Abhängigkeit von Parteien Presse in Georgien: „Keine vertrauenswürdigen Leitmedien“

Von Thomas Klatt

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Zu den politisch beeinflussten Fernsehsendern versucht die Rechercheplattform Studio Monitor, für die Natia Chekheria (rechts) und Salome Achba (Zweite von rechts) arbeiten, ein Gegenwicht zu bilden. Foto: Thomas KlattZu den politisch beeinflussten Fernsehsendern versucht die Rechercheplattform Studio Monitor, für die Natia Chekheria (rechts) und Salome Achba (Zweite von rechts) arbeiten, ein Gegenwicht zu bilden. Foto: Thomas Klatt

Berlin. Georgien liegt eingekeilt zwischen Russland im Norden und der Türkei, Armenien und Aserbaidschan im Süden und hat nur etwas mehr als drei Millionen Einwohner. Mitte Oktober wird Georgien in Deutschland mehr in den Blick geraten, ist es doch dieses Jahr Partnerland der Frankfurter Buchmesse.

„Das Einzige, worauf wir wirklich stolz sein können, ist unsere wunderbare Sprache. Aber nur dreieinhalb Millionen Menschen können diese Sprache lesen. Jetzt kommt man dank Frankfurt in die große Literaturgemeinde“, freut sich die Übersetzerin und Schriftstellerin Anna Kordsaia-Samadaschwili. Die georgische Literatur sei herausragend. Der Zustand der Presse hingegen bemitleidenswert. Es gebe keine Leitmedien, denen die Menschen vertrauen könnten. Es fehlten gründliche Recherchen und länger andauernde Debatten. Selbst bei über 50 Fernsehkanälen im Land. Die georgischen Radiosender und Zeitungen spielen nur eine untergeordnete Rolle. Die allermeisten Georgier schauen vor allem Fernsehen. Und dort ist es schwer, unabhängige Informationen zu erhalten.

„Zum Beispiel ist Rustavi 2 der größte TV-Kanal in Georgien. Aber er gehört zur Vereinten Nationalen Bewegung, also zur politischen Partei des Ex-Präsidenten Micheil Saakaschwili“, sagt die 25-jährige Natia Chekheria von der Rechercheplattform Studio Monitor. Also könnte man einen anderen Sender einschalten. Nur lande man dort meist bei der anderen politischen Seite.

„Nun ist die herrschende Partei der Georgische Traum des Unternehmers Bidsina Iwanischwili, der als der mit Abstand reichste Mensch in Georgien gilt. Von ihm abhängig ist der zweite große Sender im Land Imedi.tv. Und diese Abhängigkeiten bilden unglücklicherweise die meisten Medien ab“, sagt Chekheria.

Dagegen versucht Studio Monitor seit 13 Jahren zumindest im Internet mit Text- und Videobeiträgen ein journalistisches Gegengewicht zu bilden. Unterstützt wird die Rechercheplattform laut Eigenaussage durch die EU-Delegation in Georgien und die Britische Botschaft. Aktuell sind Beiträge über Umweltschäden durch Luftverschmutzung durch den Verkehr oder mangelnde Gesundheitsversorgung vor allem auf dem Lande zu sehen.

„Bis heute bin ich stolz auf eine Reportage über Micheil Saakaschwilis Privatappartement in New York. Wir konnten Micheil Saakaschwili zum Interview bringen. Und er sagte, er sei so arm und nur der Ex-Präsident und wir fanden zwei Appartements in Brooklyn für mehrere Millionen Dollar“, erinnert sich die 28 Jahre alte Studio-Monitor-Kollegin Salome Achba.

Sie sei vor allem aus Idealismus Journalistin geworden. In ganz Georgien gebe es schätzungsweise gerade einmal 500 Kolleginnen und Kollegen. Auf der internationalen Rangliste der Pressefreiheit stand Georgien 2010 noch auf Platz 99, heute auf Rang 61. Anders als in der benachbarten Türkei oder im nördlichen Russland gebe es in dem kleinen Georgien keine Gefahr oder Bedrohung für kritische Reporter. Dennoch ist der Berufsstand unbeliebt. „Es fehlt die Anerkennung und der Respekt durch die Gesellschaft. Es ist viel populärer, ein Doktor zu sein oder ein Anwalt, Richter, Bänker oder eben Politiker“, weiß Salome Achba.

Auch für Teiko Anjapseridze ist Journalismus vor allem Obsession. Die heute 42-jährige Orientalistin hat zehn Jahre in Nachrichtenredaktionen gearbeitet. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder fing sie an zu bloggen. Und sie hat heute ihre eigene 45-minütige Radio-Sendung. Wichtig sind ihr vor allem Frauenthemen. Zum Beispiel die Frauen, die in der ersten georgischen Republik 1918 -1921 tonangebend waren. In den wenigen Jahren, bevor die Rote Armee einmarschierte und die Unabhängigkeit zunichtemachte. Erst 1991 wurde das kleine Land wieder frei. „Es waren fünf weibliche Abgeordnete, die die erste Unabhängigkeits-erklärung Georgiens mitunterzeichnet haben. Damit spreche ich indirekt auch an, dass es mehr weibliche Abgeordnete im heutigen georgischen Parlament geben sollte“, sagt Anjapseridze.

In Georgien kursiert der Satz, dass die Männer noch asiatisch, also traditionell, die Frauen im Land eher europäisch und modern ausgerichtet seien. Früher, zu sowjetischen Zeiten, sei das Thema Emanzipation nicht populär gewesen. Jetzt aber, 100 Jahre nach der ersten Unabhängigkeit , bräuchte es eine Wiederentdeckung der frühen georgischen Frauenbewegung: „Das Hauptziel muss nicht allein sein, dass es mehr Frauen in Führungs-positionen gibt, sondern besser ausgebildete Frauen!“

Auch darüber könnte es dann spätestens auf der Frankfurter Buchmesse interessante deutsch-georgische Diskussionen und Berichte geben.


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