Sonntagabend im ARD-Programm Bedrückend: Polizeiruf 110 „Gespenst der Freiheit“ aus München

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Kann er sein Vertrauen gewinnen? Hauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) befragt den tatverdächtigen Halbiraner Farim Koban (Jasper Engelhardt), der zu einer rechtsradikalen Kameradschaft gehört. Foto: BR/ X Filme Creative Pool Entertainment GmbH/Hagen KellerKann er sein Vertrauen gewinnen? Hauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) befragt den tatverdächtigen Halbiraner Farim Koban (Jasper Engelhardt), der zu einer rechtsradikalen Kameradschaft gehört. Foto: BR/ X Filme Creative Pool Entertainment GmbH/Hagen Keller

Osnabrück. Heute Abend beendet nach dem Tatort auch der Polizeiruf 110 seine Sommerpause im ARD-Programm. Die Episode „Das Gespenst der Freiheit“ aus München markiert den vorletzten Auftritt von Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels. Ein starker, aber auch sperriger und bedrückender Krimi.

Die Filme von Regisseur Jan Bonny sind nicht nach jedermanns Geschmack. Und ganz sicher nicht schön im Sinne von lieblich. Aber sie sind nah an der Realität, oft bedrückend nah. Schonungslos, rau, desillusioniert. Es wird viel gesoffen, gevögelt, geprügelt. Und die Handkamera ist oft so nah dran, dass man als Zuschauer meinen könnte, dabei zu sein. Und es manchmal gar nicht will. Dass Happy Ends in Bonnys Filmen Fremdkörper wären, muss man kaum erwähnen. „Nichts wird gut“ könnte eher zusammenfassend über seinem Werk stehen.

München ist wohl die deutsche Großstadt, die am ehesten schön im Sinne von lieblich ist. Aber nicht in diesem Polizeiruf von Jan Bonny. Der nimmt seinen Ausgang in einer schäbigen Unterführung, in der ein junger Syrer ein Mädchen sexuell belästigt haben soll, das von seinen Freunden „Glubschi“ genannt wird. Schnell haben diese vier Freunde die Hilferufe der jungen Frau erhört – und den Syrer grausam zu Tode geprügelt. Mit ungezählten Tritten in den Körper und gegen den Kopf.  (So war der letzte Polizeiruf mit Matthias Brandt)


Die Kameradschaft in der Corso Stub'n. Am Tisch sitzen Farim Koban (Jasper Engelhardt), Glubschi (Ricarda Seifried), Finn Gedecke (Cem Lukas Yeginer), Gerrit Trapp (Christopher Loeschhorn). Foto: BR/ X Filme Creative Pool Entertainment GmbH/Hagen Keller


Nun sitzt „Glubschi“ in Meuffels Büro und erzählt dem Kommissar ihre Version der Geschichte. Als sie sich eine Zigarette anzündet, verschwindet der Kommissar in einem Nebenraum, um ein Paar Schuhe auszupacken, die er sich in einem edlen Münchner Geschäft hat nähen lassen. Wie beiläufig prallen Welten aufeinander. 

Der Kommissar mit den schicken Schuhen ist davon überzeugt, dass „Glupschi“ nur der Lockvogel war, damit die Kameradschaft, die gern den Arm zum Hitlergruß hebt, den jungen Syrer regelrecht hinrichten konnte. „Der hat doch nicht den Bürgerkrieg überlebt, um sich hier am Stadtrand von vier Arschgeigen totprügeln zu lassen,“ glaubt er.  


Farim Koban (Jasper Engelhardt) wird als Tatverdächtiger in die JVA gebracht. Foto: BR/ X Filme Creative Pool Entertainment GmbH/Hagen Keller


Zu diesen „vier Arschgeigen“ gehört auch der Halbiraner Farim Kuban, stark dargestellt von Jasper Engelhardt. Ihn will der Kommissar knacken, sein Vertrauen will er gewinnen, den Rest der Kameradschaft zur Strecke bringen zu können. Die Figur des Farim Kuban erinnert ziemlich eindeutig an den Amokläufer von München, einen 18-Jährigen mir iranischen Wurzeln, der im Juli 2016 neun Menschen tötete, stolz darauf war, „Arier“ zu sein und offenbar rechtsextreme Motive hatte.

Zu Jan Bonnys Lieblingsschauspielern gehört zweifellos Joachim Król – mit ihm in einer Hauptrolle drehte er auch den anstrengend-verstörenden Film „Über Barbarossaplatz“, den das Erste im vergangenen Jahr ausstrahlte. Auch in seinem zweiten Münchner Polizeiruf gab er Król eine tragende Rolle – die des Verfassungsschutzagenten Peter Röhl, der Farim Kubian als V-Mann zu gewinnen versucht und damit immer mehr zum Gegenspieler des Kommissars wird. Allein das Aufeinanderprallen der Schauspiel-Granden Brandt und Król macht diesen Film schon sehenswert.  (Joachim Król in "Über Barbarossaplatz") 


Gegenspieler: Peter Röhl (Joachim Król) vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz und Hauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt). Foto: BR/ X Film Pool Entertainment GmbH/Hagen Keller


Weniger schön ist es allerdings für Kommissar von Meuffels, der zunehmend an den Methoden von Staatsanwaltschaft und Verfassungsschutz verzweifelt und ein frustriertes „Heil Hitler, Herr Staatsanwalt“ in den Telefonhörer bellt. Wer als Polizist solche Erfahrungen macht wie von Meuffels bei diesem Fall, könnte tatsächlich auf die Idee kommen, den Dienst zu quittieren. Am Ende fragt ihn ein Verfassungsschützer: „Herr Meuffels, wollen Sie auf ewig damit weitermachen?“.

Matthias Brandt hat diese Frage längst mit einem klaren „Nein“ beantwortet. Sein 15. und letzter Polizeiruf ist abgedreht, trägt den vielsinnigen Titel „Tatorte“ und wird vermutlich im Winter ausgestrahlt. Dann tritt eine Frau in die großen Fußstapfen von Matthias Brandt und dessen Vorgänger Edgar Selge: Verena Altenberger.  


Wird Matthias Brandts Nachfolgerin: Verena Altenberger, 30-jährige Österreicherin. Foto: BR


Trotz einiger Preise ist die Österreicherin sicher noch nicht so ein schauspielerisches Schwergewicht wie ihre beiden Vorgänger und mit gerade mal 30 Jahren auch Vertreterin einer neuen Genration. Besonders erstaunlich daran: Erst im März hat der Bayerische Rundfunk (BR) noch Sophie Rois als Brandt-Nachfolgerin vorgestellt und bei dieser Gelegenheit als "Traumbesetzung" bezeichnet.

Cornelia Ackers, beim Bayerischen Rundfunk für den Polizeiruf 110 zuständige Redakteurin, ist dennoch fest von Altenberger überzeugt: „Für die Rolle der neuen Kommissarin habe ich gezielt nach einer Darstellerin gesucht, die eine schauspielerische Bandbreite zwischen komödiantischen und tragischen Facetten beherrscht. In Verena Altenberger haben wir diese Protagonistin gefunden, die mich als schlagfertige Altenpflegerin ,Magda` (RTL) in einer Comedyserie und als drogensüchtige Mutter in ,Die bester aller Welten` gleich tief beeindruckt hat.“

Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit. Das Erste, Sonntag, 19. August 2018, 20.15 Uhr.

Wertung: 5 von 6 Sternen


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