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Serie Dauerbrenner Das!: Volles Risiko auf dem Roten Sofa

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Begrüßen ihre Gäste auf dem Roten Sofa: die Moderatoren Bettina Tietjen, Hinnerk Baumgarten und Inka Schneider. NDR/Morris Mac Matzen/mmacm.comBegrüßen ihre Gäste auf dem Roten Sofa: die Moderatoren Bettina Tietjen, Hinnerk Baumgarten und Inka Schneider. NDR/Morris Mac Matzen/mmacm.com

Osnabrück Das Interview-Format DAS! gibt es seit 1991. Auf dem Roten Sofa haben neben Katja Riemann, Sir Peter Ustinov, Eva Padberg und Udo Walz Platz genommen.

Das deutsche Fernsehen ist ein Sitz-Medium. Nicht nur dass es sich die Republik allabendlich vor der Glotze gemütlich macht. Auch auf der anderen Seite des Bildschirms wird viel gefleezt. Anne Will bittet ihre Gäste in überdimensionierte grau-beige Sessel auf Stahlrohrfußgestellen, in denen die meisten merkwürdig verkrampft zu sitzen scheinen, nicht wissend, wohin mit den eigenen Beinen. Eine Polstermöbel-Nummer kleiner, können sich die Talk-Gäste bei Sandra Maischberger an den braun bezogenen Lehnen festhalten. Bei Maybritt Illner bringen sich dagegen alle in frei schwingenden Bürostühlen in Stimmung. Markus Lanz hingegen bevorzugt Schalensessel in angedeuteter Retro-Optik. Vielleicht eine Erklärung für manch altbackene Moderation. Die Kanzlerin und andere Spitzenpolitiker dürfen hingegen zum ARD-Sommerinterview in einem knatschroten Armsessel verweilen, dessen Lehnen so hoch sind, dass sie wenig Gemütlichkeit versprechen, hinter denen sich Befragte aber auch fast schon wieder verstecken können. Ein optisches Signal für das Format? Wir fragen kritisch nach, aber so schlimm wird es schon nicht werden! Ganz anders der heiße Stuhl. Nur der wird Millionär, der es bis zuletzt auf dem barhockerähnlichen Möbel aushält und schonungslos bis blickfrei seine eigene Klug- oder Dummheit preisgibt.

Ganz anders aber das Rote Sofa vom NDR. Drei Meter lang, 71 cm hoch, 1,78 Meter tief, bespannt mit besonders weichem, antistatischem, strapazierfähigem und natürlich allergieneutralem Alcantara-Mikrofaservliesstoff. Lehne und Kissen sorgen für eine aufrechte Sitz- und damit gesunde Sprechhaltung. Platz für bequem zwei bis drei Gäste nebst Moderator. Zwar gibt es das Interview-Format DAS! schon seit 1991, doch erst mit der Einführung des roten Möbels im Februar 1995 wurde die Sendung so richtig gemütlich. Dabei hatten Interview-Gäste immer wieder Schwierigkeiten, ihren Platz überhaupt zu finden. Dieter Bohlen etwa befand sich schon auf dem NDR-Gelände und bog nur kurz für kleine Jungs ab. Doch dann saß Moderatorin Eva Herman allein auf dem Sofa, während Redakteur Thomas Kühn und Tagesthemen-Moderatorin Sabine Christiansen gemeinsam nach ihm suchten. Immerhin kam „der Dieter“ am nächsten Tag in die Sendung. Damit führt Bohlen eine durchaus prominente Reihe an. Zu den DAS!-Zuspätkommern zählten auch Sir Peter Ustinov, Eva Padberg und Udo Walz. Michail Gorbatschow hat es hingegen nur zum Beinahe-Gast gebracht. Noch 20 Minuten vor der Sendung sagte er wegen Müdigkeit ab. In der Not wurde sein Dolmetscher befragt.

Die Pünktlichen wurden dafür manchmal in peinliche Situationen versetzt. Der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière bekam während der Live-Sendung einen Anruf von einem Helmut-Kohl-Stimmenimitator. Schnell fiel der Thüringer auf das deutsch-deutsche Verwirrspiel herein und versicherte dem Anrufer: „Hallo, der Bundeskanzler . . . ich bin nach meinem Verhältnis zu Ihnen gefragt worden und habe betont, wie fair es gewesen ist!“ Wie Helmut Kohl selbst diesen Fernsehgag aufnahm, ist nicht bekannt. Zumindest ist es zu keinen Klageprozessen der deutschen Ex-Regierungschefs gegen den Sender gekommen.

Und es gab Skandälchen. DAS! geriet in die Kritik, nachdem Jenny Elvers-Elbertzhagen bei ihrem Auftritt offensichtlich unter Alkoholeinfluss stand. Kurz darauf ließ sie sich in eine Entzugsklinik einweisen. Danach war sie wieder zu Gast und sprach mit Moderatorin Bettina Tietjen über ihre schwere Krise. Vor gut zehn Jahren dann ging das Rote Sofa erstmals auf Tournee. Dafür hat es sich verdoppelt. Denn gleich zwei norddeutsche Orte kämpften gegeneinander in so ernsten Disziplinen wie: Wer bringt mehr historische Trecker zusammen? Oder den wenigsten Text über die Lippen? Die DAS!-Sendung vom 14. März 2013 mit Katja Riemann gilt als legendär. Die Schauspielerin ließ den Moderator Hinnerk Baumgarten während der gesamten Sendung sehr wortkarg und mit verschränkten Armen auflaufen. Wie ein „grausamer Autounfall in Zeitlupe“, schrieb die Presse später.

Das Rote Sofa steht für volles Risiko, ist DAS! doch eine der wenigen täglichen TV-Livesendungen, ungeschnitten und ungefiltert. Mit Erfolg. In den letzten zwölf Monaten erreichte DAS! im norddeutschen Sendegebiet 11,8 Prozent Marktanteil, rund 500 000 Zuschauer, und gehört damit zu einer der reichweitenstärksten Sendungen im NDR-Fernsehen. Mitte Juli ging die 9000. Sendung über den Schirm. Ein Ende scheint nicht in Sicht, wenn man die NDR-Sofa-Politik richtig interpretiert. Das mittlerweile arg beanspruchte Polster-Unikat wurde jüngst für die Aktion „Hand in Hand für Norddeutschland“ versteigert. Es steht jetzt in Itzehoe. Ersetzt wurde es durch das bequemste DAS!-Sofa aller Zeiten.


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