Psychologin wird von Häftling missbraucht Nichts für schwache Nerven: „Sieben Stunden“

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Verhängnisvolle Täuschung: Psychologin Hanna Rautenberg (Bibiana Beglau) stuft Peter Petrowski (Till Firit) nach vier Jahren auf der sozialtherapeutischen Station  als kontrolliert, hilfsbereit und rücksichtsvoll ein. BR/Barbara BauriedlVerhängnisvolle Täuschung: Psychologin Hanna Rautenberg (Bibiana Beglau) stuft Peter Petrowski (Till Firit) nach vier Jahren auf der sozialtherapeutischen Station als kontrolliert, hilfsbereit und rücksichtsvoll ein. BR/Barbara Bauriedl

In dem auf authentischen Ereignissen basierenden Drama „Sieben Stunden“ mit Bibiana Beglau wird eine Gefängnispsychologin Opfer einer schockierenden Gewalttat.

Osnabrück Für empfindsame Zuschauer, warnt Arte, sei der Film nicht geeignet. Die Warnung vor dem Film bezieht sich in erster Linie auf die furchtbare Ausweglosigkeit, der die Gefängnispsychologin Hanna Rautenberg (Bibiana Beglau) ausgesetzt ist: Der Vergewaltiger und Mörder Petrowski (Till Firit) verbarrikadiert sich in ihrem Büro und missbraucht sie über Stunden hinweg. Ein Sondereinsatzkommando ist längst vor Ort, aber weil ihr Stellvertreter (Norman Hacker) den Eindruck hat, die Kollegin habe alles im Griff, greift das SEK nicht ein.

Regisseur Christian Görlitz hält sich dankenswerterweise nicht lange mit dem Ereignis auf. Kurze Momente, die die Therapeutin nackt, zusammengekrümmt und von Wunden übersät auf dem Boden ihres Büros zeigen, lassen das Grauen erahnen, das der Häftling ihr angetan hat; eine „Vorblende“ auf den späteren Prozess (Josef Ostendorf sehr eindrucksvoll als Richter) sorgt für das nötige Hintergrundwissen. Die Leerstelle hat jedoch auch dramaturgische Gründe: Ähnlich wie bei einem Trauerfall geht das Leben für die anderen weiter; nur für die Betroffenen selbst steht die Welt plötzlich still. Görlitz konzentriert sich vor allem darauf, wie die Psychologin mit den Folgen umgeht: Von Berufs wegen weiß sie, dass Rache das Ereignis nicht ungeschehen machen kann; trotzdem träumt sie davon, ihrem Peiniger wieder und wieder das selbstgebastelte Messer in den Bauch zu rammen, mit dem er sie bedroht hat. Ihr Mann Stephan (Thomas Loibl) überzeugt sie, die Opferrolle zu verlassen und im Prozess gegen Petrowski als Nebenklägerin aufzutreten. Sie entschließt sich, richtig in die Offensive zu gehen, und ihren Arbeitgeber sowie die Polizei wegen unterlassener Hilfeleistung zu verklagen. Ihre öffentliche Aussage stellt eine erneute Belastungsprobe dar, nicht nur für sie, sondern auch für ihren Sohn. Ihrem Mann dagegen, der ohnehin nicht versteht, warum sie sich nicht gewehrt habe, wird sie immer fremder.

Die Geschichte ist alles andere als leichte Kost, aber auch die Wahl der Hauptdarstellerin trägt nicht gerade zur Gefälligkeit bei. Bühnenstar Beglau ist keine jener Darstellerinnen, auf die sich die meisten Zuschauer einigen können. Ihre Kantigkeit lässt sie für reine Zeitvertreibfilme weitgehend ungeeignet erscheinen, weshalb ihr Name automatisch für Anspruch steht. Beglaus eigenwilliger extravertierter Spielstil macht es zudem schwer, mit ihren Figuren warm zu werden, weil er automatisch für emotionale Distanz sorgt; kein Wunder, dass diese Frau, die sich in einem Interview mal als „Intensitätssau“ bezeichnet hat, gern als Antagonistin besetzt wird. Klassisches Thrillerkino sind dagegen die Bilder, die der Film für den Aufruhr findet, der in Hannas Seele herrscht: Als Stephan mit einem Küchenmesser Petersilie schneidet, ist schon das überlaute Geräusch eine akustische Provokation; aber aus Sicht Hannas werkelt da nicht ihr Mann in der Küche, sondern ihr Peiniger. Noch effektvoller inszeniert ist eine Panikattacke im Schwimmbad, als Petrowski vom Grund des Beckens an ihren Füßen zu zerren scheint.

Das Drehbuch, das Grimme-Preisträger Görlitz („Freier Fall“) gemeinsam mit Pim G. Richter geschrieben hat, basiert auf den Erinnerungen von Susanne Preusker, die einst im Straubinger Gefängnis eine Station für männliche Sexualstraftäter aufgebaut und in ihrem 2011 erschienenen Buch „Sieben Stunden im April“ beschrieben hat, was sie zwei Jahre zuvor durchleiden musste. Die Psychologin hat ihre Arbeit nach der Tat nicht mehr ausüben können und wurde Hundetrainerin; im Februar 2018 hat sie sich das Leben genommen. Autoren und Redaktion hatten während der Entwicklung des Drehbuchs regelmäßigen Kontakt zu ihr. Preusker, heißt es in einem gemeinsamen Statement der Verantwortlichen, habe es richtig gefunden, „dass wir uns für eine Fiktionalisierung entschieden und uns von ihrer persönlichen Geschichte entfernt haben.“ Sie habe gewollt, „dass dieser Film gemacht wird, ihr war es wichtig, dass diese Geschichte eines Opfers erzählt wird. Sie kannte das Drehbuch und hat auch den fertigen Film mit ihrer Familie gesehen, der sie sehr bewegt und begeistert hat.“


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