Abseits vom Schnulzenkartell Wiederentdecktes Meisterwerk; "Schwarzer Kies"

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Robert (Helmut Wildt) muss auf der Hut sein, damit er und seine Kumpanen bei ihren Betrügereien mit abgezweigtem Baumaterial, das sie „schwarz“ verkaufen, nicht auffliegen. Foto: ZDFRobert (Helmut Wildt) muss auf der Hut sein, damit er und seine Kumpanen bei ihren Betrügereien mit abgezweigtem Baumaterial, das sie „schwarz“ verkaufen, nicht auffliegen. Foto: ZDF

Osnabrück. Ein "Film Noir" aus Deutschland: Helmut Käutners lange verfemter "Schwarzer Kies" ist endlich unzensiert verfügbar.

Grauer Himmel bedeckt eine Kiesgrube. Düsenjäger donnern durch die Wolken. Und am Boden machen einige Deutsche krumme Geschäfte mit amerikanischen Soldaten, während ein kleiner Hund getötet wird. Er wird von einem Stein erschlagen.

Schon die ersten Bilder des Films „Schwarzer Kies“ zeigen: Die junge Bundesrepublik, geprägt vom alten Adenauer, war alles andere als beschaulich. Doch dass der Kriminalfilm von Regisseur Helmut Käutner nicht in das intellektuelle Klima jener Zeit passte (und passen wollte), wurde spätestens am 15. April 1961 deutlich, einen Tag nach der Uraufführung. Ein Skandal bahnte sich an: Der Zentralrat der Deutschen Juden stellte Strafanzeige gegen die Schöpfer von „Schwarzer Kies“. Der Grund: Im Dialog wird einmal ein Kneipenbesitzer als „Saujude“ beschimpft.

Daraufhin wurde die beanstandete Szenenebst weiteren  in der deutschen Verleihfassung entfernt. Dabei wollte Helmut Käutner nur einen „Gegenwartsfilm“ drehen, der ein extrem düsteres Bild vom westlichen Nachkriegsdeutschland und dessen wiedererstarkenden Antisemitismus zeigt.

Handlungsort ist  ein von engstirnigen Opportunisten bevölkertes, düsteres Provinzkaff im Hunsrück. Dort arbeitet Robert Neidhart (Helmut Wildt) als Lastwagenfahrer auf einer Baustelle der US-Armee. Er trifft seine ehemalige Geliebte Inge (Ingmar Zeisberg) wieder. Als diese Robert vor einem Einsatz der Militärpolizei warnt, kommt es zur Tragödie. Robert, der seine gestohlene Ladung Kies dringend loswerden muss, tötet aus Versehen ein Liebespaar. Es gelingt ihm, die Tat zu vertuschen, indem er die Leichen auf der Baustelle vergräbt. Doch kann man Verbrechen einfach zu zuschütten?  

Dass  "Schwarzer Kies" beim harmoniesüchtigen Publikum nicht ankam, wundert angesichts der pessimistischen Handlung und der trostlosen Szenerie kaum. Doch auch die Presse ließ kein gutes Haar an dem Film. 1962 zeichneten Kritiker anlässlich der „8. Westdeutschen Kurzfilmtage“ den Film „als schlechteste Leistung eines bekannten Regisseurs“ aus. Es war das Jahr des „Oberhausener Manifests“, das „Papas Kino“ und damit aber auch (ungerechtfertigter weise) Regisseure wie Käutner hinwegfegen wollte, trotz von ihm inszenierten  Klassikern wie „Große Freiheit Nr. 7“ (1944), „Des Teufels General“ (1954) oder den Oscar-nominierten „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956).

Wiederentdeckt wurde „Schwarzer Kies“ erst 2016 auf dem Festival in Locarno. Die dortige Retrospektive wagte damals einen Blick auf das oft unisono als „Schnulzenkartell“ verachtete Nachkriegskino der Bundesrepublik, forderte eine Neubewertung .Dort wurde der Film in seiner komplettierten Premierenfassung endlich und verdientermaßen als „deutscher Film Noir“ und „Meisterwerk“ gepriesen. 2017 erschien schließlich eine vorbildlich edierte Heimkinoversion, die auch die zensierte Version zum Vergleich enthält.

3SAT zeigt heute Abend innerhalb einer Filmreihe über das deutschsprachige Nachkriegskino erstmals die wiederhergestellte Urfassung, bietet zum Vergleich aber auch online das abgemilderte, neu gedrehte Ende der Kinofassung an.

Aber auch sonst gibt es in der 3SAT-Reihe Entdeckungen zu machen. Wie etwa am Freitag um 22.25 Uhr den Thrller „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957), inszeniert von dem aus Hollywood kommenden Re-Emigranten Robert Siodmak. Darin spielt Mario Adorf seine ersten Hauptrolle -  einen Frauenmörder während der NS-Zeit. Ein weiterer Höhepunkt ist auch Harald Brauns avantgardistisches Ehedrama „Der gläserne Turm“ (1957) mit Lilli Palmer, O.E. Hasse und Peter van Eyck (So., 16.50 Uhr)

Eine verdienstvolle Reihe, die nicht nur Kinofilme, sondern auch und Filmgeschichte jenseits der Klischees präsentiert. 


Do., 6. 9. 2018. 3SAT, 22.25 Uhr

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