Interview mit dem Schauspieler August Zirner: Man hätte die AfD verbieten müssen

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Im wehenden Trenchcoat kommt er über die Straße gelaufen, winkt schon von Weitem. August Zirner hat geprobt in den Wiener Kammerspielen, nach unserem Gespräch in der Josefstadt muss er gleich wieder hin. Aber erst einmal nimmt sich der vielbeschäftigte Schauspieler (siehe Vita) mit amerikanischem und österreichischem Pass Zeit für ein ausgiebiges Gespräch über seine Jugend in den USA, das Amerika von heute, den Rechtsruck in Europa und die Möglichkeiten der Kunst.

Herr Zirner, Sie haben die ersten 17 Jahre Ihres Lebens in den USA verbracht. Wenn Sie heute zurückdenken – welche Bilder kommen Ihnen in den Kopf?

So eine Zeitreise mache ich nachts regelmäßig. Da sehe ich dann unser Haus, den Garten und den Weg in meine Schule und zur Universität, wo meine Eltern gearbeitet haben. Das konnte man alles mit dem Fahrrad machen. Ich kenne ein Amerika von großer Gesprächslust und Auseinandersetzungsfreudigkeit. „That’s really interristing“ war einer der Sätze, die am häufigsten fielen. Und ich erinnere mich daran, wie toll die Amerikaner es fanden, wenn mein Vater den Frauen die Hand geküsst hat. Das war durch die Wiener Erziehung unverzichtbarer Bestandteil seiner Begrüßung, und die Amerikaner waren begeistert von diesem „Vienna style“.

Ihre Eltern waren ja vor den Nazis geflohen. In den USA fühlten Sie sich willkommen?

Ja, natürlich. Wir hatten immer offene Türen, die Haustür war nie abgesperrt. Aber das ist schon sehr lange her, und mittlerweile schieben sich bei mir ganz andere Bilder dazwischen. Ich habe gerade im Kino den großartigen Film „BlackKlansman“ von Spike Lee über den Ku-Klux-Klan gesehen, und ich hab dabei wirklich geheult. Am Anfang geht’s um die Zeit vor 30 Jahren, am Ende blendet er über in das heutige Amerika, dieses „Make America great again“, das ist beängstigend. Momentan habe ich keine Lust mehr auf Amerika, auch wenn die Erinnerung eine total positive ist. Aber ich bin immer noch Amerikaner und habe zurückschauend ein positives Verhältnis zu diesem pragmatischen, urdemokratischen Verhältnis von Zwischenmenschlichkeit.

Sind Sie eigentlich zweisprachig aufgewachsen?

Ja, wir haben zu Hause nur Deutsch gesprochen. Wenn mein Vater beim Abendessen mit mir Englisch sprechen wollte, hat meine Mutter sofort gesagt: Ich bin umringt von Ausländern. Und hat darauf bestanden, dass wir Deutsch sprechen.

Waren Sie das Wunschkind Ihrer Eltern?

Meine Eltern gingen Mitte der 50er-Jahre nach Tanglewood. Da war meine Mutter schon 40, und ihr wurde von den Ärzten klargemacht, dass sie keine Kinder wird bekommen können. In diesem Sommer von Tanglewood haben meine Eltern dort die „Zauberflöte“ zur Aufführung gebracht. Und irgendwann hat meine Mutter die Cocktails nicht mehr vertragen. Sie ging daraufhin zum Arzt, und der sagte nur: Das ist in Ihrem körperlichen Zustand völlig normal. Sie sind im fünften Monat schwanger.

Mir Ihnen?

Ja, das war ich. So kam ich quasi mit den Klängen der „Zauberflöte“ zur Welt.

Haben Sie noch Kontakte zu Menschen, die Sie damals in Amerika kannten?

Ja, es gibt zum Beispiel den Gitarristen meiner Band: David lebt in New York, ist Architekt, spielt aber eben auch Gitarre. Vor ein paar Jahren hat er mir gestanden, dass ich es war, der in seiner Band spielen durfte, die „Baby Grand“ hieß. Ich hatte eine gute PA-Anlage, und deshalb haben sie meine Flöte und das Saxofon billigend in Kauf genommen (lacht). Irgendwann haben sie dann gemerkt, dass es damit ja auch ganz gut geht.

Die USA galten damals noch viel mehr als heute als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Warum sind Sie trotzdem als 17-Jähriger nach Wien gegangen, um Schauspiel zu studieren?

Mein Vater ist gestorben, als ich 14 war. Und meine Mutter hat mir gesagt: Wenn du Schauspieler werden willst, dann nicht in New York, sondern in Wien. Mir war New York aber auch zu groß, und Wien war die andere große Stadt, die ich durch Besuche mit meinen Eltern kannte, aber eben nicht so groß wie New York.

Wer geht denn schon mit 17 auf eine Schauspielschule?

Sie haben am Max-Reinhardt-Seminar eine Ausnahme für mich gemacht. Das Mindestalter für eine Aufnahme war eigentlich 18, aber – das ist mir jetzt ein bisschen peinlich – anscheinend hielt man mich für begabt genug. Deshalb haben sie ein Auge zugedrückt.

Das Talent hat sich in den Jahren danach ja bewiesen.

Mühsam. Die ersten 15 Jahre in dem Beruf sind höllisch.

Warum?

Weil ich nichts konnte und so unsicher war. Ich war halt sehr jung und in den Fängen ziemlich starker Regisseure. Andererseits war ich ziemlich bockig und eigenwillig, aber auch sehr verunsicherbar. Inzwischen vertraue ich auf meinen Bock, aber das hat lange gedauert.

Sie haben vor neun Jahren im Interview mit meinem Kollegen Marcus Tackenberg die FDP als „amoralische Partei“ bezeichnet und erzählt, dass Sie während der Präsidentschaft von George W. Bush überlegt haben, Ihren amerikanischen Pass zu verbrennen. Heute haben wir die AfD und Donald Trump.

Sie merken, dass meine Empörung nichts genutzt hat. Empörung bringt’s nicht. Ein Schuss Empörung kann vielleicht helfen, dass man den Hintern hochkriegt, um halbwegs angemessen zu reagieren. Momentan sind wir alle aufgerufen, ziemlich genau hinzusehen, was in der Welt los ist, weil es gerade sehr kippt. Als ich in Amerika aufgewachsen bin, waren die großen Feinde die Kommunisten und die Ufos.

Die Ufos?

Ganz im Ernst. Wir haben als Schüler Ufos in phosphoreszierenden Farben gemalt und sie auf Felder gelegt, um die Reaktionen in der Schule mitzubekommen. Heute sind die Ufos der Islam, und die Kommunisten sind die Linken in Amerika, die Toleranten, die Obamas. Aber vermutlich ist auch die mir innewohnende Arroganz mit schuld daran – wir haben einfach zu wenig das Gespräch gesucht mit den Leuten, die sich bedroht fühlen.

Durch die USA geht ein tiefer Riss – sind wir in Deutschland auf demselben Weg?

Der Riss wird auf jeden Fall tiefer, das hat Chemnitz ja deutlich gezeigt. Viel mehr Leute trauen sich heute, Sachen zu sagen, die sie vor fünf Jahren noch nicht gesagt hätten. Es geht ein Riss durch die Gesellschaft – früher zwischen arm und reich, heute zwischen informiert und uninformiert, empathisch und unempathisch. Wo ist der differenzierte Blick auf Dinge? Was bedroht die Leute wirklich, die sich heute bedroht fühlen? Was ist das denn für eine Kultur, auf die da gepocht wird? Ich finde, dass man die AfD hätte verbieten müssen, aber dafür ist es jetzt zu spät.

Und die etablierten Parteien sind schuldlos?

Nein, mich entsetzt zum Beispiel das Ausmaß der sanktionierten Wirtschaftskriminalität. Vom Dieselskandal bis zu irgendwelchen Optionsgeschäften – ich versteh nicht, warum es nicht mehr so etwas wie eine ökonomische Moralinstitution gibt. Daran sieht man, dass der Staat überholungsbedürftig ist, genauso wie es die EU ist. Das heißt nicht, dass der Staat oder die EU schlecht wären, aber wie in Amerika hat die Wirtschaft mittlerweile den Staat in der Hand.

Macht sich der allgegenwärtige Rechtsruck auch im Kunstbetrieb bemerkbar?

Gott sei Dank nicht. Noch nicht. Was ich allerdings schon bemerke, ist ein gewisses Bedürfnis nach Popularität und schnellem Erfolg. Dagegen ist nicht unbedingt etwas zu sagen, es kommt allerdings darauf an, womit man populär wird. Da denke ich eher amerikanisch: Kunst und Kommerz müssen sich nicht ausschließen. Ich freu mich ja auch, wenn mir viele Leute zusehen.

Wird Kunst in Zeiten wie diesen politischer?

Automatisch, weil man ja dieses Entsetzen, die Wut und die Überforderung mit der Dummheit in sich trägt. Ein Film wie der von Spike Lee über den Ku-Klux-Klan ist sehr politisch.

Hat die Kunst denn Einflussmöglichkeiten?

Ich glaube schon. Aber ich weiß auch, dass das ein naiver Glaube ist. Diese Naivität gönne ich mir.

In den USA gibt es kaum einen Künstler, der nicht gegen Trump ist – den Präsidenten Trump haben sie dennoch nicht verhindert. In Deutschland ist es ähnlich mit den Künstlern und der AfD. Deren Zustimmung wächst beständig.

Ja, weil es irgendwie cool ist. Aber ich finde Coolness inzwischen ziemlich langweilig.

Ein anderes Thema, das Ihre Branche seit einiger Zeit bewegt, ist die #MeToo-Debatte. Sind da Folgen in der täglichen Arbeit spürbar?

Die Debatte ist wichtig, und die Folgen sind auch spürbar. Andererseits ist nicht jeder Mann ein Grapscher, und es gibt in Amerika auch einen Missbrauch des Forums #MeToo. Natürlich bin ich ein Vertreter der männlichen Spezies, ich bin aber auch ein Vertreter des respektvollen Umgangs mit jedem. Mir geht es vor allem um die Auseinandersetzung mit Macht und Machtmissbrauch. Dass Frauen darunter leiden mussten, gehört an den Pranger. Und wenn es deshalb jetzt eine Zeit lang etwas verklemmter zugeht, dann ist das eben so. Es gibt Schlimmeres.

Wie ist Ihr Umgang mit den Frauen?

Ich hab mit sehr viel mit Regisseurinnen gearbeitet, da gab es nie Machtprobleme. Ich bin mit starken Frauen aufgewachsen, ich hatte eine sehr starke Großmutter, meine Mutter war eine starke Frau, ich hab selbst eine starke Frau und starke Töchter. Ich bin also in einer Tradition von starken Frauen aufgewachsen, und ich finde das herrlich. Für mich ist das eher normal, auch wenn ich weiß, dass es nicht normal ist. In der Arbeit geht man natürlich den Weg einer Intimität, das kann sofort missverstanden werden. Deshalb ist es wichtig, aufrichtig mit seinen Kollegen und Kolleginnen umzugehen. Es ist wahnsinnig wichtig, sich Blößen geben zu dürfen und zu können. Und wenn man das respektvoll tut, wird nie ein Übergriff stattfinden.

Haben Sie selbst mal eine #MeToo-Situation mitbekommen?

Ja, aber umgekehrt, als 18- oder 19-Jähriger als Schauspielschüler. Da hatte ich eine Lehrerin, die berühmt dafür war, dass sie Schüler vernascht. Ich hatte eine wahnsinnige Angst vor dieser Frau und ihrer Macht und habe prompt meinen ersten Film gemacht, nur um aus diesem Unterricht rauszukommen. Aber ich würde nie behaupten, dass da etwas passiert wäre. Als Mann kann man immer „Nein“ sagen. Umgekehrt ist es schon anders zu bewerten, wenn Männer übergriffig werden.

Jetzt sind Sie im Kinofilm „Wackersdorf“ zu sehen. Der erscheint angesichts aller aktueller Debatten fast wie ein Historiendrama.

Das stimmt, andererseits ist auch meinen Kindern bewusst, dass damals die Anti-AKW-Bewegung einen entscheidenden Schub bekam. Ähnlich wie in Gorleben, worüber ich auch schon mal einen Film gemacht habe. Da zeigt sich eine Tradition des Widerstands, so langsam ist es ja fast allen ins Bewusstsein gesickert, dass die Atomkraft doch nicht so eine tolle Idee war. Es kann sich lohnen, wenn man sich wehrt.

Wie ist denn Ihr Blick auf die 68er-Bewegung?

Ich war 1968 gerade mal zwölf, also bin ich höchstens ein Nach-68er. Historisch gesehen, war das natürlich eine große und wichtige Geschichte. Auf der anderen Seite fand ich das Verhalten der 68er-Männer den Frauen gegenüber ganz furchtbar. Ich mochte das Macho-Verhalten dieser Typen nicht, und das war durchaus ein Teil des Ganzen.

Heute Abend sitzen wir in einem Hotel neben dem Theater in der Josefstadt in Wien – der Stadt, aus der Ihre Familie stammt und in die Sie gegangen sind, als Sie Amerika verlassen haben. Was ist für Sie das Besondere an Wien?

Auf jeden Fall die Auseinandersetzung mit der Geschichte meiner Eltern, die Wien ja wegen der Nazis verlassen mussten. Wien ist für mich eine inspirierende Stadt, Wien macht mich aggressiv…

Aggressiv? Warum?

Die etwas schlappe Aufarbeitung des Dritten Reichs und diese Bereitschaft zu sagen, es sei ja alles nicht so schlimm gewesen, ärgern mich. Die Geschichte meiner Eltern hat durchaus einen Schatten auf mich geworfen und wirft ihn immer noch. Es beschäftigt mich bis heute, welche Demütigungen meine Eltern 1936, 1937 und 1938 erfahren haben. Auf der anderen Seite ist Wien so eine wahnsinnig kultivierte Stadt, hier gibt es die schönste Theater-, Musik- und Museumslandschaft, die man sich nur wünschen kann. Kultur spielt hier eine zentrale Rolle im Alltag. Das Benehmen übrigens auch, das mag ich sehr. Insofern ist Wien für mich ganz spannend, ein Ort der Vitalisierung.

Aber nicht so, dass Sie hier dauerhaft leben wollten?

Nein, ich bin längst ein Landmensch. Ich bin gerne in Wien, aber ich lebe wahnsinnig gern auf dem Land. Ich brauche einfach Natur, Stille, Vogelgezwitscher, keine Straße. Da bin ich schon sehr verwöhnt. Wien ist wahnsinnig anregend, New York natürlich auch, aber selbst nach acht Tagen New York bin ich reif fürs Land. In der Großstadt mache ich Ferien.

August Zirner

wird am 7. Januar 1956 in Urbana im US-Bundesstaat Illinois geboren. Die Eltern haben Wien wegen der jüdischen Abstammung des Vaters 1938 verlassen und sind in die USA emigriert. Sein Vater gründet und leitet die Opernschule der University of Illinois, die Mutter, eine Grafikerin, arbeitet später als Kostüm- und Bühnenbildnerin.

Zirner besucht in Urbana die Highschool, geht als 17-Jähriger nach Europa und lässt sich von 1973 bis 1976 am Max-Reinhardt-Seminar in Wien zum Schauspieler ausbilden. Ein Jahr später verschlägt es ihn zum Staatstheater Hannover, danach folgen zahlreiche Engagements an deutschsprachigen Bühnen. Ab Mitte der 80er-Jahre widmet er sich vorrangig seiner Kino- und Fernsehkarriere. Zirner ist in weit über 100 Filmen zu sehen, entwickelt sich zu einem der besten deutschsprachigen Charakterdarsteller und erhält 2007 den verdienten Grimme-Preis.

In den kommenden Wochen ist August Zirner vielfach präsent: Ab 20.9. im Kinofilm „Wackersdorf“ und ab 15.11. in einer Hauptrolle in „Was uns nicht umbringt“. Zudem ist der Querflötist und Saxophonist mit seinem „Spardosen-Terzett“ unterwegs und präsentiert seine musikalisch-szenische Interpretation des Romans „Frankenstein“ (Termine unter spardosen-terzett.de). Im Rahmen der Konzertreihe „Abraham Lincoln Portrait“ ist er noch bis Ende September an mehreren Auftrittsorten in NRW zu erleben.

Seit 39 Jahren ist Zirner mit der Schauspielerin Katalin Zsigmondy zusammen, seit 32 Jahren verheiratet. Das Paar hat vier Kinder, darunter den Schauspieler Johannes Zirner, und lebt am Chiemsee.


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