TV-Programm am Mittwoch WDR-Dokumentation geht Judenhass in Europa auf die Spur

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Gegenseitiges Verständnis möchte der Rabbiner Michel Serfaty (2.v.l.), Präsident einer jüdisch-muslimischen Organisation, bei Muslimen und Juden wecken. Foto: WDRGegenseitiges Verständnis möchte der Rabbiner Michel Serfaty (2.v.l.), Präsident einer jüdisch-muslimischen Organisation, bei Muslimen und Juden wecken. Foto: WDR

Osnabrück. In ihrer Dokumentation „Judenhass in Europa“ liefern Andreas Morell und Johanna Hasse erschütternde Fakten über ein Phänomen mit Zulauf.

Mit den Hintergründen halten sich Johanna Hasse und Andreas Morell in ihrer Dokumentation nicht lange auf. Sie werden allenfalls am Rande gestreift: Woran liegt es eigentlich, dass sich an Juden seit 2000 Jahren immer wieder Hass entlädt? Morell und Hasse fragen auch nicht danach, wo die Grenze liegt zwischen Kritik am Staat Israel und Judenfeindlichkeit.

Die beiden Filmemacher steigen direkt am schärfsten Punkt ein: Bei der konkret geäußerten Verachtung für Menschen jüdischen Glaubens, bei der körperlichen Gewalt gegen sie und bei Mord an Juden.

In den deutschen Medien wird in jüngster Zeit häufiger über Angriffe auf jüdische Menschen auf offener Straße berichtet, über Mobbing in Schulen, das sich gegen jüdische Kinder richtet, über Gräber, die geschändet werden, über Aufmärsche, bei denen die Teilnehmer Hassparolen gegen Juden skandieren.

Johanna Hasse und Andreas Morell belassen es nicht bei dem Gefühl, dass solche Vorfälle sich in jüngster Zeit häufen. Sie belegen das mit Zahlen. Und hier beleuchten sie auch die Hintergründe und sehen die Ursache im wieder erwachten Nationalismus, der vor allem seit der Flüchtlingswelle 2015 großen Zulauf erhalten habe.

Um sich auf die Spurensuche zu begeben, sind die beiden nach Frankreich, Polen und Berlin gefahren, haben mit Betroffenen, Rabbinern, Philosophen, Historikern und Vertretern jüdischer Einrichtungen gesprochen. In Polen treffen sie Jacek Mietlar. Es ist ein ehemaliger katholischer Priester, der den nationalistischen Blog „Gott, Ehre, Vaterland“ betreibt und seine pauschalisierten Verurteilungen vorträgt: Die Ansichten der Juden würden zum moralischen Verfall und zur Versklavung eines Landes führen.

Solchen unreflektierten Äußerungen setzen sie die Gedanken von Menschen wie Antonia Samecka entgegen. Die Modeschöpferin kreiert Kleidung, die zionistische Symbole tragen. Sie sagt: „Es gibt in Polen eine tief verwurzelte Angst gegen andere Gesellschaften“ und sie meint auch: „Man hasst Juden genau wie Schwule, Araber und Schwarze.“ Solche Leute würden schlicht das Anderssein mancher Menschen verabscheuen. Als „Antisemitismus ohne Juden“ bespotten polnische Juden den Hass gegen sie, denn: Ihr Anteil an der polnischen Bevölkerung ist seit der Schoah sehr gering. Exakte Zahlen gibt es nicht. Das Moses Schorr Centre schätzt ihre Zahl auf etwa 100.000, bei knapp 39 Millionen Polen.

Frankreich ist das einzige europäische Land, in dem es in jüngster Zeit Juden wegen ihres Glaubens ermordet wurden. Dort ist die Welle der Auswanderungen von Juden nach Israel besonders groß. Das Problem des Antisemitismus verorten die Interviewpartner im Film vor allem auf muslimischer Seite.

Am Ende zeigt der Film Aktivitäten, die den Hass in Deutschland eindämmen sollen, indem sie die Verständigung fördern: Ein Rabbi versucht, Gespräche zwischen Muslimen und Juden zu initiieren. Eine Moschee in Berlin-Neukölln, die interreligiöse Diskussionen veranstaltet. Am Berliner Ernst-Abbe-Gymnasium haben neun von zehn Schülern einen Migrationshintergrund. Hier initiiert das Team um Schulleiter Tilmann Kötterheinrich-Wedekind regelmäßig Möglichkeiten, sich mit Andersdenkenden und anderen Religionen zu befassen: Interkulturalität gehört zum Curriculum der Schule. „Wir wollen ein Bewusstsein für Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wecken“, sagt der Schulleiter. Der Schüler Hussein Youssef, der aus einer palästinensischen Familie kommt, bringt das Ziel so auf den Punkt: „Zeigen: Der Mensch ist Mensch.“

Das sind in die Zukunft weisende Möglichkeiten, Hass und seinen Auswüchsen vorzubeugen. Aber hinsichtlich der aktuellen Situation – und auch vor dem Hintergrund der Ausschreitungen in Chemnitz, die einen fremdenfeindlichen Hintergrund haben – stellt sich die Frage, ob solche Bemühungen ausreichen.

Die Story: Judenhass in Europa. 29. August, 22.10 Uhr, WDR.


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