„Mitternachtsspitzen“ feiern 30. Geburtstag Der Blaue Bock der Kabarettsendungen

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Sie präsentieren die Mitternachtsspitzen: Wilfried Schmickler, Susanne Pätzold, Uwe Lyko (als Herbert Knebel) und Jürgen Becker (von links). Foto: WDR/Melanie GrandeSie präsentieren die Mitternachtsspitzen: Wilfried Schmickler, Susanne Pätzold, Uwe Lyko (als Herbert Knebel) und Jürgen Becker (von links). Foto: WDR/Melanie Grande

Osnabrück/Köln . Am 17. September 1988 gingen die „Mitternachtsspitzen“ erstmals auf Sendung. Seit 2010 ist Klaus Michael Heinz der verantwortliche Redakteur.

Es ist ein verbreitetes Rezept für Kabarett im Fernsehen: Aktuelle Themen aus Politik und Gesellschaft, die von wechselnden Gästen aufs Korn genommen werden. Das Ganze wird moderiert von einem oder mehreren festen Gastgebern. Das klingt nicht spektakulär, sind doch fast alle Kabarettsendungen im deutschen Fernsehen nach diesem Rezept gemixt. Aber offenbar kommt genau das sehr gut an beim Publikum – halten sich diese Sendungen doch seit Jahren oder Jahrzehnten.

So war es auch von Beginn an bei den Mitternachtsspitzen, die in den ersten vier Jahren von Richard Rogler moderiert wurden. 1992 haben diese Rolle Jürgen Becker und Wilfried Schmickler übernommen. Gemeinsam mit Uwe Lyko – besser bekannt als Herbert Knebel, der seit 1996 das Team ergänzt – und Susanne Pätzold gehören seit 2014 vier Komik-Spezialisten zur Stammbesetzung der Sendung aus dem „Wartesaal am Dom“ unter dem Kölner Hauptbahnhof. Mit Becker kam eine entscheidende Veränderung in die Sendung. „Beckers Vorbild war der Blaue Bock mit Heinz Schenk, auch wenn das jetzt sehr weit hergeholt klingt“, sagt Klaus Michael Heinz im Gespräch mit dieser Redaktion. In der Sendung zeigt sich das so: Die Gäste sitzen auf Bierbänken an langen Tischen und glühen beim Kölsch vor der Sendung schon mal vor. Es gibt gute Unterhaltung, etwas zu lachen und Musik. Dadurch sei der Zugang lockerer als beispielsweise früher beim Scheibenwischer. Eine weitere Besonderheit: „Wir liefern keine Studioperformance, sondern spielen an einem realen Ort mitten in Köln“, hebt Klaus Michael Heinz das Konstrukt der Sendung hervor, deren Publikum überwiegend zwischen 40 und 65 Jahren alt sei, „mit einem kleinen Überhang an Leuten im beginnenden Ruhestand“, wie Heinz es nennt.

Damit stehen die Mitternachtsspitzen im Gegensatz zu anderen Sendungen, beispielsweise der Show von Jan Böhmermann. Dazu grenzt Klaus Michael Heinz die WDR-Sendung ganz bewusst ab: „Provokation findet bei uns nicht gezielt statt“, sagt er und: „Tabubrüche sind nicht unser Ding.“ Natürlich könne es aber sein, dass sich manche Menschen provoziert fühlten. Das sei aber definitiv nicht das Ziel: „Kabarett ist die Fortsetzung des Journalismus mit anderen Mitteln“, erläutert er das Konzept der Sendung, deren Ziel es sei, Leute zum Nachdenken anzuregen, sagt Heinz und verweist dabei auch auf das Ende der Sendung, das Wilfried Schmickler mit seinem Mahnruf „Aufhören, Herr Becker, aufhören!“, beginnt, in dem er nicht nur aktuelle Missstände anprangert, sondern auch die jeweiligen Verantwortlichen benennt und verbal zur Verantwortung zieht.

„Wir tun so, als gäb‘s uns monatlich“, erzählt Heinz über die Sendung, von der es pro Jahr neun Folgen gibt – sofern weder die Olympiade noch eine Fußball-WM das Sommerloch füllen. In dem Fall sind es nur acht Sendungen pro Jahr – mit einer längeren Pause im Sommer und im Winter. Besonders bekannte Kabarettisten, wie beispielsweise Sebastian Pufpaff oder Hagen Rether, lädt die Redaktion bereits eineinhalb Jahre vor der jeweiligen Sendung ein. Bei Gästen, die (noch) nicht so gefragt sind, reichten auch drei Monate, sagt Klaus Michael Heinz. Die Themen der Gäste müssten dann in die jeweilige Sendung passen – allerdings seien die Kabarettisten da weitgehend frei. Natürlich gäbe es vor der Aufzeichnung aber eine Probe im Saal und auch eine redaktionelle Prüfung. „Vor allem die religiösen Gefühle unserer Zuschauer dürfen nicht verletzt werden“, kommentiert Heinz das Procedere.

Natürlich komme es auch vor, dass sich diejenigen, die da durch den Kakao gezogen werden beschweren. Dafür gebe es das Verfahren der förmlichen Programmbeschwerde, das über den Intendanten und im zweiten Schritt über den Rundfunkrat laufe. „Die Redaktion muss dann jeweils darlegen, was wir in der Sendung warum gemacht haben“, fügt Heinz hinzu, über dessen Schreibtisch die Nachfragen in solchen Fällen laufen, wie er leise seufzend kommentiert.

Zum 25. Jubiläum der Mitternachtsspitzen hat der Redakteur die Dokumentation „Immer wieder Aufhören!“ gedreht. Zum aktuellen Geburtstag gibt es so etwas nicht, sondern ab 21.45 Uhr eine Jubiläumssendung mit überwiegend jüngeren Kabarettisten wie Lisa Eckhart und Carolin Kebekus. Zuvor gibt es um 20.15 Uhr „Das Beste aus 30 Jahren Mitternachtsspitzen“ zu sehen. Später gibt es Beiträge über Jürgen Becker, Uwe Lyko und Wilfried Schmickler.


Das Geburtstagsprogramm

20.15 bis 21.45 Uhr: Das Beste aus 30 Jahren Mitternachtsspitzen

21.45 bis 23.15 Uhr: Das Jubiläum - 30 Jahre Mitternachtsspitzen

23.15 bis 0.15 Uhr: Jürgen Becker – Fast ein Selbstportrait

0.15 bis 1.15 Uhr: Herbert Knebel trifft Uwe Karl Heinrich Lyko

1.15 bis 2.15 Uhr: Wilfried Theodor Schmickler – Fast ein Selbstportrait

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