Köpcke (1922–1991) erhielt die „Tagesschau“ am 2. März 1959 erstmals ein Gesicht. Der Mann, der bis 1987 Chefsprecher war, wurde zur Ikone der TV-Nachrichten. Foto: dpa

Hamburg. Seriös, sachlich und auf beruhigende Weise altmodisch: Die „Tagesschau“ ist die beliebteste und älteste Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen – jetzt feiert das ARD-Flaggschiff Jubiläum.

An Silvester läuft die 20000. Ausgabe der 20-Uhr-Nachrichten, und der zuständige NDR-Intendant Lutz Marmor jubelt: „Die Tagesschau ist die Mutter aller Nachrichtensendungen – ein Klassiker, der bis heute Maßstäbe setzt.“ Auch die vorläufige Jahresbilanz ist ein Grund zur Freude. Hatten 2009 durchschnittlich 8,86 Millionen Zuschauer die Hauptausgabe des Fernsehklassikers verfolgt, waren es von Januar bis November 2010 stattliche 9,08 Millionen. Zum Vergleich: 3,92 Millionen Zuschauer schalteten im selben Zeitraum die 19-Uhr-Ausgabe von „heute“ im ZDF ein, 3,86 Millionen sahen „RTL aktuell“ um 18.45 Uhr.

Allerdings gibt es auch einen Wermutstropfen im Freudenbecher: Immer häufiger hat „RTL aktuell“ mehr Zuschauer als die „alte Tante Tagesschau“ – ganz zu schweigen vom Marktanteil, bei dem der Privatsender mittlerweile regelmäßig die Nase vorn hat. Dabei hatte dessen früherer Chef Helmut Thoma einst gelästert, die Tagesschau sei keine Sendung, sondern pure Gewohnheit: „Die kann man auch in Latein verlesen.“

Die erste „Tagesschau“ flimmerte am 26. Dezember 1952 über die damals noch wenigen Bildschirme, nur einen Tag nach dem Start des Nachkriegsfernsehens in der Bundesrepublik. Unter anderem gab es bei der Premiere Beiträge über die Rückkehr des amerikanischen Präsidenten Eisenhower aus Korea, das Fußballspiel Bundesrepublik Deutschland gegen Jugoslawien (3:2) und eine Eisrevue. In den ersten Jahren war nur dreimal pro Woche „Tagesschau“-Zeit, seit 1961 gibt es sie täglich. Mittlerweile hat die 20-Uhr-Ausgabe, die zeitgleich im Ersten, in den Dritten Programmen, auf 3sat und Phoenix ausgestrahlt wird, über den ganzen Tag verstreute Ableger bekommen. Im Internet steht eine 100-Sekunden-Variante der „Tagesschau“ rund um die Uhr zur Verfügung.

In der Anfangszeit der „Tagesschau“ war zu den Nachrichtenfilmen nur die Stimme des Sprechers zu hören. Seit 1959 ist er auch im Bild zu sehen – und die Sprecher sind populärer als mancher Schauspieler. Chefsprecher ist seit 2004 Jan Hofer, außerdem verlesen unter anderem Ellen Arnhold, Jens Riewa, Susanne Daubner, Marc Bator und Judith Rakers die Meldungen. Hinter den Kulissen sorgt die rund 240 Mitarbeiter starke Gemeinschaftsredaktion ARD-aktuell in Hamburg für den mehr oder weniger reibungslosen Ablauf der „Tagesschau“ und anderer Nachrichtensendungen.

Aber natürlich gab es in 20000 Ausgaben auch mal Pannen – wie jene 2009, als der damalige Bundespräsident Horst Köhler in einer Einblendung zu „Klaus Köhler“ wurde. Diverse Versprecher bewiesen zudem im Lauf der Jahrzehnte, dass „Tagesschau“-Sprecher auch nur Menschen sind. So machte der erste Amtsinhaber Karl-Heinz Köpcke aus Willy Brandt (von 1966 bis 1969 Außenminister) einen „Bundesaußenseiter“. Unvergessen ist auch der Lachanfall von Dagmar Berghoff, die sich 1976 als erste Frau auf den Sprecherstuhl der „Tagesschau“ setzen durfte. Bei einer Meldung über einen Sieg von Boris Becker machte sie aus dem WTC-Turnier ein WC-Turnier und hangelte sich danach glucksend durch den Rest der Sendung.

Abgesehen von derlei Heiterkeitsausbrüchen ist die „Tagesschau“ stocknüchtern, was ihrem Erfolg aber keinen Abbruch tut. Umfragen zeigen: Gerade der offiziöse Charakter mit dem ritualisierten Ablauf vom Anfangsgong bis zur Wettervorhersage am Ende macht die Sendung in den Augen des Publikums glaubwürdiger als manches flockige Konkurrenzformat. Nur logisch, dass es einen Sturm der Entrüstung gab, als sich das Nachrichtenhochamt 2004 dazu hinreißen ließ, über den Gurkenlaster-Unfall des damaligen Popstars Daniel Küblböck zu berichten. So etwas, finden die Zuschauer, ist unter der Würde der guten alten Nachrichtentante.


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