Schauspielerin im Interview „Bad Banks“-Star Paula Beer: Weder Facebook noch Instagram

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Mit „Bad Banks“ gelang ihr der große Durchbruch, im Kino ist Paula Beer (23) ab 3. Oktober im neuen Film von Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck, „Werk ohne Autor“, zu sehen: In einem Berliner Straßencafé erzählt Paula Beer über ihre Karriere und warum sie weder bei Facebook noch bei Instagram zu finden ist.

Frau Beer, ist es richtig, dass Sie Bücher niemals zu Ende lesen?

(lacht) Stimmt. Ich finde es oft ganz frustrierend, wenn man Tage oder Wochen mit einem Buch verbracht hat, und dann ist es plötzlich vorbei, ich klappe das Buch zu, und es kommt die Ich-hab-fertig-gelesen-Depression. Ich mag es nicht, wenn mich der Buchdeckel anguckt und ich dieses Gefühl bekomme – deswegen hebe ich mir das Ende ganz oft auf.

Und dann lesen Sie das Ende irgendwann später?

Nö. Aber wenn ich das Buch dann noch mal lese, habe ich das Ende noch frei. Es gibt tatsächlich viele Bücher, die ich sogar mehr als zweimal gelesen habe.

Drehbücher lesen Sie aber schon bis zum Schluss, oder?

Ja, das ist ja mein Job (lacht).

Was lesen Sie denn lieber – Bücher oder Drehbücher?

Das kann man gar nicht so sagen. Wenn ich Drehbücher darauf hin lese, dass ich den Film machen könnte, ist es ein ganz anderes, viel sorgfältigeres und analysierendes Lesen. Da muss ich ja allumfassend verstehen, was für ein Film daraus werden könnte. Wie finde ich die dramaturgische Erzählung? Wie finde ich die Figur, für die ich in dieser Erzählung angefragt bin? Einen Roman lese ich, weil ich gerade Interesse daran habe – da kann es auch schon mal passieren, dass ich eine Seite nicht mitbekomme, weil meine Gedanken abdriften. Das finde ich nicht schlimm, bei einem Drehbuch wäre das fatal.

Was lesen Sie denn gerade?

Ich habe gerade ein Buch über die Entstehung des Theaters angefangen. Einen Roman lese ich zurzeit nicht.

Lesen Sie lieber gebundene Bücher oder E-Books?

E-Books finde ich blöd. Mal ein Drehbuch auf dem iPad zu lesen geht zur Not, aber ich finde es total anstrengend, die ganze Zeit auf ein Display zu gucken. Ich habe lieber ein richtiges Buch in der Hand, auch wenn einen der Buchrücken anguckt, wenn man fertig ist.

Die digitale Welt scheint eh nicht so sehr Ihr Ding zu sein – bei Facebook und Instagram sucht man Sie vergeblich.

Ich finde das zu tückisch. Es ist alles dafür ausgelegt, dass man viel leichter kommunizieren kann, aber in Wirklichkeit geht wahnsinnig viel Kommunikation verloren, seitdem man diese ganzen Plattformen zur Verfügung hat. Keiner kommt mehr auf die Idee, mal anzurufen, aber dann wird gefragt: Wie, du hast meine Mail nicht gelesen? Ich denke dagegen: Wenn’s wichtig ist, dann ruf mich an. Mir ist der persönliche Kontakt einfach wichtiger. In den sozialen Medien wird man schnell unüberlegt, da werden alle möglichen Fotos gepostet und ganz oft dabei vergessen, dass die Bilder für immer verfügbar sind für alle möglichen Leute, die wer weiß was damit machen wollen. Ich halte die Sachen lieber privat.

Andererseits hört man immer häufiger, dass manche Rollen nach der Zahl der Follower besetzt werden, die ein Schauspieler oder eine Schauspielerin hat.

Es kommt ja darauf an, für welche Filme. Wenn’s so weit ist, dass man nur noch besetzt wird, wenn man 20000 Instagram-Follower hat, dann bin ich vielleicht auch nicht gemacht für diese Branche.

An die Rolle der Jana Liekam in „Bad Banks“ sind Sie also nicht durch Follower gekommen?

Nee, ganz klassisch übers Casting. Wobei ich den Eindruck hatte, das Casting sei schlecht gelaufen. Als ich rausgegangen bin, dachte ich: Schade, ich hätt’s wirklich gern gemacht. Und dann hat mich zwei Tage später Christian Schwochow, der Regisseur, angerufen und gesagt, er fände das Casting super. Das hat mich wirklich total überrascht.

Kann man mittlerweile sagen, dass „Bad Banks“ so etwas wie ein Brandbeschleuniger für Ihre Karriere ist?

Ich hatte vorher ja noch gar keine großen Fernsehsachen gemacht. So eine Serie, die im Fernsehen läuft und zusätzlich in der Mediathek lange verfügbar ist, wird natürlich von viel mehr Leuten gesehen als ein Arthouse-Kinofilm. Deswegen ist mein Bekanntheitsgrad durch „Bad Banks“ wohl größer geworden.

Gehen Sie seit „Bad Banks“ eigentlich mit einem anderen Gefühl zu Ihrer Hausbank?

Das nicht. Aber ich finde den ganzen Apparat ein wenig absurd. Man bringt seine paar Euros dahin, die arbeiten und verdienen Geld damit, und am Ende soll man auch noch Geld für einen Kontoauszug zahlen. Mit so kleinen Sachen fängt es an, aber eigentlich finde ich das ganze System Bank ziemlich krude (lacht).

Wann und wo haben Sie eigentlich zum allerersten Mal auf einer Bühne gestanden?

Ich war gerade mit der ersten Klasse fertig, da haben wir ein Willkommensstück für die neuen Erstklässler gemacht. Wie das Stück hieß, weiß ich gar nicht mehr, aber ich habe einen Drachen gespielt, und wir haben irgendwelche Lieder gesungen, daran erinnere ich mich noch. Ich war wahnsinnig aufgeregt und auf der Bühne total verspannt, ganz ganz schlimm. Ich kam dann auf eine Montessori-Schule, wo wir eine Theaterpädagogin und eine Theater-AG hatten. Mit der waren wir bei einem Theaterfestival, und da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass die Bühne ein Ort ist, an dem ich mich ganz anders fühle und sehr konzentriert bin. Damals habe ich zum ersten Mal gemerkt: Wow, das ist mehr als nur Hobby.

Haben Sie denn als Mädchen lieber mit Puppen gespielt oder lieber selbst etwas dargestellt?

Ich habe viel selbst gebaut und genäht. Ich hatte diese Schleich-Pferde, das waren so Gummitiere. Denen habe ich dann Ställe und Häuser gebaut und Sattel genäht. Ich hatte also die Grundmaterialien und hab dann mein Königreich draufgesetzt (lacht).

Und dann sind Sie angeblich mit 14 auf einem Schulflur entdeckt worden. Wie geht das denn? Laufen die Agenten in Berlin auf den Schulfluren rum?

Ja, das klingt wirklich ein bisschen komisch. Aber ich war wohl wirklich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Eigentlich wollte ich an dem Tag gar nicht in die Schule, weil ich ziemliche Bauchschmerzen hatte. Aber meine Mama meinte: Geh erst mal hin, du kannst ja immer noch wieder nach Hause kommen, wenn’s nicht besser wird. Als wir gerade aus der Pause reinkamen und am Schwarzen Brett standen, kam ein scheinbar verlorenes Elternpaar vorbei, die aussahen, als würden sie sich in der Schule nicht zurechtfinden.

Und das waren Schauspielagenten?

Ich hab kurz geguckt, weil ich dachte, ich müsste denen den Weg zum Sekretariat zeigen, bin dann aber weitergegangen. Dann kam die Frau zurück zu mir und meinte: Wir casten für einen Kinofilm von Chris Kraus – und ich dachte erst mal: Wer ist Chris Kraus? (lacht) Die Frau fragte, ob ich so etwas schon mal gemacht habe und ob ich mal mit meinen Eltern reden und zum Casting komme könne.

Es ging um den Film „Poll“, in dem Sie später eine Hauptrolle neben Edgar Selge hatten. Und angeblich gab’s für Ihre Rolle 2500 Bewerberinnen.

Das kann ich nicht sagen, ich hab die ja nicht alle gesehen. Aber ich weiß, dass es sehr viele waren – die haben ewig gecastet.

Hatten Sie eigentlich ein Vorbild?

Nee, nicht im Sinne einer Leitfigur, von der ich gedacht hätte: So will ich sein. Was mich immer sehr nachhaltig fasziniert hat, ist das Gefühl beim Spielen. Das war schon als Kind so, als wir im Wald Räuberskinder gespielt haben. Man denkt sich was aus, und dann wird es ganz echt.

Mit 18 haben Sie dann gleich nach dem Abi die Sachen gepackt und sind nach Paris gegangen. Warum?

Vor allem, weil ich mal aus Berlin raus musste, die Stadt hat mich damals etwas genervt. Ich hab in Paris mit Volker Schlöndorff gedreht und danach beschlossen, noch ein bisschen zu bleiben, um mein Französisch aufzubessern. Es ist zwar alles wahnsinnig schön dort, aber wenn man aus dem Besuchermodus rauskommt, kann Paris auch eine sehr hektische Stadt sein.

Haben Sie in Paris allein oder in einer WG gewohnt?

Beides. Es hat mich ein bisschen überfordert, mit ganz fremden Menschen zusammenzuwohnen, vor allem, wenn man die Sprache nicht versteht (lacht).

Eine Schauspielschule haben Sie nie besucht.

Stimmt. Als es mit dem Abi langsam zur Neige ging und wir kaum noch Unterricht hatten, habe ich mit Schauspielunterricht angefangen, wollte aber nicht auf eine Schauspielschule. Andererseits war ich der Meinung, dass man sein Handwerk lernen muss. Ein Sänger kann ja auch nicht auf einmal singen, sondern braucht die Technik dafür. Deshalb habe ich mir immer sehr intensiv meinen Unterricht gesucht. Das hat bis heute nicht aufgehört – statt in drei Jahren Diplom-Schauspielerin zu werden, sehe ich das Lernen als lebenslanges Projekt.

Was fasziniert Sie an der Welt, in der Sie angekommen sind?

Ich finde den ganzen Apparat Film total faszinierend. Da setzt sich ein Drehbuchautor, ein Regisseur oder auch ein Produzent hin und sagt: Ich möchte gern eine Geschichte über dieses oder jenes Thema machen. Und aus diesem kleinen Gedanken, der am Anfang vielleicht nur ein halber Satz ist, wird ein Drehbuch mit Figuren und einem komplexen Plot und dann ein ganzes Filmset mit vielen Leuten, die alle koordiniert werden müssen. Im Kino ist man ja manchmal genervt vom langen Abspann, aber andererseits ist es doch ein Wunderwerk, dass so viele Menschen zusammenkommen, und am Ende kommt ein Film dabei heraus.

Wenn man heute liest, was über Sie geschrieben wird, sind Sie auf dem besten Weg, der nächste Topstar aus Deutschland zu werden. Ängstigt Sie das ein bisschen, oder können Sie’s kaum erwarten?

Weder noch, darauf ziele ich gar nicht ab. Als ich mich irgendwann für die Schauspielerei als Beruf entschieden habe, wollte ich nicht irgendwann da und da stehen. Aber mit dem, was jetzt um „Bad Banks“ und meinen französischen Film „Frantz“ herum passiert ist, habe ich das Gefühl bekommen, so könnte der Ansatz von einem großen Bekanntheitsgrad und Medieninteresse sein. Das ist schön, aber darum geht’s mir mit dem Beruf eigentlich nicht. Es setzt mich nicht unter Druck oder macht mir Angst. Mir geht’s ums Spielen, und deswegen werde ich meine Entscheidungen weiter danach treffen, was ich spielen möchte, und nicht danach, wie groß und erfolgreich der Film werden könnte.

In Frankreich werden Sie mittlerweile mit Romy Schneider verglichen.

(lacht) Die Menschen machen gerne Vergleiche, um das Gefühl zu haben, denjenigen zu kennen, den sie da sehen. Und mit Romy Schneider verglichen so werden ist doch ganz schön oder? Das zeigt ja auch, wie sehr die Franzosen Kino lieben und sich damit auskennen.

Jetzt kommt Ihr Film „Werk ohne Autor“ ins Kino, den Sie mit Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck gedreht haben. Eine Annäherung an Hollywood?

Nö. Kann sein, dass der Film auch dort gezeigt wird. Aber daran habe ich überhaupt nicht gedacht.

Ist Hollywood ein Thema für Sie?

Natürlich ist es toll, was für Filme da gemacht werden. In Deutschland gibt es eben nicht diese unbegrenzten Mittel, da heißt es schnell: Lass uns das mal anders machen, sonst kostet’s zu viel. Wenn ich mir dann „Shape of Water“ oder „Fluch der Karibik“ angucke, sieht man bei den Special Effects, wie viel Geld drinsteckt. Das ist schon toll, wie anders in Hollywood Geschichten erzählt werden können. Es ist vielleicht nicht mein Lebensziel, aber natürlich interessiert mich das als Schauspielerin.

In Hollywood wären Sie da die Schauspielerin, die mit Nachnamen übersetzt „Bier“ heißt.

Ist doch prima, das können sich die Leute gut merken.

Und den einen oder anderen Werbevertrag mit einer großen Brauerei könnten Sie auch abschließen.

Könnte ich bestimmt, wenn ich es denn wollte. Mir hat mal ein Engländer gesagt: „I like your name“ (lacht).

Was sagen eigentlich Ihre alten Schulfreundinnen zu dem, was Sie jetzt machen?

Das Lustige ist, dass sich manche fast noch gar nichts angeschaut haben. Die sagen: Du bist ja Paula als Freundin, deswegen muss ich ja nicht Deine Filme kennen oder mögen. Da zählt eben nicht der berufliche Erfolg, sondern das Private steht im Vordergrund. Aber die Leute, die sich was angesehen haben, sind eigentlich alle sehr angetan, begeistert und unterstützend.

Wie zielstrebig sind Sie?

Ich bin sehr ehrgeizig, wenn ich ein klares Ziel hab. Wenn es etwas gibt, das mich wirklich begeistert, dann gebe ich dafür auch alles und stelle einiges hintan, weil das Ziel dann absolute Priorität hat. Aber auch nur, wenn ich davon wirklich überzeugt bin.

Gibt’s etwas an Ihnen, das Sie als spießig bezeichnen würden?

Ja, schon. Wenn’s bei mir zu Hause unordentlich ist, macht mich das unruhig. Nur bei mir, nicht bei anderen. Spießig genug?

Dann bin ich auch spießig.

Ich bin auch pünktlich. So pünktlich, dass es mich nervt, wenn Leute fünf Minuten zu spät sind. Das ist vielleicht auch spießig. Oder auch nur deutsch.

Paula Beer

wird am 1. Februar 1995 in Mainz als einziges Kind eines Ehepaares geboren, das sich der abstrakten Malerei verschrieben hat. Schon als Achtjährige nimmt sie an einem Theaterkurs teil. Im Alter von zwölf Jahren zieht sie mit ihren Eltern nach Berlin, tritt dem Jugendensemble des Friedrichstadt-Palastes bei, wird als 14-Jährige quasi auf dem Schulflur von einer Schauspielagentin entdeckt und für den Film „Poll“ von Chris Kraus gecastet, in dem sie neben Edgar Selge die Hauptrolle spielt – der Durchbruch.

Sie macht ihr Abitur an einer Montessori-Schule und zieht gleich danach nach Paris, wo sie mit Volker Schlöndorff dreht, kehrt aber wieder nach Berlin zurück. Nach aufsehenerregenden Rollen in Filmen wie „Das finstere Tal“ (2014) und der französischen Produktion „Frantz“ (2016) bekommt ihre Karriere 2018 einen weiteren Schub: Sie spielt eine Hauptrolle in Christian Petzolds Kinodrama „Transit“ und begeistert das Publikum als junge und skrupellose Investment-Bankerin Jana Liekam in der ZDF/Arte-Serie „Bad Banks“ – dafür wird sie Mitte September als beste Schauspielerin mit dem Deutschen Schauspielpreis ausgezeichnet.

Ab 3. Oktober ist Paula Beer im Kino in einer Hauptrolle in Florian Henckel von Donnersmarcks dreistündigem Epos „Werk ohne Autor“ zu sehen, das als deutscher Beitrag ins Rennen um den Auslands-Oscar geht. Kritiker sind durchweg angetan von ihrer Spielkunst und Ausdruckskraft, viele prophezeien ihr den baldigen Sprung nach Hollywood. Noch aber lebt Paula Beer in Berlin – und mag es nicht, in der Öffentlichkeit über ihr Privatleben zu sprechen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN