„Einfach eine coole Socke“ ZDF-Redakteur Martin R. Neumann ist die treibende Kraft hinter "Wilsberg"

Von Tilmann P. Gangloff

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Der Mann hinter „Wilsberg“: Schon seit 25 Jahren setzt Martin R. Neumann auf sein „Baby“ im ZDF. Foto: Lars Henning SchröderDer Mann hinter „Wilsberg“: Schon seit 25 Jahren setzt Martin R. Neumann auf sein „Baby“ im ZDF. Foto: Lars Henning Schröder

Osnabrück. Kein anderes Format im Öffentlich-Rechtlichen lockt so viele junge Zuschauer wie „Wilsberg“. Aber auch bei allen anderen Zielgruppen ist die ZDF-Krimiserie beliebt. Mitverantwortlich dafür ist Redakteur Martin R. Neumann.

Es war gewagt, hat aber funktioniert: Als das ZDF Mitte der Neunziger mit Kommissarinnen wie Bella Block und Rosa Roth auf starke Frauen setzte, schickte Martin R. Neumann, damals erst kurz beim Sender, einen schwachen Mann ins Quotenrennen. Vermutlich hat er selbst nicht geahnt, dass er mit seinem Antihelden alt werden würde. Gut zwei Jahrzehnte später sind Rosa Roth und Bella Block längst in Rente, aber Georg Wilsberg ist immer noch da, und das in jeder Hinsicht mit mehr Präsenz als je zuvor: Mittlerweile entstehen bis zu fünf Episoden pro Jahr; am 8. September zeigt das „Zweite“ mit „Die Nadel im Müllhaufen“ bereits Folge Nummer sechzig.

Außerdem ist „Wilsberg“ eines der wenigen langlaufenden Formate, die der Fragmentierung des Fernsehmarkts trotzen und sogar an Quote zulegen; zuletzt haben die Samstagskrimis erstmals die Acht-Millionen-Marke übersprungen. Neumann hätte allen Grund, stolz auf sein „Baby“ zu sein, aber der 61-jährige Ostwestfale ist ein bodenständiger Typ. Er spricht lieber über die Reihe und das Ensemble als über sich selbst, wobei sich rausstellt, dass die Grenzen durchaus fließend sind.

Ein Schulfreund hatte Neumann einst auf die „Wilsberg“-Romane von Jürgen Kehrer aufmerksam gemacht. Der Redakteur war vor allem von der Hauptfigur angetan, einem gescheiterten Rechtsanwalt aus Münster, der auch sonst eine etwas verkrachte Existenz ist und sich als Privatdetektiv verdingt. Die Wahl des Hauptdarstellers fiel auf Joachim Król, der ein gelungenes Debüt feierte. Als sich der Schauspieler nach dem Kassenknüller „Der bewegte Mann“ auf seine Kinokarriere konzentrieren wollte, musste ein neuer Wilsberg gefunden werden, doch der notwendige Wechsel entpuppte sich als Glücksfall, wie Neumann rasch erkannte: Der bis dahin praktisch unbekannte Leonard Lansink war „die kongeniale Besetzung, denn Leonard ist Wilsberg“. Ausgerechnet der in technischer Hinsicht so skeptische Privatdetektiv, der nebenbei ein Antiquariat betreibt, muss sich immer wieder mit hochmodernen Entwicklungen wie Gesichtserkennung oder Verbrechensbekämpfung mit Hilfe von Algorithmen auseinandersetzen.

Auffällig ist vor allem der Erfolg bei jungen Zuschauern. In dieser Zielgruppe erreicht „Wilsberg“ regelmäßig Marktanteile von über zehn Prozent; von solchen Zahlen können ARD und ZDF sonst bloß träumen. Zweiter Teil des Erfolgsgeheimnisses ist nach Ansicht Neumanns das Ensemble, das wie eine Familie funktioniere: mit Wilsberg und Kommissarin Springer (Rita Russek) als Eltern sowie Kumpel Ekki (Oliver Korittke) und Anwältin Alex (Ina Paule Klink) als Kinder.

Das Quartett entspreche außerdem den vier Temperamenten: der entspannte Wilsberg als Phlegmatiker, die aufbrausende Springer als Cholerikerin, Ekki als Melancholiker und die mitunter etwas sprunghafte Alex als Sanguinikerin. Ganz wichtig ist auch Springers stets übers Ziel hinausschießender Mitarbeiter Overbeck (Roland Jankowsky); bei den Kinopremieren in Münster bekommt der Kriminaloberkommissar, der sich gern als verhinderter Geheimagent sieht, regelmäßig Szenenapplaus. Viel frischen Wind bringt seit einigen Folgen außerdem Janina Fautz als Springers querschnittsgelähmte Nichte Merle in die Filme. In Neumanns Familienaufstellung wäre Overbeck der etwas peinliche Vetter und Merle die freche Enkelin.

Trotzdem ist Wilsberg die zentrale Figur der Geschichten, daher stellt sich die Frage, warum gerade junge Leute für einen alternden Privatdetektiv schwärmen. Neumanns Antwort: „Weil er einfach eine coole Socke ist.“ Gerade in der Hauptfigur komme die Haltung der Reihe zum Ausdruck: „Wilsberg muckt gegen Obrigkeiten und Konventionen auf, er schwimmt nicht mit dem Strom.“ Außerdem sorgt der Redakteur dafür, dass sich die Reihe mit Themen befasst, die auch junge Leute interessieren, zuletzt Whistleblowing, K.-o.-Tropfen oder Gefahren in sozialen Netzwerken. Ein typisches „Wilsberg“-Merkmal sei zudem die Gewaltfreiheit: „Wir verzichten auf übertriebene und unnötige Gewaltdarstellungen. Aus den Rückmeldungen wissen wir, das unser Publikum dafür dankbar ist.“

Bleibt noch die Frage, welches der vier Temperamente dem Spiritus rector entspricht, oder anders gefragt: Wie viel Neumann steckt in „Wilsberg“? Vor allem die Haltung, sagt der Redakteur: „Das kritische Hinterfragen von Autoritäten, alles etwas locker und mit viel Humor nehmen, niemals klein beigeben.“ Und dann ist da noch die Sache mit Neumanns Heimatort. Ihm schwebte eine Hitchcock-Hommage vor, „aber mit meinen 1,97 Meter würde ich jede Szene sprengen.“ Also wird als Running Gag in jedem Film Bielefeld erwähnt. Ein zweiter Scherz ist nur eingefleischten Insidern bekannt: Seit gut zehn Jahren versteckt der Mischtonmeister in jeder Folge das Quaken einer Ente.


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