TV-Programm am Freitag Spannend: Spielfilm über Jan Masaryk und das Münchner Abkommen auf Arte

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Der Tscheche Jan Masaryk (Karel Roden) liebte die Frauen und die Drogen und verzweifelte an der Politik, die 1938 sein Land an Hitler verkaufte.Der Tscheche Jan Masaryk (Karel Roden) liebte die Frauen und die Drogen und verzweifelte an der Politik, die 1938 sein Land an Hitler verkaufte.

Osnabrück. Jan Masaryk? Kenn ich nicht! Mit dieser Begründung wird mancher die Filmbiografie, die Arte heute um 20.15 Uhr ausstrahlt, überblättern. Was schade wäre. Denn erstens ist die Geschichte Masaryks eng verbunden mit dem Ausbruch des 2. Weltkriegs und zweitens ist der tschechische Politiker als Person schillernd genug, um ihm einen Spielfilm zu widmen.

Ein Mann bricht in ein Haus ein, setzt sich ans Klavier und spielt, bis die Polizei kommt. Von der lässt er sich widerstandslos festnehmen und äußert nur einen Wunsch: dass er nicht in eine Zelle kommt, sondern ins Irrenhaus. Ein bestimmtes Irrenhaus: in die Heilanstalt in Vineyard, New Jersey. „Das ist der einzige Ort, an dem ich mich je wohlgefühlt habe“, sagt er.

Naja, der einzige Ort – das scheint übertrieben. Denn eigentlich hat sich Jan Masaryk (Karel Roden) im Nachtleben von Prag ziemlich wohl gefühlt. Musik, Tanz, Frauen, Alkohol und eine Linie Koks. Doch das ist jetzt, im Oktober 1938, vorbei. Tschechien wurde verraten und verkauft. Von England, Frankreich und Italien an Hitler. Und er, Jan Masaryk, fühlt sich schuldig. Er hätte es verhindern müssen, denn er war tschechischer Botschafter in London. Ganz nah bei Chamberlain, dem Hauptentscheider. „Ich bin fatal gescheitert.“

Der Diplomat Masaryk wird also in das Sanatorium überwiesen - die Irrenanstalt, wie er selbst immer wieder sagt. Dort wird er ausgerechnet von einem deutschen Arzt behandelt, Dr. Stein (Hanns Zischler), der selbst aus München fliehen musste. Seine Klinik, „die beste in Europa“, war mit ihren Methoden des Juden Sigmund Freud nach 1933 nicht mehr wohlgelitten.

Nun liegt Masaryk also auf der Couch von Dr. Stein und erzählt. Von seinem Vater zum Beispiel, dem ersten tschechischen Präsidenten Tomáš Masaryk, der seinen Sohn in die Politik geschickt hat. „Wahrscheinlich, weil ich so ein guter Lügner war.“ Oder weil dem Vater Klavierspieler als Berufswunsch nicht standesgemäß erschien.

Dr. Stein (Hanns Zischler) wacht am Bett von Jan Masaryk


Die Szenen im Sanatorium wechseln sich ab mit Rückblenden auf das, was Jan Masaryk zwischen Herbst 1937 und Herbst 1938 erlebt. Ein Jahr nur, aber es änderte alles. Denn in diesem Jahr streckte Deutschland unter Adolf Hitler seine Finger nach Tschechien aus – und bekam es. Zuerst sollte es nur das Sudentenland sein, damit die meist deutschsprachige Bevölkerung heim ins Reich kommt. Danach große Teile des Landes.

Tschechien und Jan Masaryk hatten auf Frankreich gehofft, auf einen Beistandspakt von 1924. Vergeblich. Sie hofften auf auch auf Großbritannien. „Wir verlassen uns auf zwei große Demokratien, dass sie uns in dieser schicksalhaften Stunde zu Hilfe kommen“. Vergeblich. Die Antwort der großen Demokratien, die beim Münchner Abkommen am 29. September 1938 – also morgen vor 80 Jahren – zusammen mit Italien und ohne Beisein des betroffenen Landes, Tschechien an Hitler verkauften: „Wenn das Opfer eines kleinen Landes dazu dient, den Frieden in Europa zu bewahren, sollte es kein Mitspracherecht haben“, sagt der britische Premier Chamberlain.

Jan Masarayk rechnet es sich und seinen mangelnden diplomatischen Fähigkeiten an, dass es so weit kam. Deshalb flieht nervlich am Ende in die USA, wo er als junger Mann schon einmal lebte. Und er rechnet es Edvard Beneš (Oldrich Kaiser) übel an, dem damaligen tschechischen Präsidenten, der in den Verhandlungen eine genauso umstrittene Rolle spielte, wie nach dem Krieg als Verfasser der Beneš-Dekrete, aufgrund derer Zehntausende deutschstämmige Bewohner Tschechiens gewaltsam enteignet und aus dem tschechischen Staatsgebiet vertrieb.

Um das alles geht es in dem tschechischen Spielfilm, der 2017 auf der Berlinale Premiere feierte, aber nicht mehr. Er endet nach einem Sprung in den September 1939, als Masaryk in London als Außenminister in die tschechische Exilregierung eintritt. Warum er sich dazu überwindet, bleibt letztlich unklar. Genauso wenig thematisiert der Film die weitere Zukunft Masaryks. Dabei ist die bis heute eine Kriminalgeschichte. Denn am frühen Morgen des 10. März 1948 wurde er tot im Hof des Prager Czernin-Palastes gefunden worden. Er war aus seinem 15 Meter über der Erde gelegenen Badezimmerfenster gestürzt – oder gestürzt worden.

Die junge kommunistische Regierung unter der Leitung der Sowjetunion hatte kein Interesse an der Aufklärung und beschied auf Selbstmord. Erst nach der politischen Wende wurde der Todesfall erneut untersucht. Doch inzwischen waren Jahrzehnte vergangen, die Beweislage unsicher. Die Prager Polizei erklärte im Jahre 2004, dass sie nicht mehr von Suizid ausgehe, ein Mord könne aber ebenfalls nicht nachgewiesen werden. Daher gilt für Jan Masaryk weiter: Todesursache unbekannt.

Der Verrat von München. Am Freitag, 28. September 2018, um 20.15 Uhr bei Arte


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