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Am Donnerstag im TV Hammerhart: Themenabend Magersucht mit der Doku "Emma will leben"

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Emma mit ihren Betreuern in Portugal. Sie sieht die Therapie dort als letzte Chance.Emma mit ihren Betreuern in Portugal. Sie sieht die Therapie dort als letzte Chance.

Osnabrück. Etwa 45 000 Frauen und 12 000 Männer leiden in Deutschland an Magersucht. Gesicherte Angaben existieren nicht, denn nicht alle Fälle werden diagnostiziert. Zwei Dokus gehören zum Themenabend auf 3sat. Die zweite, Emma will leben, ist hammerhart.

Darf man das? Darf man einen Film über ein sterbendes Mädchen drehen? „Manche Bilder in diesem Film können verstörend wirken“, heißt es im Vorspann. Und: Ja, das stimmt. Es ist verstörend, eine 18-Jährige zu sehen, die nur noch ein Skelett ist. Die auf den Tod zugeht, und nichts und niemand kann sie retten. Und das nicht, weil sie Leukämie hätte oder einen Hirntumor. Nein, die Niederländerin Emma Caris starb an Magersucht. Sie starb an einem Prozess, den sie mit 12 Jahren selbst begonnen hatte und den sie irgendwann nicht mehr stoppen konnte.

Darf man das? Ihr Vater sagt: „Dieser Film könnte ihrem Leben, ihrer Krankheit und ihrem Tod einen Sinn geben.“ Viele der Bilder hat Emma selbst gedreht. Manchmal hat sie einfach nur ein Tablet vor sich hin gestellt und es laufen lassen. Emma wollte diesen Film. Sie wollte über ihr Leben und ihr Leiden erzählen. Auch die letzten Aufnahmen hat sie selbst gemacht, eine Woche vor ihrem Tod. „Morgen fange ich an, meine Krankheit zu bekämpfen“, sagt sie da. Es war zu spät.


Einen Film aus all den Aufnahmen hat die niederländische Dokumentarfilmerin Jessica Villerius gemacht. Die 45 Minuten bestehen neben den Bildern von Emma zum größeren Teil aus Interviews. Zuerst erzählen Freundinnen und vor allem Emmas Eltern, Marielise und Jo Caris. Sie sprechen davon, wie ihre mittlere Tochter als Kind war, dass sie in der Schule musterhaft und zuhause schwierig war. Dass sie erst spät merkten, wie massiv Emmas Probleme waren und dass sie sich das vorwerfen. Dass sie alles versucht haben – Krankenhäuser, Psychiatrien, Anreize, wie eine New York-Reise – und dass nichts genützt hat.

Emmas Eltern Marielise und Jo Caris erzählen vom Leben und Leiden ihrer Tochter

Emmas Ärztin erzählt von all den vergeblichen Versuchen - von der Psychotherapie bis zur gerichtlich verordneten Zwangsernährung. Von Emmas Lebenswillen, der von ihrer Krankheit aufgefressen wurde. Und wenn der Film eines zeigt, dann das: Magersucht ist eine Krankheit, die nicht mit ein bisschen gutem Willen und gutem Zureden geheilt werden kann. Emma wollte leben, bis zum Schluss, aber irgendwann konnte sie nicht mehr. Sie quälte sich für jeden kleinen Löffel Brei, und es reichte nicht.

Ein Camp in Portugal als letzte Chance

Im zweiten Teil des Films erzählen vor allem Emmas Betreuer in Portugal. Emma selbst sah „Human Concern“, eine niederländische Gruppe, in der geheilte Magersüchtige heutigen Magersüchtigen helfen, als ihre letzte Chance. Carmen, eine der Betreuerinnen sagt: „Hierher zu kommen, von zuhause wegzugehen, war für Emma auch ein Akt der Barmherzigkeit: Ihre Familie durfte weiterleben.“ Emmas Vater sagt: „Es machte mich eifersüchtig, dass wir ihr das nicht geben können, was die Leute in Portugal ihr geben konnten.“ Vom Kopf her verstehe er das, dass Jugendliche Hilfe nicht zuhause suchen. „Aber schwer war es schon.“ Auch dass Emma starb, ohne dass ihre Eltern dabei waren. Ihre Betreuerin Carmen sagt: „Es war herzzerreißend traurig. Aber es war auch so behütet, so liebevoll.“

Emmas Fall ist ein Extrem. Eines, das erschreckt, wenn man selbst betroffen ist – als Mensch mit Essstörung oder als Angehöriger. Ob man den Film schauen will, muss man sich deshalb gut überlegen. Andererseits kann Erschrecken auch aufrütteln. In den Niederlanden wurde der Film jedenfalls breit diskutiert: in Talkshows, in Schulen, bei Podiumsdiskussionen.

Erste Dokumentation zeigt Ursachen und Therapien

Trotzdem ist es gut, dass der Film nicht allein steht im Programm. Zuvor, um 20.15 Uhr, läuft die einstündige Dokumentation „Die Seele im Hungerstreik - Magersucht und ihre Ursachen.“ Sie zeigt, dass die Essstörung schon im Kinderzimmer seinen Anfang nehmen kann. Kinder, die mit Puppen und Figuren spielen, die unerreichbare Schönheitsideale abbilden, sind oftmals später mit dem eigenen Körper unzufriedener. Soziale Medien heizen im Teenageralter den Schlankheitswahn noch an und haben zum Teil bizarre Auswüchse. Aber der Film bleibt bei den Ursachen nicht stehen: Er stellt außerdem Therapiemethoden vor und begleitet Patientinnen bei ihrem Kampf gegen die Krankheit. Patientinnen, bei denen der Kampf glücklicher ausgeht als bei Emma. Und das ist zum Glück wesentlich häufiger.


Themenabend Magersucht auf 3sat am Mittwoch, 10. Oktober 2018 

20.15 Uhr: Die Seele im Hungerstreik - Magersucht und ihre Ursachen ; 21.15 Uhr: Emma will leben 


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