TV-Programm am Montag Ungewisse Zukunft: NDR-Reportage "Jung und kriminell"

Von Susanne Haverkamp

Nach zwei Jahren auf dem Segelschiff kommt Aeneas zurück nach Deutschland. Wird ihm ein straffeies Leben gelingen?Nach zwei Jahren auf dem Segelschiff kommt Aeneas zurück nach Deutschland. Wird ihm ein straffeies Leben gelingen?

Osnabrück. Ist es Segelurlaub auf Staatskosten oder ein Schritt in eine gute Zukunft? Eine NDR-Reportage begleitet zwei jugendliche Straftäter, die auf einem Therapieschiff statt im Knast waren, auf ihrem Weg ins Leben.

In gewisser Weise ist dieser Film eine Fortsetzung. „Ich habe Ende 2016 einen Film gedreht, der hieß ‚Segelschiff statt Jugendknast‘“, erzählt die Filmemacherin Birgit Wärnke im Gespräch mit unserer Redaktion. „Zusammen mit einem Kameramann war ich zwei Wochen auf dem Dreimaster ‚Salomon‘. Wir haben in der Zeit die Jungs kennengelernt und sind mit ihnen, der Crew und den Pädagogen von den Kanaren auf die Kap Verden gesegelt. “ 




Ausgestrahlt wurde die Reportage über diese besondere intensivpädagogische Maßnahme im Februar 2017. Auch der heutige Film beginnt an Bord des Segelschiffes. „Das Thema hat mich nach dieser intensiven Drehreise nicht losgelassen“, sagt Wärnke. „Ich wollte wissen, wie es mit den Jungs weitergeht. Was passiert, wenn sie nach ein bis zwei Jahren Auszeit auf dem Schiff wieder zurück nach Deutschland kommen? Werden sie es dann schaffen, ein straffreies Leben zu führen?“ 

Wie es mit den Jungs weitergeht, das ist die entscheidende Frage. Denn der Segler soll kriminellen Jugendlichen eine letzte Chance geben, in ein anständiges Leben zurückzufinden. „Die sind alle nicht freiwillig da. Bei jedem einzelnen sind viele andere pädagogische Maßnahmen gescheitert.“ Segler oder Jugendknast, Segler oder geschlossenes Heim – das sind je nach Alter und Vergehen die Alternativen. Auf dem Schiff bleiben sie ein Jahr. Mindestens. Denn sie brauchen 40 Wochen, in denen sie „bestehen“, also den Anforderungen genügen. Den Anforderungen beim Segeln, beim Putzen und Kochen, beim Schulunterricht und im Sozialverhalten. In denen sie nicht in einem Hafen ungefragt von Bord gehen. 40 bestandene Wochen – das schafft kaum jemand innerhalb eines Jahres.

100.000 Euro pro Jahr: Das kostet den Staat ein Platz auf dem Segler. Viel, aber auch nicht viel mehr als ein Jahr Jugendknast oder geschlossenes Heim kosten. Außerdem spricht die Erfolgsquote für sich: Insassen vom Jugendknast werden zu ungefähr zwei Dritteln rückfällig; Zöglinge des Segelschiffs nur zu einem Drittel.

„Als die Drehreise vorbei war und wir uns verabschiedet haben“, erzählt Birgit Wärnke, „haben die Jungs zu mir gesagt: Für eine Frau bist du ganz okay. Das war ein Lob und hat mir gezeigt, dass in den zwei Wochen eine Verbindung entstanden ist.“ Zum Beispiel zu Aeneas, 17, aus der Nähe von Oldenburg. Bevor er auf das Schiff kam, stand er vor Gericht wegen Einbruch, Diebstahl und Sachbeschädigung. „Er war schon ein gutes Jahr an Bord, gab in der Gruppe der Jugendlichen den Ton an - er war bester Steuermann, Vormann, leitete die anderen an.“

Im August 2017, nach zwei Jahren auf dem Segelschiff, kommt Aeneas nach Deutschland zurück. „Ich habe mich echt gefreut, ihn wiederzusehen.“ Aeneas kommt in eine pädagogische Anschlussbetreuung, vom Jugendamt finanziert. Ihm wird eine kleine Wohnung gestellt, in Helmstedt, weit weg vom alten Umfeld. Die Bedingung: keine Drogen, ein straffreies Leben, berufliche Orientierung durch Praktika und am besten eine Ausbildung. „Ich habe ihn seit er zurück ist achtmal besucht“, sagt die Filmemacherin. „Auch seine Mutter und die Geschwister habe ich an seinem 18. Geburtstag kennengelernt - eine sympathische Familie“. Ob Aeneas das, was er an Disziplin und Selbstwertgefühl in zwei Jahren auf dem Segler gewonnen hat, nutzen kann? So viel sei verraten: Leicht ist es nicht.


Sinan will eine Ausbildung zum Koch beginnen. Wird er durchhalten?


Der 15-jährige Sinan ist der andere Protagonist. Er ist an Bord zur sogenannten Haftvermeidung. Wegen Drogendelikten, Körperverletzung und Diebstählen wurde er zu 3 Jahren auf Bewährung verurteilt. „Sinan wirkt älter als er ist, er gibt gern den Coolen“, sagt Birgit Wärnke. „Er hat ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, manchmal etwas nah an der Selbstüberschätzung.“ Aber Sinan hat auch ein klares Ziel: Er will Koch werden: Auf dem Schiff hat das Kochen entdeckt – vorher hielt er es für Frauensache. Sinan will ganz nach oben, Sterneküche. Dafür vermittelt ihm das Jugendamt ein Praktikum in Braunschweig. Wohnen darf er in einer Einliegerwohnung bei Sozialarbeiter Raik Lösnitz. Mit enger Kontrolle, aber auch mit Familienanschluss.

„Was mich berührt hat“, sagt Birgit Wärnke, „ wie viele Menschen, den Jungs wirklich helfen wollen und ihnen Chancen geben.“ Die Sozialarbeiter auf dem Schiff und an Land, aber auch Chefs, die Praktikumsplätze zur Verfügung stellen - und Vertrauensvorschuss. Die Familien, die keineswegs so kaputt sind, wie man denkt.

Erst zwei Wochen auf der Salomon, jetzt anderthalb Jahre an Land. Am liebsten würde Birgit Wärnke weitermachen. „Eine Langzeitbeobachtung über fünf Jahre wäre toll“, sagt sie. Weil ihr die Jungs ans Herz gewachsen sind, weil Vertrauen gewachsen ist, und, sagt Wärnke, „weil die Geschichte der beiden noch nicht zu Ende ist.“ 






45 min: Jung und kriminell – und was dann? Montag, 13. August 2018, 22:00 Uhr im NDR 

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