Donnerstagabend auf Arte Mysteriöse Meeresriesen: Mythos Wal

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"Breaching" wird das eindrucksvolle Herausspringen der Buckelwale genannt. Das Verhalten tritt vor allem während der Paarungszeit auf.
© SWR/Moers Media/L. DeBarros"Breaching" wird das eindrucksvolle Herausspringen der Buckelwale genannt. Das Verhalten tritt vor allem während der Paarungszeit auf. © SWR/Moers Media/L. DeBarros

Osnabrück. Getragen von eindrucksvollen Superzeitlupe-Aufnahmen, geht der Film der Faszination rund um die Riesen der Ozeane nach.

„Wal, da bläst er!“, erschallte es einst in der Verfilmung von Herman Melvilles Roman „Moby Dick“. Für viele wird dies die erste (und vielleicht einzige) Begegnung mit einem Meeresriesen gewesen sein. Doch Melvilles 1851 erschienenes Buch beinhaltet mehr als die besessene Jagd von Kapitän Ahab und seiner Crew nach einem „Ungeheuer“, wie in der lehrreichen Dokumentation von Leighton De Barros und Peter Moers der New Yorker Englischprofessor und Melville-Biograf John L. Bryant erläutert.

Melville, der selbst als Walfänger arbeitete, entwirft in seinem Werk ein Sittengemälde seiner Zeit. Über Wale oder andere Bewohner des Meeres wusste man fast nichts. Die großen Säuger galten als Leviathan, als furchterregendes Seeungeheuer, als Symbol für die Gefahren der Ozeane. Die Fluke des Wales wurde als „Hand Gottes“ bezeichnet. Doch Melville nähert sich mit seinem Alter Ego Ismael in „Moby Dick“ fast naturwissenschaftlich. Erstaunt sinniert der Schiffsjunge über die Anordnung der Augen des Wales gegenüber der des Menschen und kommt zu dem Schluss, dass das Tier die Welt ganz anders wahrnehmen müsse und daher auch ein anderes Bewusstsein habe. Ein erster Mosaikstein, um den Mythos Wal zu verstehen.

Menschen mögen Wale, heißt es in der Dokumentation. Doch Dough Coughran, passionierter Walretter in Australien, warnt. Wale seien Wildtiere, keine Zeichentrickfiguren und keinesfalls sanftmütig. Wie gefährlich die Ozeanriesen sein können, beweisen Bilder von Walrettungseinsätzen, bei denen engagierte Menschen ihr Leben aufs Spiel setzen. Vor allem während ihrer Wanderungen über tausende von Kilometern verfangen sich Wale oft in Fischernetzen. Um die Tiere zu befreien, müssen die Retter viel riskieren. Sie nähern sich dem Wal von hinten, binden ihr Boot an die Fluke, machen dadurch das Tier müde, um dann das entscheidende Seil kappen zu können. Dabei dürfen sie aber auf keinen Fall in die sogenannte „Todeszone“ kommen. Ein Schlag des Wales könnte das Ende bedeuten.


Wenn Wale sich in Fischereizubehör verfangen, ersticken sie meist qualvoll. © SWR/Moers Media/L. DeBarros


Kein netter Tierfilm

Nein, ein netter Tierfilm über das größte Lebewesen der Erde ist diese Dokumentation nicht, auch wenn es tolle Bilder von anrührende Aufnahmen von Mutter und Kalb zu sehen gibt, oder von Walen, die sich majestätisch aus dem Wasser erheben. Auch andere Meeresbewohner oder Seeadler und Austernfischer sind im Bild. Aber De Barros und Moers zeigen vielmehr, wie sich beim Menschen das Verständnis vom Wal im Laufe der Zeit verändert hat: vom gejagten Ungeheuer hin zum fast ausgestorbenen, schützenswertem Lebewesen. Vom Wirtschaftsfaktor zum Politikum.

Der Film führt die Zuschauer auf ein historisches Walfangschiff, wie es zu Melvilles Zeiten existiert hat. Dort erlebt man nicht nur die beengten Arbeitsbedingungen der Seemänner, sondern erfährt auch, wie und mit welchen Waffen der damalige Walfang von statten ging. Gegenüber späteren Harpunenkanonen wirken die Waffen aus dem 19. Jahrhundert dabei fast wie Spielzeug. Jahrhundertelang war Walfang ein lukrativer Wirtschaftszweig. Noch Mitte der 60er Jahre wurden 30.000 Tiere jährlich getötet.


Paläontologe Olivier Lambert am Skelett eines modernen Pottwals im Naturkundemuseums in Pisa. Er erforscht mit einem Team die Evolution der Meeressäuger. © SWR/Moers Media/P. Moers


Rätsel der Evolution

Anfang der 1970 aber veränderte eine Schallplatte den Blick auf die Meeresriesen und hatte großen Einfluss auf den Walschutz. Der Zoologe und Bioakustiker Roger Payne erforschte seit 1967 in Pionierarbeit die Laute der Buckelwale. Die akustischen Aufnahmen von den Gesängen männlicher Buckelwale während der Paarungszeit veröffentlichte er unter dem Titel „Songs of the Humpback Whale“ (Lieder des Buckelwals). Ein Riesenerfolg und eine Initialzündung für den Widerstand gegen Walfang und für eine umfassende Naturschutzbewegung. Ob die Männchen mit ihren „Liedern“, die bis zu einer halben Stunde dauern können, Rivalenkämpfe führen oder Weibchen beeindrucken wollen, ist allerdings auch heute noch ungeklärt.

Ein Rätsel aber ist heute gelöst. Paläontologen wissen jetzt, wie Wale und Delfine ins Meer gekommen sind. Überraschende Erkenntnis: die Meeressäuger stammen von vierfüßigen Paarhufern wie Rindern, Schweinen oder Ziegen ab und durchliefen eine aberwitzige Entwicklung, wie eine  animierte Sequenz in der Dokumentation anschaulich verdeutlicht. Den größten Verwandschaftsgrad haben Wale zu Flusspferden. Auch überraschend: die Evolution der Wale ist am Besten in einer Hochwüste in Peru zu erforschen. Hier gab es vor Urzeiten eine hohe Konzentration an marinem Leben.

Mythos Wal
Donnerstag, 27. September 2018, 20.15 Uhr, Arte 


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