Neuer "Moscheereport" zu Frauen im Islam Wie feministisch ist das Kopftuch?

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Muslimin ohne Kopftuch: Die Frauenrechtlerin Seyran Ates gründete in Berlin eine liberale Moschee. Foto: Soeren Stache/dpaMuslimin ohne Kopftuch: Die Frauenrechtlerin Seyran Ates gründete in Berlin eine liberale Moschee. Foto: Soeren Stache/dpa

Osnabrück. Ist das Kopftuch ein Zeichen von Unterdrückung? Und wie gleichberechtigt sind Frauen und Männer im Islam? Diesen Fragen geht der Journalist Constantin Schreiber in einer neuen Folge des „Moscheereport“ nach.

Wenn es um Frauen und Islam geht, denkt der Großteil der Deutschen vermutlich an unemanzipierte Frauen mit Kopftuch, die ihrem Mann unterwürfig sind und zwangsverheiratet werden. Wie die Realität muslimischer Frauen in islamischen Ländern und hier in Deutschland tatsächlich aussieht und wie Muslima ihre Situation selbst sehen, dem will der neue „Moscheereport“ auf den Grund gehen.

Kopftuch als Ausdruck der Emanzipation?

Der Constantin Schreiber hat zwei muslimische Frauen getroffen. Es sind die beiden bekanntesten Gegenspielerinnen, wenn es um Kopftuchverbot und die Stellung der muslimischen Frau geht. Zum einen die Journalistin Khola Maryam Hübsch, die selbstbewusst Hijab trägt, sich als muslimische Feministin sieht und in Talkshows für ein positiveres Islambild kämpft. Die 37-Jährige gehört der streng gläubigen Ahmadiyya Muslim Gemeinde an – einer muslimischen Minderheit, die in Indien und Pakistan auch von anderen Muslimen verfolgt und nicht anerkannt wird. Sie vertritt eine Meinung, die unter einigen konservativen Musliminnen immer stärker vertreten wird: dass das selbstbestimmt getragene Kopftuch auch ein Ausdruck der Emanzipation sein kann - weil es Frauen frei vom männlichen Blick macht.

Die Journalistin Khola Maryam Hübsch (rechts), die selbstbewusst Kopftuch trägt und sich als muslimische Feministin sieht, kämpft in Talkshows für ein positiveres Islambild. Foto: Jens Kalaene/dpa


Ebenfalls unterhielt sich Schreiber mit der türkischen Frauenrechtlerin und Juristin Seyran Ates, die Verschleierung ablehnt und als Unterzeichnerin der Freiburger Deklaration legte sie gemeinsam mit anderen säkularen Muslimen Lehrerinnen und Richterinnen nah, auf ihr Kopftuch zu verzichten. Eine Position, die auch viele liberale Muslimas für problematisch halten. Ebenso wie das neuste Projekt von Seyran Ates: Sie gründete in Berlin eine Moschee, in der auch Frauen predigen dürfen. „Das Kopftuch steht oft für die Kontrolle der weiblichen Sexualität.“

Wer ist die bessere Feministin?

Das, was Schreiber in den beiden Gesprächen mit den Frauen erfahren habe, habe ihn verblüfft. Der liberalen wie der konservativen Muslima sei es am Ende um die Frage gegangen, wer die bessere oder echte Feministin sei: diejenige, die sich verhüllt, oder diejenige, die sich nicht verhüllt.

Es sei schwierig gewesen, muslimische Frauen zu finden, die mit Schreiber sprechen wollten: „Viele hatten die Sorge, an den Pranger gestellt zu werden. Einige wollten nicht in einem Film mit der Frauenrechtlerin Ates auftauchen, die in der muslimischen Gemeinde in Deutschland umstritten ist.“

Gelehrter: "Frau darf sehen"

Um zu erfahren, was der Koran über die Rolle der Frau oder das Kopftuch sagt, befragte der ARD-Moderator außerdem einen Korangelehrten von der Azhar Universität Kairo, die auch als „Vatikan des Islam“ bezeichnet wird. Denn das Urteil der Kairoer Al-Azhar-Universität hat im sunnitischen Islam enormes Gewicht. Er gilt als Vertreter des sehr liberalen Flügels. Die Frau darf sehen, sie muss das Gesicht nicht zuhängen, aber sie muss deckende Farben tragen, sie darf jedoch an der Gesellschaft teilnehmen.

„Ich finde persönlich die Vollverschleierung in Deutschland problematisch. Sie macht es für die betreffende Frau sehr schwierig, überhaupt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Es ist eine Mauer zu den anderen Personen.“ Sagt Schreiber, der selbst einen großen muslimischen Freundeskreis hat.


2017 hat sich der Journalist Constantin Schreiber in fast 20 Moscheen in Deutschland die Freitagspredigten angehört und mit Imamen und Gläubigen gesprochen. Von seinen Erlebnissen berichtete er im "Moscheereport". Foto: NDR


Bekannt wurde Constantin Schreiber mit seiner Sendung „Marhaba: Ankommen in Deutschland“ bei n-tv, in der er arabischen Flüchtlingen die deutsche Kultur näher bringen wollte. Im letzten Jahr hat er sich in fast 20 Moscheen in Deutschland die Freitagspredigten angehört und mit Imamen und Gläubigen gesprochen. Seine Erlebnisse hat er im Buch "Inside Islam" aufgeschrieben. Auch der „Moscheereport“ entstand unter dem Eindruck seiner zuvor gemachten Erfahrungen.

Erst "Gesicht der Willkommenskultur", dann "islamkritisch"

Während Schreiber für Marhaba von vielen Seiten als „Gesicht der Wilkommenskultur“ verspottet wurde und rechte Hassmails bekam, wurde seinem Moscheereport vorgeworfen, in der Grundtendenz islamkritisch zu sein. „Dabei ist das kritische Hinterfragen eine journalistische Grundhaltung“, entgegnet er der Kritik. „Anfeindungen sind ein Teil der Diskussionskultur geworden, wenn man sich öffentlich mit Islam-Themen beschäftigt. Man hört sich nicht mehr richtig zu, sondern verschanzt sich hinter Standpunkten.“ Schreiber wolle einen Beitrag dazu leisten, dass man sich „wieder auf einer sachlichen Ebene besser über die Fakten und verschiedenen Perspektiven austauscht.“

Moscheereport. Frauen und Islam, 20.15 Uhr, tagesschau24, Wiederholung am 9. September, 13.15 Uhr, tagesschau24


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