Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Wahn und Weisheit: Was Kinder in Poesiealben schreiben

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Zeitreise: das Poesiealbum meiner Oma und das Freundschaftsbuch meines ersten Sohns. Foto: Daniel BenedictZeitreise: das Poesiealbum meiner Oma und das Freundschaftsbuch meines ersten Sohns. Foto: Daniel Benedict

Berlin. Poesiealben mögen von heute von Freundschaftsbüchern verdrängt werden. Lyrisch ist es immer noch, was Kinder da so reinschreiben. Eine Blütenlese.

In der vergangenen Woche hat unsere Elternkolumnistin Corinna Berghahn ein leidenschaftliches Plädoyer gegen das Töten von Wespen gehalten – und ihren Brieffreund gefragt: „Was schreiben Deine Kinder in Freundschaftsbücher“. Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

der erste Eintrag im Poesiealbum meiner Oma stammt von ihrem Vater und ist niederschmetternd: „Die Alten ehre stets. Du bleibst nicht ewig Kind. Sie waren, wie du bist. Und du wirst, was sie sind.“ Wenn es diese Wiederkehr des ewig Gleichen wirklich gäbe, müsste ich jetzt mein eigener Urgroßvater sein. Was schon dadurch widerlegt ist, dass zentrale Familientraditionen es nicht bis in meine Generation geschafft haben, weder das Friseurhandwerk noch das Kinderverhauen.

Wenn in meinem Leben irgendetwas immer gleich geblieben ist, dann nur meine eigenen Einträge in Poesiealben. Meine Spezialität waren von jeher Eselsohren mit dem pfiffigen Sinnspruch: „In allen vier Ecken soll Glück drinstecken.“ Ein historischer Witz, den ich die ganze Schulzeit über durchgehalten haben, auch dort, wo genervte Vorworte das Eckenknicken streng untersagten. Nie hätte ich damals gedacht, dass es noch gleichförmiger geht – bis mein Kind ein Freundschaftsbuch aus Legos „Ninjago“-Sortiment mitgebracht hat. Dass alle Kinder Lego lieben, setzt der Hersteller voraus. Beim Lieblingshelden darf man deshalb nicht entscheiden, ob es einer der Ninjagos ist, sondern nur welcher. Eine andere Rubrik heißt: „Wenn ich ein Ninja wäre ...“. Die meisten Kinder schreiben da nur „... würde ich kämpfen“. Eine deprimierende Kapitulation vor dem Rollenangebot der Spielzeug-Mafia. Mein eigenes Kind hat mich mit der originellen Antwort erfreut, dass es als Ninja erst mal „auf den Po fallen“ würde. Völlig richtig! Kinder stolpern ja ständig, und auch unsere Lego-Figuren kippen unter der Last ihrer martialischen Waffen oft um. Die beste Antwort kommt allerdings von einem Kind, das statt eines Ninjas lieber ein Einhorn wäre oder, falls das nicht geht, wenigstens Tierärztin. Tatsächlich habe ich – was mir noch besser gefällt – hier zuerst Eichhorn gelesen. Wahrscheinlich, weil ich selbst gern eins wäre.

Fest steht jedenfalls: Selbst das uniforme Raster des Ninjago-Buchs kann Weisheit und Wahnsinn von Kindern nicht eindämmen. Immer wieder stoße ich auf überraschende Einsichten. Zum Beispiel bei dem Jungen, der unter seinen Geschwistern auch einen Hund aufzählt. In der „Das wünsche ich dir“-Zeile lese ich beim selben Kind: „Mehrere Leben.“ Das ist doch toll. Mein Urgroßvater dachte, dass alle Menschen zum Abbild der Ahnen verschrumpeln. Heute gibt es Kinder, die wissen: Ein Leben reicht für all ihre Möglichkeiten nicht aus. Meins macht insofern Ernst damit, als es in jedem Freundschaftsbuch ein anderer ist: Mal liebt er kein Tier mehr als Tiger, mal schwört er auf Elefanten. In einem Eintrag lese ich gerade, dass sein Lieblingsplatz „unterm Tisch“ ist. Wieso, frage ich mich, kratze dann immer ich die Nudeln vom Küchenfußboden?

Herzliche Grüße!

Dein Daniel

PS: Aufschreien oder reservieren: Was sagst Du zu kinderfreien Restaurants?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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