Am Freitag im TV-Programm Spielfilm: Richy Müller als Schmarotzer, der sein Herz wiederfindet

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Willi (Richy Müller, links) weiß seinen neuen Nachbarn Franz (N’Tarila Kouka, rechts) für ganz praktische Zwecke einzusetzen. Foto: SWR/Alexander KlugeWilli (Richy Müller, links) weiß seinen neuen Nachbarn Franz (N’Tarila Kouka, rechts) für ganz praktische Zwecke einzusetzen. Foto: SWR/Alexander Kluge

Osnabrück. Wenn die ein oder andere Fernsehzeitschrift meint, den Spielfilm „Schöne heile Welt“ auf die Kurzformel bringen zu müssen: „Vom Grantler zum Gutmenschen“, dann hält Autor und Regisseur Gernot Krää das für „total daneben“. Denn Willi (Richy Müller) sei nie Grantler gewesen und werde auch am Ende nicht zum Gutmenschen.

„Willi ist ein Mann, der verbittert ist und einsam“, beschreibt Gernot Krää seine Hauptperson. „Die da oben“ haben seinen Betrieb geschlossen, seitdem ist der Elektriker arbeitslos. Arbeit würde sich auch gar nicht lohnen, schließlich hat ihn seine Ex bei der Scheidung „echt über den Tisch gezogen“ und der „Scheiß aus China“ sei sowieso billiger als deutsche Wertarbeit. Da kommt Willi mit Harz IV und ein bisschen Schwarzarbeit besser weg. Zumal er alle Tricks kennt, wie er der zuständigen Mitarbeiterin beim Sozialamt ein paar Extras aus dem Knie leiern kann. „Ich kenne meine Rechte“, sagt er. Er kennt sie sogar inklusive der Aktenzeichen einschlägiger Urteile.

Den beiden illegalen Afrikanerinnen vermietet Willi nur deshalb eine Wohnung in dem abbruchreifen Mehrfamilienhaus, das nur wegen Willis Klage gegen den Räumungsbescheid überhaupt noch steht, weil er damit ein bisschen Kohle nebenher machen kann. Dass ein 13-jähriger Junge zu dem beiden Frauen gehört, bekommt er erst später mit. Reden kann er nicht mit ihm: Der Junge kann kein Deutsch und Willi kein Französisch. Noch nicht mal seinen Namen kann er aussprechen – und deshalb nennt er den Jungen „Franz“.

„Der junge Schauspieler, N'Tarila Kouka, kann wirklich kein Wort Deutsch“, sagt Gernot Krää. „Wir haben es erst mit einem afrikanischstämmigen Jugendlichen versucht, der in Deutschland aufgewachsen ist, aber das hat nicht geklappt. Wenn man versteht, was gesagt wird, ist es schwer so zu spielen, als verstünde man nichts.“ N'Tarila Kouka lebt seit seiner Kindheit in Paris. Beides wirkt deshalb vollkommen echt: Das totale Unverständnis auf Deutsch und die eingestreuten Worte auf Französisch.




Gerade wegen der Verständigungsschwierigkeiten setzt der Film sehr stark auf Bilder, auf Mimik und auf Gestik statt auf Dialoge. „Eigentlich war der Film fürs Kino geplant“, sagt Gernot Krää. „Im Fernsehen will man meist eher Worte statt Bilder.“ Deshalb ist er froh, dass der Südwestrundfunk (SWR) ihn „einfach machen ließ“, als das Buch schließlich dort einreichte. „Das ist nicht selbstverständlich, dass man solche Freiheiten bekommt, ohne dass einer reinredet.“

Richy Müller und N'Tarila Kouka bekommen das gut hin: Sich mit wenigen Worten und vielen Gesten zu unterhalten. Angst, Nachdenklichkeit, Wut, Ärger – man sieht es ihnen von Szene zu Szene an. Auch die Beziehung, die zwischen ihnen wächst. „Durch die Begegnung mit dem Jungen löst sich in Willi ein Knoten“, sagt Gernot Krää. „Das hat nichts mit Gutmensch zu tun; eigentlich profitiert Willi am meisten.“

Dennoch: Zum ersten Mal seit langem setzt Willi sich für einen anderen ein. Für Franz, dem er das Schlittschuhlaufen beibringt. So wie er vor Jahrzehnten seinen eigenen Sohn im Eiskunstlauf trainiert hat, damals, bevor die Vater-Sohn-Beziehung zerbrach. Aber warum ausgerechnet Eislaufen? „Eislaufen ist natürlich die maximale Entfernung zu einem afrikanischen Jungen“, gibt Gernot Krää zu. Aber gerade das hat ihm gefallen, diese „Überhöhung“. Und auch, dass der ruppige verbitterte Willi, einem künstlerischen Sport verbunden ist, findet er schön gegen den Strich gebürstet. „Jemand hat vorgeschlagen, er könne doch besser boxen trainieren, aber das war mir echt zu platt.“

Sikh mit deutscher Gründlichkeit

Leicht skurril überhöht ist auch, dass die Mitarbeiterin vom Sozialamt, die Willi keinen Wunsch abschlagen kann, in den Vorruhestand geht und ihr überkorrekter Nachfolger, „mit deutscher Gründlichkeit“ alle Akten überprüft, ausgerechnet ein Sikh mit Turban und ausländischem Akzent ist. Die guten Zeiten für Willi sind vorbei. Aber das auf eine leichte und durchaus humorvolle Art und Weise.

Und noch eine schöne Seite hat der Film: Er endet nicht in Friede, Freude, Eierkuchen; er propagiert keine „Schöne heile Welt“, wie der Titel verspricht. Die Welt ist weder ganz schön noch ganz heil. Sie ist zerbrechlich. Glück und Unglück, Lachen und Weinen, Gewalt und Hilfe wechseln einander ab. Und das ist wirklich viel mehr als das Klischee „Vom Grantler zum Gutmenschen“.

Freitag, 31. August 2018, um 20.15 Uhr bei Arte


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