Mit Veronica Ferres Berührendes Drama: „Tod auf Raten“

Von Tilmann P. Gangloff

Auf sich allein gestellt: Annett (Veronica Ferres) muss sich um ihren Ehemann Ronald (Oliver Stokowski) kümmern, der zum Pflegefall geworden ist. Foto: dpa/Jan FehseAuf sich allein gestellt: Annett (Veronica Ferres) muss sich um ihren Ehemann Ronald (Oliver Stokowski) kümmern, der zum Pflegefall geworden ist. Foto: dpa/Jan Fehse

Osnabrück „Tod auf Raten“ ist ein voller Empathie erzähltes Drama mit Veronica Ferres als überforderte Ehefrau eines Mannes, der permanent sein Kurzzeitgedächtnis verliert.

Ein Topstar, ein ungewöhnliches Thema, eine berührende Umsetzung – und doch zeigt das ZDF dieses einfühlsam erzählte Drama mit Veronica Ferresan einem Donnerstag um 22.30 Uhr. „Tod auf Raten“, damals noch unter dem Titel „Short Term Memory Loss“, sollte vor zwei Jahren im Kino laufen, aber dazu ist es nie gekommen. Tatsächlich unterscheidet sich die Machart des von Ferres koproduzierten Dramas jedoch in keinerlei Hinsicht vom üblichen Fernsehfilm. Deshalb ist die Entscheidung für den späten Sendetermin umso weniger nachzuvollziehen, zumal Andreas Arnstedt (Buch und Regie) für seine Geschichte über einen eklatanten Missstand einen interessanten Ansatz gefunden hat: Friseurin Annett (Ferres) hat keine ruhige Minute mehr, seit ihr Mann Ronald (Oliver Stokowski), ein Freizeitboxer, vor einigen Jahren durch einen Treffer sein Kurzzeitgedächtnis verloren hat. Er weiß zwar, wer er ist und wo er wohnt, aber die Zeit ist für ihn damals stehen geblieben. Alles, was er nun tut oder erlebt, ist nach wenigen Sekunden aus seinem Gedächtnis gelöscht, weshalb er rund um die Uhr Betreuung braucht. Weil das Krankheitsbild jedoch nicht ins amtliche Raster passt, bekommt er nur Pflegestufe eins; für Annett wird das Dasein mehr und mehr zur Tortur. Die mangelnde Alltagstauglichkeit ihres Mannes verdeutlicht der Film mit einer Szene in der Kneipe von Annetts Vater, wo Ronald als Aushilfe einen zunehmend genervten Gast (Michael Kind) innerhalb von zwei Minuten fünfmal fragt, was er ihm bringen darf.

Aller Tragik zum Trotz gibt es Augenblicke von subtiler Heiterkeit, weil Ronalds Gefühle wie das Funkeln eines Feuerwerks sind: kaum erblüht, schon verglüht. Sein Zorn zum Beispiel verraucht im Nu, weil er unmittelbar darauf vergessen hat, warum er wütend war. Damit er morgens nicht den Betrieb seines früheren Arbeitgebers aufsucht (der im Februar verstorbene Rolf Zacher in einer seiner letzten Rollen), versichert ihm seine Frau jeden Tag, es sei Sonntag. Szenen dieser Art sorgen für eine willkommene Auflockerung, aber ansonsten dominiert das Drama. Annett ist zunehmend auf sich allein gestellt. Als die Bank das Haus versteigern will, ist sie am Ende, zumal sie weiß: Am Status quo wird sich nichts ändern, bis Ronald oder sie stirbt.

Die große Stärke des Films liegt in seinem Realismus. Ausgerechnet bei Ferres trägt das Drama jedoch mitunter buchstäblich zu dick auf: Die tiefen Augenringe lassen Annett wie einen Zombie aussehen. Dass sie Bierflaschen grundsätzlich mit den Zähnen öffnet, wirkt genauso aufgesetzt wie ihre gelegentlichen vulgären Flüche. Womöglich waren es aber gerade diese Seiten der Figur, die Ferres besonders gereizt haben, zumal Arnstedt, wie sie erzählt, die Rolle extra für sie geschrieben habe: „Als ich das Drehbuch las, war ich sofort fasziniert. Ich habe ihm alle Unterstützung angeboten, die er wünschte, weil ich wusste, dass es ein schwieriges Thema ist.“ Das habe sich dann auch bei der geplanten Kinoauswertung gezeigt: „Der Film lief sehr erfolgreich bei verschiedenen Festivals, zum Beispiel in Hof und in Zürich. Aber die Kinolandschaft hat sich verändert, solche Themen haben es bei Verleihern sehr schwer.“ Deshalb haben die Verantwortlichen offenbar gern zugestimmt, als das ZDF Interesse an einer Ausstrahlung signalisierte. Auch Ferres ist nicht glücklich über die Sendezeit ab 22.30 Uhr. Unterm Strich sei sie dennoch sehr froh, dass der Film im ZDF ausgestrahlt werde.

Jedenfalls ist die späte Uhrzeit bedauerlich, weil Arnstedt den richtigen Ton für das Thema trifft. Das gilt vor allem für die sanfte Klaviermusik von Nicolette Richter, die weder allzu sentimental noch zu dramatisch ist. Gleiches gilt für den Schluss des Films: Weil ein Heimaufenthalt Ronalds damit endet, dass er ruhiggestellt werden soll, ringt sich Annett zu einem scheinbar herzlosen Schritt durch. Nun beantwortet Arnstedt auch die Frage, warum sich ihre Stimme so unbeteiligt anhört, als sie am Anfang aus dem Off erklingt: „Gut, dass ich dich erreiche, ich bin in zehn Minuten da.“ Dahinter steckt eine höchst raffinierte und laut Ferres auch authentische Idee, die aber im Grunde ähnlich grausam ist wie die vermeintlichen Bushaltestellen an Heimen für demente Menschen. Umso schöner, dass der Film trotzdem mit einem versöhnlichen Lächeln endet.


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