ARD-Doku „Betrug“ Paradies Kindergarten: Die irre Geschichte eines Hochstaplers

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Hochstapler und Familienvater – der gebürtige Hallenser Bastian. Foto: SWRHochstapler und Familienvater – der gebürtige Hallenser Bastian. Foto: SWR

München. Ein Vater wird zum Betrüger, macht auf dicke Hose und landet später hinter Schloss und Riegel. In der tiefgründigen Dokumentation „Betrug“zeigt Das Erste heute Abend (22.45 Uhr), wie nah Glück und Verderben beieinanderliegen.

Schwabing ist das, was man im Volksmund einen Vorzeigestadtteil nennt: Villen und Einfamilienhäuser reihen sich ebenso aneinander wie hippe Restaurants und teure Bioläden. Zwischen Leopoldstraße und Olympiapark hat sich das Szeneviertel zum Einwohnermagneten der bayerischen Landeshauptstadt entwickelt. Anwälte, Ärzte und Unternehmer geben sich hier die Klinke in die Hand, streiten um die beste Lage und den schönsten Vorgarten. Hipp, schick und modern – das gefällt auch Ossi Bastian, einem arbeitslosen Einzelhandelskaufmann, der vom sorgenfreien Leben der gut situierten Münchener Mittelschicht träumt.

Für seinen behinderten Sohn sucht der Familienvater einen Betreuungsplatz und stößt dabei auf eine Elterninitiative, die Mitten in Schwabing einen Kindergarten betreibt. Doch das Auswahlverfahren ist hart; die Eltern bestimmen selbst wer aufgenommen wird und wer nicht. Um seinem Glück auf die Sprünge zu helfen, frisiert der gebürtige Hallenser seinen Lebenslauf samt Wirtschaftsstudium und norddeutscher Vergangenheit. Mit Erfolg. Scheinbar mühelos schafft er es, die anderen Eltern von sich zu überzeugen und ergattert nur wenig später den Posten als Finanzvorstand.

Ohne Skrupel

Ein Blick auf das Konto des Kinderhauses verschlägt dem Wahl-Bayer die Sprache: Eine Viertelmillion verspricht ein sorgenfreies Leben abseits der tristen Monotonie. Edle Sportwagen, teure Urlaube und exklusive Begleitservices gehören fortan zum Alltag des Müncheners, der es sich auf Kosten anderer gut gehen lässt. Fasziniert von Anerkennung und Bewunderung, die ihm entgegengebracht werden, baut er sein Konstrukt aus Lügen und Intrigen immer weiter aus, ohne in der Idylle der Münchener Glückseligkeit Verdacht hervorzurufen.

Doch eine aufmerksame Mutter stößt nach und nach auf Widersprüche: luxuriöse Elternabende mit Kaviar und Champagner oder wechselnde Nobelkarossen, die nicht zum Erscheinungsbild des Mannes passen, wecken ihr Misstrauen. Das leer geräumte Konto lässt sich da kaum noch vertuschen und so geht Bastian in die Offensive, während die naive Münchener Elternschaft völlig überrumpelt wird. Bastian drückt auf die Tränendüse, erntet Mitleid und Mitgefühl, obwohl er schon längst einen neuen Betreuungsplatz für seinen Sohn organisiert hat. Am Ende stehen ein ruiniertes Kinderparadies und eine 30-monatige Haftstrafe.

Lässige Wohnzimmeratmosphäre

Erzählt wird die beeindruckende Dokumentation aus Perspektive der Betroffenen. Sechs Elternpaare, darunter Regisseur David Späth und seine Frau, sitzen entspannt auf ihren Luxussofas und erklären, wie sie dem Hochstapler auf den Leim gehen konnten. Ohne Umschweife. Als nett und sympathisch hätten sie ihn wahrgenommen, jemand, „der sich immer eingebracht habe“. „Solche Eltern wünscht man sich“, sagt einer der Väter ganz zwanglos. Betrüger Bastian nutzt das Scheinwerferlicht hingegen, um sein Kartenhaus aus Lügen zu erklären. Er habe sich schon immer zum Geld hingezogen gefühlt, seinem Sohn etwas Gutes tun wollen und sich selbst ins rechte Licht rücken wollen, sagt er. Ein fast geniales Schauspiel, das faszinierend und zugleich unheimlich daherkommt. Denn wer schöpft schon Verdacht in einem Kindergarten?


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