RTL-Show "Darf er das?" War es das? So lief die umstrittene Chris-Tall-Show

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Durfte am Ende doch nicht: Chris Tall mit seinem Studiogast Hendrik Duryn. Foto: MG RTL D / Stefan GregorowiusDurfte am Ende doch nicht: Chris Tall mit seinem Studiogast Hendrik Duryn. Foto: MG RTL D / Stefan Gregorowius

Berlin. Seit 30 Jahren war das RTL-Nachtprogramm nicht mehr so umstritten: Wie schlimm ist Chris Talls "Darf er das?"-Show?

Wer RTL am Samstag auch um 23.35 Uhr noch nicht weggezappt hatte, den hielt nur die Erwartung eines Skandals wach. Schon vor der ersten Folge hatte Chris Talls „Darf er das?“-Show schließlich mit dem Verdacht auf Bodyshaming und Homophobie für Furore gesorgt – dank Vorschaubildern eines Quiz, bei zu raten war, ob Menschen schwul sind oder hetero, schwanger oder einfach nur dick.

Bei Twitter gingen die Wogen hoch, RTL schnitt die Show einen Tag vor der Ausstrahlung um, und Chris Tall zeigte sich unverstanden: „Es ist nicht immer alles wie es scheint“, schrieb er bei Facebook, verwahrte sich gegen Vorverurteilungen und beteuerte: „Heute Abend geht es eben um Vorurteile, wir überdenken/überprüfen unsere Klischees.“  ("Darf er das?"-Show im Kreuzfeuer: die Debatte zum Nachlesen)

Jetzt neu: Chris Talls integrativer Randgruppenwitz

Tatsächlich enttäuscht Chris Tall die Empörung mit dem Bemühen, niemandem wehzutun. Gleich im ersten Einspieler der Show setzt er sich in einen Rollstuhl, um die Relativität von Behinderung zu demonstrieren – an der Seite des Chair-Skating-Meisters David Lebuser, der natürlich trotz Querschnittslähmung eine bessere Figur in der Halfpipe macht als der Komiker.

Schon der „TV total“-Auftritt, in dem Chris Tall vor ein paar Jahren die Randgruppen-Witze zum Markenkern machte, gab sich auf naive Weise integrativ, nach dem kippligen Motto: Auslachen statt Ausgrenzen. Das führte zu Baumwollpflücker-Witzen, bei denen der Ku-Klux-Klan mitlacht. Dass humoristische Tabus womöglich auch mit einer Geschichte von Rassismus und Verfolgung zu tun haben, begreift Chris Tall offenbar nicht. Bei RTL dürfte schon die Redaktion dafür sorgen, dass Wortspiele wie die „Chris-Tall-Nacht/Kristallnacht“ nicht durchrutschen. „Ich darf alles machen. Es gibt in dieser Show keine Grenzen“ – dass Talls Anmoderation zum Glück nicht stimmt, hat der Sender mit den nachträglichen Schnitten dann ja sogar öffentlich vorgeführt.

Über Melonen lachen

Stattdessen berauscht der Komiker sich im Stand-up noch einmal an der Stripperin, die beim „Supertalent“ Melonen mit ihren Brüsten zerschlug – vor acht Jahren. Dass Tall sich noch daran erinnert, muss an seinem Alter liegen. Damals war er süße 19 und für das Thema Brüste sicher besonders empfänglich. Seinem ersten Studiogast, dem RTL-„Lehrer“ Hendrik Duryn, entlockt Tall später das Geständnis, bei erotischen Szenen auch mal eine Erektion zu kriegen. (Und zwar bei der „Schweden-Pilcher“ – vielleicht sollte man doch mal Inga Lindström gucken.) Zweiter Gast ist der Komiker Markus Krebs, der seine Top 3 der gewagten Witze vorträgt. Zwei davon sind ein bisschen schmutzig; ein dritter hebt darauf ab, dass sowohl Jesus als auch Pinocchio Nägel in den Füßen haben. Zu einer Stunde, in der die meisten Kirchgänger für den Gottesdienst vorschlafen, ein Witz ohne Risiko.

Was blieb vom Bodyshaming-Quiz?

Das Studiospiel, über das so intensiv diskutiert wurde, heißt dann Vorurteilsquiz und soll Stereotype hinterfragen. Das ändert nichts am Fehler der Versuchsanordnung. Die Frage „Hartz IV-Empfänger oder nicht“ zum Beispiel löst intensives Unbehagen aus, wenn Chris Tall, Markus Krebs und Hendrik Duryn sie erörtern – also zwei warum auch immer preisgekrönte Comedians und ein gut beschäftigter RTL-Star. Auch das „Schwul-oder-hetero“-Spiel wäre in einem queeren Varieté vermutlich weniger peinlich. (Das gilt selbstverständlich auch für die Freddy-Mercury-Parodie, an der sich Hendrik Duryn verhebt.)

Das „Schwanger-oder-dick“-Quiz zeigt RTL nicht mehr. Wie groß das Bodyshaming gewesen wäre, wird man nie erfahren. Grundsätzlich ist Übergewicht bei Chris Tall aber positiv besetzt, allein schon, weil er seinem eigenen einen Großteil seiner Pointen verdankt. Der Mann veralbert seine Männerbrüste, seine Völlerei und seinen zum Hochschlafen untauglichen Körper obsessiv. So dick ist er eigentlich gar nicht. Wenn er den Gag noch weiterreiten will, muss er vor der nächsten Folge wenigstens die Gummibärchen-Schüssel aus der Studio-Deko leeren.


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