Sibylle Rauch und die "Bild" "Bild" enthüllt Dschungel-Kandidatin und entlarvt sich selbst

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Sibylle Rauch beim Wiener Opernball im Februar diesen Jahres. Foto: imago/Blondel/ViennareportSibylle Rauch beim Wiener Opernball im Februar diesen Jahres. Foto: imago/Blondel/Viennareport

Berlin. Die "Bild" spekuliert über Sibylle Rauchs Teilnahme im Dschungelcamp – und stößt ihre Vorsätze gegen Sexismus über Bord.

Bis RTL das Dschungelcamp 2019 startet, dürfte noch ein Vierteljahr vergehen. Die "Bild" eröffnet die Saison schon jetzt und erhitzt sich an einem 40 Jahre alten Nacktfoto der womöglich ersten Kandidatin.

"Bild" enthüllt Sibylle Rauch

Vier grüne Blätter und zwei große Brüste leuchten von der "Bild.de"-Startseite: "Das ist die erste Kandidatin für den TV-Dschungel", schreiben die Kollegen und setzen die pfiffige Dachzeile "BILD enthüllt" dazu. Hehehe, logisch: Die Frau, deren Gesicht man hier noch gar nicht sehen kann, ist ja nackt. Beziehungsweise: Sie war es. Im Artikel über Sibylle Rauchs angeblichen, möglichen, unbestätigten Einzug in den RTL-Dschungel sieht man nämlich: Das Foto, bei dem die "Bild"-Redaktion immer noch feuchte Hände kriegt, ist 40 Jahre alt. Sibylle Rauch war damals noch ein Teenager und stand als Playmate des Monats am Beginn ihrer Karriere. 

Kurz danach wurde Rauch als Star der "Eis am Stiel"-Filme zum Sex-Symbol, später ging es bergab. Rauch drehte Pornos und wurde, wie der zuletzt Dokumentarfilm "Eskimo Limon" schilderte, Prostituierte. Als sie vor fünf Jahren schon einmal auf ein Comeback im Dschungelcamp gehofft habe, heißt es nun in der "Bild", sei sie gesundheitlich nicht dazu imstande gewesen. Erst vor wenigen Tagen berichtete Rauch dem Blatt von ihrer Sozialwohnung, Essen von der Tafel, einem geplatzten Silikonimplantat, kaputten Zähne und von Selbstmordgedanken. (Ein Jahr #MeToo: Was hat die Debatte bewirkt?)

"Bild" bewertet immer noch Rauchs "Traummaße"

Ist es vielleicht ein bisschen einseitig, womöglich sogar zynisch, eine solche Lebensgeschichte ausgerechnet mit dem Oben-ohne-Foto zu verkaufen, mit dem alles anfing? Selbstverständlich nicht. Denn wie die "Bild" herausgefunden hat, ist Sibylle Rauch auch heute noch ein Augenschmaus. "Durch Sport und gesunde Ernährung", lautet die unverdrossene Bilanz, "hat sie jetzt ihre alten Traummaße (93-60-90) zurück." Es kann also weitergehen mit der Auswertung all dieser Pracht.

"Männer, ihr müsst jetzt ganz stark sein!", hatte "Bild.de" im März getitelt und, wie es damals großartig hieß, "eine Ära beendet". Ab sofort sollte es von den "Bild"-Girls, vormals "Miezen", keine Oben-ohne-Fotos mehr geben – es sei denn, jeder spricht sowieso darüber wie über ein "Playboy"-Shooting von Kati Witt. Oder wie jetzt halt über Sibylle Rauch. Auf irrelevanten Aktfotos müssen Girls ab sofort aber irgendwas anhaben, zum Beispiel ein nasses, halbdurchsichtiges Hemd. Warum? "Unser Gefühl in den letzten Monaten war zunehmend, dass viele Frauen diese Bilder als kränkend oder herabwürdigend empfinden, sowohl bei uns in der Redaktion, aber auch unter unseren Leserinnen." (#MeToo: Ashley Judds Klage gegen Weinstein erst 2020 vor Gericht)

Was tun gegen Sexismus? – fragt die "Bild"

Liebe Kolleginnen und Kollegen, hier liegt ein großes Missverständnis vor. Man muss überhaupt nicht stark sein, um auf "Bild"-Girls zu verzichten. Und ob ein Foto sexistisch, verächtlich oder einfach nur geschmacklos ist, entscheidet sich nicht an der Sichtbarkeit von Brustwarzen, sondern an der Haltung dahinter. Wer selbst bei einer Geschichte über das Leben von Sibylle Rauch noch Klicks mit Brüsten machen will, hat nichts begriffen. "Was können Eltern und Großeltern, was können Lehrer, was jeder Einzelne tun, damit Mädchen von heute später keine sexuelle Belästigung erleben – und Jungs lernen, welche Grenzen sie einhalten müssen?". Diese Frage hat "Bild.de" vor zwei Tagen in ihrer großen #MeToo-Bilanz gestellt. Die Antwort der Experten lautete, Kindern ein gutes Vorbild zu sein. Ein guter Anfang wäre offenbar, nicht mehr die "Bild" zu lesen.


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