Interview mit dem Schauspieler Nikolai Kinski über Vater, Mutter und Donald Trump


Berlin. Es gibt wahrlich einfachere Lebensentwürfe, als der Sohn von Klaus Kinski zu sein. Doch Nikolai Kinski (42), der während der kurzen Ehe seines berühmt-berüchtigten Vaters und seiner Mutter, des französischen Models Minhoï Geneviève Loanic, geboren wurde, hat sich nach Jugend und Ausbildung in den USA den Herausforderungen gestellt – und nun das Gefühl, angekommen zu sein. Morgen Abend (20.15 Uhr) ist er im zweiten Teil des ZDF-Zweiteilers „Ein Sommer in Vietnam“ zu sehen. Über seinen außergewöhnlichen Werdegang berichtet der Schauspieler in einem Berliner Café. Und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund:

Herr Kinski, Heimat ist seit einiger Zeit ein viel diskutiertes Thema, mittlerweile haben wir sogar ein Heimatministerium. Gibt es für Sie einen Ort, den Sie als Heimat bezeichnen würden?

Tatsächlich Berlin. Allerdings hat es sehr lange gedauert, bis ich einen Ort gefunden hatte, den ich als Heimat, als „Home“, bezeichnen würde. Für mich ist Heimat vor allem ein Gefühl, und das habe ich hier in Berlin. Ich bin hierhergekommen, weil ich hier Wurzeln hatte und denen nachspüren wollte. Berlin war auch die Suche nach meiner Identität. Ich bin ja in Paris geboren und in Nordkalifornien aufgewachsen, das war mein erstes Zuhause, aber immer mit einer gewissen Einschränkung. Und nach vielen Jahren in Los Angeles habe ich mich mehr und mehr isoliert, desillusioniert und verschlossen gefühlt, ich war nicht mehr offen für andere Menschen. Das Leben ist einfach zu kurz, um es komplett in LA zu verbringen.

Sie sind dann 2001 zum ersten Mal nach Berlin gekommen.

Ja, etwa zwei Monate nach den Anschlägen des 11. September. Und ich hab mich sofort in Berlin zu Hause gefühlt – es gab keine zwei Städte, die damals unterschiedlicher waren als LA und Berlin. Ich habe hier ständig neue Leute kennengelernt, die Menschen waren präsent, man konnte ihnen in die Augen gucken und mit ihnen reden. Die Gesellschaft und die Kultur hier haben es mir ermöglicht, viel zufriedener zu sein. Hier kann ich tun, was ich will. 2004 bin ich dann komplett nach Berlin gezogen.

Jetzt hat sich Berlin von 2001 bis heute ziemlich stark verändert – gefällt Ihnen die Stadt immer noch so gut wie damals?

Ja, sogar noch mehr. Berlin hat sich wirklich sehr stark entwickelt, ist vielfältiger und kosmopolitischer geworden, und mein Gefühl für diese Stadt und dieses Land ist mittlerweile so, dass ich wirklich behaupten kann, ich sei angekommen. Jetzt kann ich sagen: Ich bin ein Berliner. Dabei habe ich hier ja bei null angefangen – was die Sprache angeht und auch die Konfrontation mit meinen Wurzeln. Aber wenn man sich mit seinen eigenen Ängsten konfrontiert, lernt man am meisten über sich selbst.

Sie haben die Sprache unglaublich schnell gelernt – dabei heißt es doch immer „Deutsche Sprache, schwere Sprache“.

2003 habe ich angefangen und damals natürlich noch nicht gewusst, dass es so schnell gehen würde. Andererseits war mir von Anfang an klar, dass ich es immer bereuen würde, wenn ich nicht wirklich versuchen würde, in Berlin zu leben und die Sprache zu lernen. Am Anfang war alles aufregend und toll, aber manchmal habe ich mich schon gefragt: What the fuck am I doing here? Natürlich war es auch ein bisschen größenwahnsinnig, als englischsprachiger Schauspieler in den USA zu sagen: Tschüss, ich zieh jetzt nach Deutschland. Es war ja eine ganz andere Zeit – damals musste ich noch im Winter durch Schnee und Matsch zu einem Internetcafé stapfen, um ein paar E-Mails zu schreiben. Das heißt – ich war auf einmal wirklich ganz weit weg von allem, was ich kannte, aber dafür umso gezwungener, alles hier aufzunehmen wie ein unersättlicher Schwamm.

Als Schauspieler brauchen Sie die Sprache ja nicht nur im Supermarkt, sondern vor allem auch beim Spielen.

Ja, deshalb war es auch ein bisschen so, als ob ein deutscher Schauspieler nach Japan ginge. Umso glücklicher bin ich, dass ich heute auf Deutsch spielen und mich mit Ihnen so unterhalten kann, wie ich es tue. Ich glaube, die deutsche Sprache war immer schon in meinen Genen und der DNA, weil ja etliche Generationen vor mir Deutsch gesprochen haben. Diese Gene waren 25 oder 26 Jahre ausgeschaltet, und ich hab sie dann wieder eingeschaltet.

Sie haben einen amerikanischen und einen französischen Pass, wie wäre es mit einem deutschen dazu?

Ich glaube schon, dass das geht, und es wäre mir jetzt wichtig, in Deutschland wählen zu können. Vor den Wahlen in Frankreich habe ich gedacht: Wenn Le Pen gewinnt und einen Frexit veranstaltet, dann muss ich mir tatsächlich einen deutschen Pass zulegen. Damals, als Bush den Irak-Krieg angezettelt hatte, bin ich fast nur mit dem französischen Pass gereist, weil der Antiamerikanismus so ausgeprägt war.

Sind wir heute nicht wieder auf dem Weg dahin?

Das war schon anders. Damals stand man als Amerikaner für eine Kriegsmaschinerie und eine arrogante Mentalität, heute habe ich das Gefühl, dass die Menschen sich wundern und teilweise sogar Mitleid mit einem Land haben, das von einem geistig instabilen Faschisten als Geisel gehalten wird. Amerika ist ein Land der totalen Gegensätze: Auf der einen Seite so viele Möglichkeiten, so viel Freiheit und so viel Schönheit – und auf der anderen diese Heuchelei, diese Manipulation durch einen Kapitalismus, der mehr und mehr das Fundament der Demokratie zerstört. Was jetzt passiert, ist der Preis dafür, dass die Menschen von der Gier der Konzerne und einem komplett korrupten politischen System ausgenutzt und verarscht wurden.

Und ausgerechnet deshalb haben die Amerikaner Donald Trump gewählt?

Das ist ja das Perverse: Mit Trump haben sie jemanden gewählt, der für genau das System steht, das ihr Leben zur Hölle gemacht hat und es weiter tun wird. Oberflächlich mag er unabhängig sein, aber hintenherum ist er mit diesem System mehr verbunden als jeder andere.

Zurück nach Berlin: Sie sind ja auch hierhergekommen, um den Nachlass Ihres Vaters zu sortieren.

Sortieren ist das falsche Wort, eher zu entdecken auf meinem Weg. Der Nachlassverwalter hatte damals Gedichte meines Vaters bei einer Auktion gekauft und deswegen den Kontakt hergestellt. Dann gab’s eine Ausstellung über meinen Vater im Frankfurter Filmmuseum. Ich hab dadurch nach und nach das ganze Werk meines Vaters kennengelernt. Wobei ich ja am Anfang in Amerika nur gespürt habe, dass es diese Welt gibt, in der er lebt. Irgendwann kam auch von Deutschland aus dieses Interesse – bis ich mir sagte: Ich kann das jetzt ignorieren oder aber kennenlernen. Das habe ich dann getan, es waren schließlich meine Wurzeln, egal wie weit weg es war.

Wie schockierend war es für Sie, als Ihre Schwester Pola vor ein paar Jahren die Missbrauchsvorwürfe gegen Ihren Vater erhob?

Dazu habe ich mich ja schon geäußert, und dem möchte ich auch nichts mehr hinzufügen. Das ist für mich abgeschlossen, ich bin mit dem Hier und Jetzt und nicht mehr mit der Vergangenheit beschäftigt.

Wie ist denn überhaupt der Kontakt zu Ihrer Familie, zu den Schwestern und Ihrer Mutter?

Mit meiner Mutter und meinem Stiefvater habe ich eine sehr enge Verbindung. Sie leben mittlerweile seit ein paar Jahren in Portugal, nachdem sie viele Jahre in Nordkalifornien verbracht haben, wo ich ja auch aufgewachsen bin. Interessanterweise sind sie genau am Tag der Amtseinführung von Trump abgereist, auch wenn das Zufall war. Mit Nastassja habe ich Kontakt, Pola kenne ich leider nicht.

Sie heißen mit vollem Namen ja Nanhoi Nikolai Kinski. Wie kam es zu diesem Vornamen?

Nanhoi kam über meine Mutter, sie war der 68er-Bewegung sehr verbunden, Ho Chi Minh und dem Kommunismus. Und mein Vater hatte ja einen Hang zu russischen Namen, die er ja auch allen drei Kindern gegeben hat.

Ihr erster Film war zugleich auch der letzte Ihres Vaters: „Paganini“. Er hat damals den italienischen Wundergeiger gespielt und Sie seinen Sohn. War dieser Film so etwas wie ein Schlüsselmoment für Sie und Ihre weitere Entwicklung?

Natürlich. Das war schließlich mein Anfang, meine erste Erfahrung. Damals habe ich gespürt, was ich machen möchte mit meinem Leben, nämlich Geschichten erzählen. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

War es dann später eher eine Last oder ein Türöffner, der Sohn von Klaus Kinski zu sein?

Das kann ich so gar nicht beantworten. Ich habe wohl beide Erfahrungen gemacht und will das gar nicht als positiv oder negativ beurteilen. Es ist einfach ein Bestandteil von mir. Auf jeden Fall bin ich sehr glücklich darüber, dass ich nicht hier in Deutschland aufgewachsen bin, das wäre wohl sehr schwer gewesen. Als ich hierherkam, konnten es die Menschen gar nicht verstehen, dass ich nicht so belastet davon war, der Sohn von Klaus Kinski zu sein. Ich habe meinen Vater zwar immer wieder erleben können, aber meine Mutter und mein Stiefvater waren meine Familie.

In den USA war er kein Thema?

In LA war es nicht mehr als eine Anekdote, dass ich sein Sohn bin – ernst wurde es erst, als ich quasi in die Höhle des Löwen kam. Aber ich habe mich nicht abschrecken lassen, muss allerdings auch sagen: Es hat wahnsinnig viel Kraft und Anstrengung gekostet, immer wieder damit konfrontiert zu werden. Andererseits war ich nicht das Opfer, sondern habe mich ganz bewusst entschieden, nach Deutschland zu kommen. Und ich bin ja nicht das, was Menschen über mich denken oder sagen.

Sie vergleichen sich also nicht mit Ihrem Vater?

Nein, das haben in Deutschland andere für mich gemacht und sind mir damit schon oft genug auf dem Wecker gegangen. Ich habe mich lange und sehr intensiv damit auseinandergesetzt – mittlerweile habe ich auch gar nicht mehr das Bedürfnis, mich bei anderen zu beweisen. Ich weiß, was meine Qualitäten sind, die sind so weit weg von meinem Vater und so anders. Ich bin unglaublich dankbar dafür, dass ich es hingekriegt habe, mich als Berliner zu fühlen und gleichzeitig überall auf der Welt arbeiten zu können, sei es auf Englisch, Französisch oder Deutsch. Es geht wirklich so auf, wie ich es mir vorgestellt habe.

Dann lassen Sie uns mal das Thema wechseln: Ist „Ein Sommer in Vietnam“ durch die Geschichte Ihrer Mutter ein besonderer Film?

Eine besondere Erfahrung auf jeden Fall. Kurios war: Ich war vor anderthalb Jahren zum ersten Mal in Vietnam unterwegs, als das Angebot für diesen Film kam und man mir die Drehbücher geschickt hat. Das war wohl ein Wink des Schicksals. Ansonsten hatte ich ja eigentlich gar keine Verbindungen nach Vietnam bis auf die Tatsache, dass meine Mutter da als Tochter einer vietnamesischen Frau und eines französischen Soldaten während des ersten Indochina-Kriegs geboren wurde. Sie wurde dann ja als Baby abgegeben, kam mit sechs nach Frankreich und ist dort in einem Waisenhaus aufgewachsen. Sie ist Französin und spricht auch kein Vietnamesisch.

Hat sich Ihre Mutter denn auch auf die Suche nach ihren Wurzeln gemacht?

Ja, aber erst viel später. Als sie 50 war, hat sie mithilfe eines Privatdetektivs in der Bretagne ihren Vater gefunden. Ich habe ihn auch noch kennengelernt, aber da hatte er schon einen Schlaganfall erlitten. Ihre Mutter hat meine Mutter nie gefunden, ich hatte also eigentlich überhaupt keine Großeltern, denn die Großeltern väterlicherseits waren im Krieg gestorben. Ich habe in Vietnam ein bisschen die Geschichte meiner Mutter erforscht, war in Dalat, wo sie in einem Waisenhaus von katholischen Nonnen aufgezogen wurde, bevor sie mit sechs nach Frankreich kam.

Sie haben nach den Dreharbeiten von einem „besonderen Gefühl von Heimat“ gesprochen, das Sie in Vietnam empfunden haben.

Meine Mutter hatte ja ihren französischen Vater gefunden, aber nie ihre vietnamesische Mutter. Ich könnte also noch eine in Vietnam lebende Großmutter haben – das war mir nicht wirklich klar, bis ich in Vietnam war. Durch die Gerüche, das Essen und vieles mehr habe ich ein unerklärliches Gefühl von Vertrautheit bekommen, wirklich eine besondere Art von Heimatgefühl.

Im Film sagt der von Ihnen dargestellte Dahn: Der Geliebte meiner Großmutter war ein französischer Soldat. Das klingt schon sehr nach Ihrer Geschichte.

Ich habe natürlich meinen Senf zu den Drehbüchern dazugegeben, wo es Sinn gemacht hat. Dahns Geschichte hat ja Ähnlichkeit mit meiner insofern, dass er jemand ist, der zwischen Welten steht, aber sich auch zu Hause fühlen kann in verschiedenen Kulturen.

Sie sprechen im Film sehr gut Vietnamesisch – zumindest, soweit ich das beurteilen kann.

(lacht) Eigentlich überhaupt nicht, die Sprache ist wahnsinnig schwer. Aber ich habe offenbar ein gutes Ohr für so etwas. Was ich in den letzten Jahren alles für Sprachen im Film gesprochen habe, die ich gar nicht beherrsche, ist schon verrückt. In der Netflix-Serie „Berlin Station“, die ich gerade drehe, spreche ich zum Beispiel Russisch. Mithilfe von Coaches klappt das einigermaßen. Für mich ist ja auch das der Reiz an der Schauspielerei – sich in seinen Rollen ganz weit weg vom eigenen Ich zu bewegen.

Haben Sie nach diesem Film Lust oder sogar das Bedürfnis, noch einmal nach Vietnam zurückzukehren?

Auf jeden Fall. Das Tolle am Drehen ist ja, dass man die Menschen im jeweiligen Land auf eine Weise kennenlernen darf, dass sie dich nicht als Touristen betrachten. Mittlerweile ist mir das Land auch vertraut. Außerdem mussten wir den Dreh für mehrere Monate unterbrechen – es war der heißeste Sommer seit 1972, die Hitze war wirklich unerträglich, gefühlte 45 Grad mit 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Es hat Wochen gedauert, bis ich mich wieder normal gefühlt habe.

Nanhoi Nikolai Kinski

wird am 30. Juli 1976 in Paris als Sohn des deutschen Schauspielers Klaus Kinski und des französisch-vietnamesischen Models Minhoi Geneviève Loanic geboren, seine Schwestern Pola und Nastassja stammen aus anderen Beziehungen des Vaters. Drei Jahre nach seiner Geburt lassen sich Nikolais Eltern scheiden, der Junge bleibt bei der Mutter, reist zunächst mit ihr um die Welt, die sich schließlich mit ihrem neuen Lebensgefährten in Nordkalifornien niederlässt. Wenig später zieht auch Klaus Kinski dorthin, um in der Nähe seines Sohnes sein zu können.

Tatsächlich entwickelt sich zwischen Vater und Sohn ein enges Verhältnis. Als Elfjähriger steht Nikolai in seinem ersten Film „Paganini“ vor der Kamera und spielt den Sohn des italienischen Wundergeigers, der wiederum von seinem Vater in dessen letztem Film verkörpert wird. Als einziges Mitglied der Familie ist Nikolai dabei, als nach dem Tod des Vaters 1991 dessen Asche im Pazifik verstreut wird.

1994 geht Kinski nach Los Angeles, um an der renommierten UCLA Schauspiel zu studieren. In New York debütiert er am Theater in der Rolle des Nosferatu. 2001 kommt er zum ersten Mal nach Deutschland, um sich auf die Suche nach seinen Wurzeln zu machen, zwei Jahre später übersiedelt er nach Berlin, lernt in kürzester Zeit Deutsch und steht auch hier schon bald auf der Theaterbühne. Zudem ist er in etlichen deutschen und internationalen Filmproduktionen zu sehen. 2006 sorgt er für Aufsehen, als er im Rahmen des Programms „Kinski spricht Kinski: Tagebuch eines Aussätzigen“ lange verschollene Gedichte seines Vaters vorträgt.

Als seine Schwester Pola 2013 schwere Missbrauchsvorwürfe gegen den Vater erhebt, reagiert Nikolai Kinski mit einem Beitrag in der „Bild“-Zeitung und schreibt: „Ich bin zutiefst schockiert und am Boden zerstört über die Offenbarung ihres Missbrauchs durch unseren Vater. Ich habe ihn nie so erlebt. Ich wünschte, ich könnte ihn noch mit den Vorwürfen konfrontieren.“ Heute möchte er sich zu diesem Thema nicht mehr äußern.

Nikolai Kinski lebt in Berlin und ist seit Längeren liiert mit der Schauspielkollegin Ina Paule Klink („Wilsberg“), die ihm der Ärzte-Drummer Bela B. vorgestellt hat. Er besitzt die amerikanische und französische Staatsbürgerschaft, spielt Piano und Gitarre, singt, fährt leidenschaftlich Fahrrad und betreibt viel Sport.


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