Grubenfahrt mit VR-Brille Einmal Kumpel sein: WDR startet virtuelles Bergwerk

Von Andre Pottebaum

Mit Kamera und Joysticks können Nutzer das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop virtuell erleben. Foto: WDR/Stefan DomkeMit Kamera und Joysticks können Nutzer das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop virtuell erleben. Foto: WDR/Stefan Domke

Bottrop/Osnabrück. Wenn Ende 2018 die letzten Steinkohle-Bergwerke Nordrhein-Westfalens schließen, geht eine Ära des Ruhrgebiets zu Ende. Um das Leben unter Tage für die Nachwelt zu konservieren, hat der WDR das Projekt „Bergwerk 360 Grad“ ins Leben gerufen, das die letzte Zeche des Ruhrgebiets virtuell erlebbar macht.

Flackerndes Licht, eingeengt im Fahrstuhl. Eine leichte Brise weht um die Nase. Dann geht es bergab. Für einen Moment wird alles schwarz, ehe sich langsam die Tür zu einer anderen Welt öffnet. Es ist muffig und heiß. „Hau die Kohle aus dem Flöz“, hallt es aus den Weiten des Stollens, der kaum erkennbar von wenigen Holzbalken getragen wird. Schweiß getrieben, mit Spitzhacke in der Hand, schlägt man immer wieder zu, haut die Kohle aus der Wand. Der Boden unter den Füßen vibriert. 1200 Meter unter der Erde.

Was für die „Kumpel" im Bottroper Bergwerk Prosper-Haniel zum Alltag gehört ist nun auch für Besucher virtuell erlebbar. Mithilfe moderner VR-Technologie hat der Westdeutsche Rundfunk ein einzigartiges Projekt ins Leben gerufen, das dem Mythos Bergwerk ein Denkmal setzt. In einem verblüffend real wirkenden Szenario ist es den Machern gelungen, einen authentischen Einblick in die Arbeit unter Tage zu bekommen und als „digitales Erbe“ für die Nachwelt zu erhalten.

Arbeiten unter Tage: Mit VR-Brille schlüpfen Nutzer in die Haut eines Bergmanns von vor über 100 Jahren. Foto: WDR/Annika Fußwinkel

Großer Aufwand über und unter Tage

Ein Jahr lang wurde an der Realisierung des Projekts gearbeitet, 15 Tage über und unter Tage gedreht. Mit speziellen Kameras und einem besonderen 360-Grad-Verfahren wurde die Arbeitsumgebung der Bergleute festgehalten. Aufwendig, wie Redaktionsleiter Thomas Hallet erklärt. Denn der Einsatz elektronisch betriebener Kameras Hunderte Meter unter der Erde ist nahezu unmöglich. Schon ein einziger Funke, hätte ein Schlagwetter, eine Art Feuer, auslösen können. Für jeden Drehtag wurde die Zufuhr von Frischluft maximiert, Gebiete mit schwankender Gaskonzentration waren tabu, Akkuwechsel durften nur über Tage stattfinden. Ein Riesenaufwand, bedenkt man, dass schon die Seilfahrt in 1200 Meter Tiefe rund 30 Minuten in Anspruch nimmt.

Aufwendige Dreharbeiten: Bei den Aufnahmen im Stollen des Bergwerks herrschten spezielle Sicherheitsvorkehrungen und ungewohnte Arbeitsbedingungen. Foto: WDR/Michelle Blum

Herausgekommen ist eine virtuelle Zeitreise, die auf drei unterschiedlichen Wegen erlebbar ist. Während der Nutzer mit der Web-Version am heimischen Rechner oder via Smartphone interaktiv und individuell das Bergwerk betrachten, und beispielsweise eine Seilfahrt in Echtzeit absolvieren oder den Arbeitsalltag eines Kumpels begleiten kann, wird das eigentliche Erlebnis erst mit einer speziellen VR-Brille richtig real. Bei der interaktiven 3D-Tour durch das Außengelände des Prosper-Haniel lässt sich das Bergwerk auf eigene Faust erkunden – mit Grubenlampe und Helm auf dem Kopf. Ein Controller bestimmt dabei Richtung und Geschwindigkeit und ermöglicht einen Gesamtblick auf eine der ältesten Zechen des Ruhrgebiets. Die Umsetzung basiert auf dem Verfahren der Photogrammetrie, das Tausende Fotoaufnahmen zu einem Gesamtbild zusammensetzt.

Ein Blick auf das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop, verdeutlicht die Dimensionen der Kohleförderung. Foto: WDR/Stefan Domke

4D-Technologie macht das Bergwerk real

In einer dritten Version wird der Nutzer selbst zum Akteur: Mit VR-Brille, Joysticks in den Händen, Gewichten an den Armen und einer Rüttelplatte unter den Füßen wird die Zeche zu einem virtuellen Abenteuerspielplatz. Heizstrahler simulieren die Wärme unter Tage, Ventilatoren sorgen während der Seilfahrt für das richtige Feeling. Um die Kohle aus dem Stollen ans Tageslicht zu fördern, müssen die Nutzer selbst Hand anlegen. Eine Nebelmaschine sorgt zeitgleich für stickige und modrige Luft. „Das kommt der realen Arbeitswelt schon sehr nahe“, sagt einer der Kumpel anerkennend.

Erstmals getestet werden kann das virtuelle Bergwerk vom 21. bis 25. August auf der Spielemesse Gamescom in Köln. „Die große Zeit kommt nach dem 21. Dezember, wenn das Bergwerk Prosper-Haniel offiziell schließt. Dann wird das virtuelle Bergwerk zu sehen und erlebbar sein“, sagt Stefan Moll, Leiter digitale Produktentwicklung beim WDR. In Museen, auf Ausstellungen und Veranstaltungen soll das Virtual-Reality-Projekt dann für die Öffentlichkeit zugänglich sein.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN