Vereinigte Königreiche Sender und Printverbände skeptisch über Modell einer „Super-Mediathek“

Von Tilmann Gangloff

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Nutzer müssen sich mehrere Apps auf ihr Smartphone laden, um verschiedene Mediatheken im Blick zu haben. Foto: dpa/Rolf VennenberndNutzer müssen sich mehrere Apps auf ihr Smartphone laden, um verschiedene Mediatheken im Blick zu haben. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Osnabrück. Eine Plattform mit Inhalten sämtlicher TV-Sender, sowie großer Zeitungs- und Zeitschriftenverlage: So einfach wie vom ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm angedacht ist eine solche „Super-Mediathek“ allerdings nicht.

„Wir sind eins“: Der aktuelle Slogan der ARD mag seine Berechtigung haben, aber im Grunde gilt er nur für das erste Programm. Im Internet zum Beispiel kocht jedes Mitglied des Senderverbunds sein eigenes Süppchen. Wer Sendungen zu einem bestimmten Thema sucht, muss alle Mediatheken einzeln abklappern.

Leonhard Dobusch hat eine Erklärung dafür, warum es noch keine ARD-Mediathek gibt: „Es wird viel zu sehr in eigenen Königreichen gedacht.“ Der Organisationstheoretiker an der Universität Innsbruck ist Mitglied des ZDF-Fernsehrats und möchte die beiden öffentlich-rechtlichen Systeme in eine gemeinsame Internet-Zukunft katapultieren. Sein Entwurf ist allerdings nicht mit dem irreführend „Super-Mediathek“ genannten Modell zu verwechseln, in dem der amtierende ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm neben den Angeboten sämtlicher deutscher TV-Sender auch die Inhalte der großen Zeitungs- und Zeitschriftenverlage anbieten will.

Für Dobusch hat Wilhelms Idee einen entscheidenden Denkfehler: Die Medienbibliothek des BR-Intendanten orientiere sich nicht an der Logik einer Internetplattform. Dobusch schwebt vielmehr ein öffentlich-rechtliches Pendant zu Youtube und Facebook vor: Die Nutzer wären nicht nur Konsumenten, sie könnten auch eigene Inhalte ins Netz stellen. Entscheidender Unterschied zu den kommerziellen Plattformen sei ein öffentlich-rechtlicher Algorithmus, der Inhalte anders sortiert, um eine demokratische Öffentlichkeit zu gestalten. Drei Viertel des Gesamtbudgets (500 Millionen Euro) sollen „nach draußen“ vergeben werden, um zusätzlichen Inhalt für die Plattform herstellen zu lassen.

Dobuschs Vorschlag kommt zu einer Zeit, da das klassische Fernsehen immer mehr zu einem Medium des letzten Jahrhunderts wird. Der Wissenschaftler geht zwar davon aus, dass es „auf Jahre hinaus seine große Bedeutung behalten und auch entsprechende Reichweiten erzielen“ werde, aber eben nicht bei jüngeren Generationen. Selbst die öffentlich-rechtlichen Mediatheken hätten bei den „Millennials“ keine Chance gegen Youtube oder Facebook.

Gegen die Dominanz der amerikanischen Unternehmen will BR-Intendant Wilhelm mit einer Art „europäischem digitalen Ökosystem“ antreten. Deshalb korrigiert seine Sprecherin Sylvie Stephan auch die Bezeichnung „Super-Mediathek“: Wilhelms Vorschlag gehe deutlich über den Gedanken einer reinen Mediathek hinaus, weil sein Modell auch für Verlage, Privatsender sowie Einrichtungen aus Kultur und Wissenschaft offen sei, „gepaart mit Elementen à la Facebook, einer guten Suchfunktion und garantierter Datensicherheit.“

Das Projekt hätte nicht zuletzt den Charme einer großen Reichweite, die laut Wilhelm „vor allem für die werbetreibenden privaten Partner der Plattform wichtig“ wäre. Genau darin sieht Dobusch jedoch ein grundsätzliches Manko. In seinem Modell gehe es darum, „wie Inhalte auf eine ganz bestimmte Weise aufbereitet, kuratiert und sortiert werden, die keinen kommerziellen Bedingungen unterworfen ist. Wir brauchen eine Alternative, die es den Beitragszahlern erlaubt, Inhalte zugänglich zu machen, ohne sich der restriktiven verwertungsgetriebenen Logik kommerzieller Plattformen zu unterwerfen. Ich wüsste nicht, wie das gelingen könnte, wenn man Privatsender mit dazu nimmt, denn die streben selbstverständlich eine Klick-Maximierung an.“ Dobusch vermutet, die Privatwirtschaft sei nur deshalb eingeladen, damit sie nicht wegen Wettbewerbsverzerrung gegen das Projekt vorgehe.

Einigen der potenziellen Partner, die Wilhelm gern mit ins Boot holen würde, sind die Pläne ohnehin noch zu unausgegoren. Die Verbände der Zeitschriften- und Zeitungsverleger signalisieren zwar Gesprächsbereitschaft, wollen jedoch erst mal abwarten, bis das Modell konkrete Formen annimmt. Auch die Mediengruppe RTL Deutschland ist „offen für Kooperationen und Allianzen, wenn sie zu unserem Geschäftsmodell passen“, will sich aber zunächst auf den Ausbau der eigenen Plattform TV Now konzentrieren. Bei ProSiebenSat.1 hat man ebenfalls eigene Pläne. Das Unternehmen hat gerade erst gemeinsam mit dem US-Konzern Discovery für 2019 den Start einer Streaming-Plattform bekannt gegeben. Das Angebot soll neben der senderübergreifenden Mediathek der ProSiebenSat.1-Familie (7TV) auch das Portal Maxdome (Video on Demand) sowie den Eurosport Player enthalten, über den Discovery seine Rechte an den Spielen der Fußballbundesliga auswertet. Von ZDF-Intendant Thomas Bellut kommt dagegen eine deutliche Absage: „Das ZDF wendet viel Kraft auf, um die eigenen Onlineangebote kontinuierlich zu modernisieren und noch mehr Nutzer der ZDF-Mediathek zu gewinnen. Ein überzeugendes Modell für eine „Super-Mediathek“ sehe ich nicht. Eine neue Mediathek braucht einen Betreiber, sie braucht erhebliche Investitionen. Das ist weltfremd.“ Angesichts der Debatte über die Höhe des Rundfunkbeitrags werde sich das ZDF mit Forderungen zurückhalten, eine neue Organisation aufzubauen.


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