Morgenröte im deutschen Fernsehen Darum ist „Bleiben Sie dran!“ die perfekte Lektüre für Serienjunkies

Von Tilmann Gangloff

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„Die Serie lebt!“: Produktionen wie „Weissensee“ zeigen, Serien gewinnen in Deutschland an Qualität. Foto: ARD/Julia Terjung„Die Serie lebt!“: Produktionen wie „Weissensee“ zeigen, Serien gewinnen in Deutschland an Qualität. Foto: ARD/Julia Terjung

Das deutsche Fernsehen schafft endlich international erfolgreiche Serien. Was hinter der Erfolgsgeschichte guter Produktionen steckt, erklärt die Neuauflage des Buches „Bleiben Sie dran!“, das nicht nur für Experten absolut lesenswert ist.

Es hat eine Weile gedauert, aber endlich gibt es auch deutsche Serien von internationaler Qualität. Deshalb beginnt der frühere NDR-Serienchef Bernhard Gleim sein Vorwort zu dem ungeheuer informativen Serienbuch „Bleiben Sie dran!“ mit dem Satz „Die Serie lebt!“. Exakt die gleichen Worte hat in der ersten Auflage vor acht Jahren Joachim Kosack gewählt, damals Fiction-Chef von Sat.1, als sich der Sender über die Erfolge von „Der letzte Bulle“ und „Danni Lowinski“ freuen konnte. Seither ist viel passiert im Serienwesen, wenn auch vor allem international; das deutsche Fernsehen hatte den Trend zunächst verschlafen. Weil die Medienlandschaft dank Streamingdiensten wie Netflix und Amazon, die aufgrund entsprechender Kundenbindung vor allem auf die Produktion von Serien setzen, heute eine völlig andere ist als 2010, haben die Autoren ihr Buch neu aufgelegt. Am Handwerkszeug hat sich im Großen und Ganzen nicht viel geändert, aber die ausführlich analysierten Beispiele beziehen sich überwiegend auf Produktionen der letzten Jahre.

Fallbeispiele aus Deutschland und USA

Das Buch richtet sich zwar in erster Linie an Menschen, die selbst im Seriengeschäft tätig sind, ist aber so verfasst, dass auch der interessierte Laie große Freude an den Ausführungen hat; außerdem gilt all‘ das, was die Autoren über Dramaturgie und Figurenzeichnung schreiben, natürlich auch für Spielfilme. Allerdings macht die Lektüre doppelt so viel Spaß, wenn man die entsprechenden Serien gut kennt; die mitunter bis zu zwei Seiten langen Fallbeispiele stammen aus den deutschen Produktionen „Mord mit Aussicht“ (ARD, 2007-2014), „Weissensee“ (ARD, seit 2010), „Der Lehrer“ (RTL, 2009; Neustart 2013) sowie den US-Importen „Grey’s Anatomy“ (seit 2005) und „The Walking Dead“ (seit 2010). Noch interessanter wäre es gewesen, wenn die Autoren mit „Babylon Berlin“ (ARD/Sky, 2017) oder „Bad Banks“ (ZDF, 2018) auch jene Serien berücksichtigt hätten, mit denen das deutsche Fernsehen zuletzt Furore gemacht hat, aber die kamen für das Buch zu spät.

Die zwei Welten der Serienmacher

Am großen Vergnügen, das die mit eindrucksvollem Kenntnisreichtum verfasste Lektüre darstellt, ändert sich dadurch allerdings überhaupt nichts, denn auch so wird deutlich, was sich in den letzten Jahren in diesem Genre getan hat. Früher, schreibt Gleim, seien die Markenzeichen deutscher Serien – Hauptfiguren: „Nonne, Rechtsanwalt, Hausarzt“ - eine „langsame Erzählweise, eindimensionale Heldenfiguren, unterkomplexes Erzählen“ gewesen; in der Regel „einer tieferen Betrachtung nicht wert“.

Serienmacher hätten dementsprechend in zwei Welten gelebt: „Während sie tagsüber das deutsche Serienschwarzbrot in quadratische Scheiben schnitten, träumten sie abends von der komplexen Erzählweise amerikanischer Serien.“ Den Impuls zur „Morgenröte in der deutschen Serienlandschaft“ gab die Bedrohung von außen: weil das Fernsehen auf die neuen Anbieter im Markt reagieren musste. Gerade die bei sämtlichen Vollprogrammen überaus begehrten jungen Zuschauer stillten ihre Serienlust zunehmend übers Internet.

Erst Flop, dann top

In diesem Fall hat die Konkurrenz also tatsächlich das Geschäft belebt, aber erst die treffenden Analysen von Gunther Eschke und Rudolf Bohne (beide selbst Dramaturgen) belegen, dass deutsche Serienmacher die Botschaft auch verstanden haben. Die Vorgehensweise des Autorenduos entspricht im Grunde der Arbeit von Rechtsmedizinern: Sie sezieren die Serien, um auf diese Weise alles über handwerkliche Grundlagen wie Aufbau, Figuren, Handlungsbögen und Wirkungsweise zu erfahren. Nebenbei fließen auch immer wieder wissenswerte Details etwa über die Rahmenbedingungen ein.

„Mord mit Aussicht“ zum Beispiel, erfolgreichste Serie des Jahres 2014, galt zunächst als Flop; die Eifelkrimis wurden zum Zuschauerliebling, als die ARD die zunächst nur aus sechs Folgen bestehende erste Staffel um sieben weitere ergänzte und vom Montag auf den seriengewohnten Sendeplatz am Dienstag verpflanzte. Auch der Erfolg des RTL-Dauerbrenners „Der Lehrer“ stellte sich erst ein, als der Sender aus der anfänglichen Sitcom eine „richtige“ Serie mit 45 Minuten langen Folgen, komplexen Handlungen und einer horizontalen Erzählebene machte.

Das große Einmaleins

Aber es sind natürlich nicht nur formale Aspekte, die die Beliebtheit dieser Produktionen erklären. Entscheidender dürfte nicht zuletzt die Einzigartigkeit gewesen sein: „Weissensee“ erzählt den Kosmos eines hochrangigen Stasi-Offiziers als Familienserie, „The Walking Dead“ transferiert bekannte Serienmuster in eine von Zombies bevölkerte Welt. Anhand ihrer Beispiele zeigen die Autoren, wie schmal der Grat zwischen Innovation und Misserfolg ist, wenn ein Sender - wie das ZDF mit „KDD“ (2007 bis 2009) - der Zeit womöglich voraus ist.

An einigen Stellen hätten Eschke und Bohne gern auch noch auf andere Serien verweisen können, etwa beim Kapitel über den Entwurf der Hauptfiguren, die erst dann richtig interessant werden, wenn sie mit einem „inneren Paradox“ leben müssen, also mit Brüchen und Widersprüchen. Davon abgesehen ist „Bleiben Sie dran!“ die perfekte Lektüre sowohl für Einsteiger wie auch für Leser, die glauben, sie wüssten bereits alles über Serien: weil die Autoren nicht nur das kleine, sondern auch das große Einmaleins der Seriendramaturgie erläutern.


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