Samstagabend war alles gut Doku „Kulenkampffs Schuhe“ verknüpft Kindheitserinnerungen mit alten TV-Shows

Von Tilmann P. Gangloff

TV-Liebling über Jahrzehnte: Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff in der Quiz-Sendung „Einer wird gewinnen“. Foto: dpa/Wolfgang WeihsTV-Liebling über Jahrzehnte: Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff in der Quiz-Sendung „Einer wird gewinnen“. Foto: dpa/Wolfgang Weihs

Osnabrück. Hans-Joachim Kulenkampff war in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren der deutsche TV-Liebling. Zum 20. Todestag des legendären Showmasters zeigt das Erste einen ungewöhnlichen Dokumentarfilm.

Kaum ein Genre lässt so viele Variationsmöglichkeiten zu wie der Dokumentarfilm. Entsprechend zahlreich sind die unterschiedlichen Ansätze. Es gibt Filme von radikaler Subjektivität und andere, die sich um darum bemühen, möglichst objektiv zu sein.

Regina Schilling hat einen ganz eigenen Weg gefunden: Sie verknüpft ihre eigene Geschichte mit dem Unterhaltungsfernsehen der westdeutschen Nachkriegsjahrzehnte. Protagonisten ihres Films mit dem etwas rätselhaften Titel „Kulenkampffs Schuhe“ sind Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal und Peter Alexander, dank der regelmäßigen Besuche im Wohnzimmer „wie Familienmitglieder, nur besser gelaunt“, sowie ihr eigener Vater. Die Autorin ist Jahrgang 1962 und teilt das Schicksal vieler Zuschauer, die heute um die sechzig sind und damit exakt dem Durchschnittsalter des Publikums von ARD und ZDF entsprechen: Die Eltern dieser Generation sind durch zwölf Jahre Nationalsozialismus geprägt und durch den Zweiten Weltkrieg traumatisiert worden, haben aber dieses Trauma in der Regel nicht verarbeitet; vordergründig, weil sie damit beschäftigt waren, das Land wiederaufzubauen, aber vermutlich hatten sie auch keine Lust, sich der Vergangenheit zu stellen. Da Schillings Vater früh gestorben ist, konnte sie ihn nicht mehr fragen, was er im Krieg gemacht hat. Und wer weiß, ob er es nicht vorgezogen hätte, zu schweigen; so wie die meisten anderen.

„Kulenkampffs Schuhe“ ist ein Film über die Kindheit: die Kindheit der Autorin, aber auch die Kindheit der Bundesrepublik Deutschland. Schillings Vater stammte vom Niederrhein, sie selbst ist unter dem Einfluss des von Konrad Adenauer repräsentierten rheinischen Katholizismus“ aufgewachsen. Mit großem Geschick kombiniert Schilling ihre eigenen Erinnerungen mit dem kollektiven Gedächtnis: Privates Super-8-Material und viele Fotos zeigen eine typische westdeutsche Familie mit drei Kindern. Zur Ruhe fanden sie wie bis zu 90 Prozent des restlichen Fernsehpublikums nur bei den großen Samstagsshows: „Am Samstagabend war alles gut.“ Dies ist die dominierende Ebene des Films, denn als Zeitreiseführer dienen die Fernsehgrößen jener Jahre. Viele Zuschauer in Schillings Alter werden sich ebenfalls daran erinnern, wie sie samstags um 20.15 Uhr, frisch gebadet und im Schlafanzug im Kreis der Familie „Einer wird gewinnen“ mit dem allseits verehrten Kulenkampff anschauen durften, und keins der damaligen Kinder wird dessen diversen Anspielungen auf die Kriegsjahre verstanden haben.

Mit dem Wissen von heute klingen die Späße des Kriegsteilnehmers, der sich an der Ostfront eigenhändig die erfrorenen Zehen amputiert hat, jedoch völlig anders: Zweieinhalb Jahrzehnte zuvor hätten seine Witze als „Wehrkraftzersetzung“ unangenehme Folgen für ihn gehabt. Hans Rosenthal hatte ganz andere Erinnerungen an die Kriegsjahre, die er als untergetauchter Berliner Jude nur mit viel Glück überlebt hat, und wer in jungen Jahren Peter Alexander als einen der üblichen Schlagerfuzzis geschmäht hat, muss nun Abbitte leisten: Der Wiener hat seine Kriegserlebnisse in bewegenden Liedern verarbeitet.

Es ist zunehmend faszinierend, wie Schilling ihre ganz persönliche Geschichte in die Historie einbettet – oder umgekehrt. Das funktioniert in erster Linie über den von Maria Schrader mit großer Anteilnahme vorgetragenen Kommentar, der die kleinen Dinge immer wieder in den großen Kontext stellt. An Identifikationsangeboten herrscht ohnehin kein Mangel, zumindest nicht für Kinder der Sechziger, denen das Wiedersehen mit den einstigen Idolen die Augen öffnen wird; nicht nur im Hinblick auf die Showgrößen, sondern womöglich auch auf die eigenen Eltern. Abgesehen davon ist „Kulenkampffs Schuhe“ schon allein deshalb eine Freude, weil der Film so viel Wiedersehen beschert, denn zusätzlich zu den Show-Ausschnitten hat Schilling bei ihrer fleißigen Archivarbeit unter anderem auch Werbespots jener Jahre ausgegraben.

Die Erzählungen über ihren Vater zum Beispiel illustriert sie gern mit den Erlebnissen des HB-Männchens. Als geradezu perfekt erwies sich zudem ein Fernsehspiel mit Horst Tappert aus dem Jahr 1970 über das wechselvolle Schicksal eines Drogisten. Hinzu kommen Filmausschnitte, etwa aus der Trilogie „08/15“ über die Kriegserlebnisse eines Soldaten, gespielt von Joachim Fuchsberger, der wiederum in seiner Talkshow „Heut“ Abend“ den Erinnerungen von Hans Rosenthal lauscht. Auf diese Weise sorgt Schilling immer wieder dafür, dass sich die Kreise schließen. Der Kreis ihres Vaters schloss sich, als sie elf Jahre alt war; er starb wie so viele andere Männer seiner Generation an einem Herzinfarkt.


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