Schauspielerin im Interview Lisa Maria Potthoff über Kampfkunst, Kinder und Karriere

Von Joachim Schmitz


Wer Krimis guckt, kommt an dieser Frau kaum vorbei: Lisa Maria Potthoff hat etliche Filme und Reihen des populären Genres geprägt, nächsten Montag ist sie im Ersten wieder als Susi im vierten Eberhofer-Krimi „Grießnockerlaffäre“ zu sehen, wenige Tage später läuft „Sauerkrautkoma“ in bayerischen Kinos an. Krimidrehs haben die zweifache Mutter auch zum Kampfsport Krav Maga gebracht. Über blaue Flecken, ihre beiden Töchter und den Unterschied zwischen Heimat und Zuhause unterhalten wir uns in einem Berliner Gartencafé:

Frau Potthoff, wenn ich Ihnen jetzt an die Wäsche gehen würde, was eigentlich nicht meine Art ist – was würde mir blühen?

Dann hätten Sie wahrscheinlich ein Problem, weil ich seit anderthalb Jahren Kampfsport mache und mit Sicherheit die eine oder andere Technik anwenden könnte. Aber da Sie mir so unglaublich sympathisch sind, würde ich erst mal überlegen, ob das überhaupt nötig ist (lacht).

Der Kampfsport, den Sie betreiben, nennt sich Krav Maga, kommt aus Israel und wird unter anderem vom Geheimdienst Mossad praktiziert. Wie sind Sie denn darauf gekommen?

Durch die Vorbereitung auf den Film „Carneval“, der am 15. September im Ersten laufen wird und in dem ich eine ziemlich lange Kampfchoreografie machen sollte, ohne gedoubelt zu werden. Wir wollten es so brutal und unmittelbar wie möglich umsetzen – da macht es Sinn, wenn die Schauspielerin es selbst dreht, weil man nachher nicht drum herum schneiden muss. Ich wollte das unbedingt und auch die Figur so abgemagert und asketisch wie möglich anlegen.

Was mussten Sie dafür tun?

Ich hatte drei Monate Zeit, meine Ernährung umzustellen und Kampftraining zu machen. Zunächst habe ich mit Kickboxen angefangen, aber schnell festgestellt, dass das eine sehr klassische Sportart ist, bei der man irrsinnig lange braucht, bis man sie wirklich beherrscht. Wir brauchten für die Kampfszenen aber eine richtig brutale, dreckige Technik. Dafür ist Krav Maga super, weil sich diese Technik aus allen Kampfsportarten das Effektivste raus sucht. Israelische Soldaten trainieren Krav Maga, und mittlerweile werden auch deutsche Polizisten darin geschult, weil es darum geht, wie ich jemanden möglichst schnell zu Boden bringe, der beispielsweise mit einem Messer auf mich zukommt.

Daran haben Sie Gefallen gefunden?

Ja, es macht irrsinnig fit und – so absurd es vielleicht klingt – es macht mir Spaß (lacht). Ich hab’s jetzt ein Jahr lang sehr intensiv gemacht, bis zu fünfmal die Woche, da ich es für die ZDF-Reihe „Sarah Kohr“ auch sehr gut gebrauchen kann.

Haben Sie sich dadurch verändert, psychisch und physisch?

Erst mal muss man die ersten Wochen der absoluten Erschöpfung überstehen, da bin ich nach dem Training regelrecht nach Hause gekrochen und habe in der heißen Badewanne versucht, meine Muskeln irgendwie wieder auf Vordermann zu bringen. Seitdem aber gibt es mir tatsächlich Kraft. Krav Maga ist extrem verausgabend, aber mittlerweile bin ich energiegeladener als vorher. Das ist die physische Auswirkung, aber ich habe jetzt auch mental mehr Kraft.

Würden Sie Krav Maga auch einsetzen, wenn Ihnen am Set ein Regisseur oder Kollege zu nahe kommt?

Das Beste an dieser Kampftechnik ist, dass man den Schockmoment überwindet. Wenn man als Frau von einem Mann bedroht wird, ist dieser Schock „O Gott, was passiert mir?“ das Schlimmste. Den kann man schneller überwinden. Aber ich hoffe, dass ich beruflich nicht in eine solche Situation gerate.

Als junge Schauspielerin waren Sie doch schon mal in einer Situation, in der es unangenehm wurde, oder?

Ich kenne, wie viele Kolleginnen, solche Situationen – bei mir war es keine so akute Bedrohung, dass ich mich körperlich hätte zur Wehr setzen müssen. Aber es war schon eine Situation, in der ich mich entscheiden musste: Lass ich mich einschüchtern und gebe klein bei, weil mir vermittelt wird, meine Karriere hängt davon ab? Oder bleibe ich mir treu und sage, das kann nicht mein Weg sein?

Haben Sie das Gefühl, dass sich durch die #MeToo-Debatte etwas ändert in der Branche?

Es ist schon so, dass Produzenten mittlerweile das Team ansprechen und betonen, dass so etwas nicht geduldet wird und sich die Frauen an einen Ansprechpartner wenden können, falls es doch passiert. Das finde ich gut und hoffe, dass sich dadurch etwas verändert. Dass patriarchale Strukturen à la Weinstein oder Wedel überhaupt so lange Bestand hatten, ist bitter genug.

Noch mal zu Krav Maga. Sie haben ja durchaus eine gewisse Vorliebe für Stunts und Kampfszenen, oder?

Auf jeden Fall. Ein Großteil des Krav-Maga-Trainings ist reines Konditionstraining, also nicht in der Komfortzone eines ruhigen fettverbrennenden Pulses. Der Körper wird extrem hochgepeitscht, es gibt ein recht soldatisches Drillsystem. Wenn der Trainer neben mir steht und mich anschreit „Steh auf, sei keine Memme, Du stehst jetzt sofort wieder auf“, dann scheine ich das zu brauchen. Und wenn man liegen bleibt, kriegt man auch schon mal einen Fußtritt in den Bauch, und schon steht man wieder. Ich habe einen sehr großen inneren Schweinehund, liebevolle Motivation funktioniert bei mir offenbar nicht so gut, als wenn mich jemand zusammenscheißt (lacht).

Woher kommt diese Lust an der Körperlichkeit?

Ich musste ja 37, 38 Jahre alt werde, um zu merken, dass ich dadurch zu Höchstform auflaufe. Skifahren und Reiten kann ich schon länger, ich bin jahrelang ins Fitnessstudio gelaufen, aber Krav Maga ist der erste Sport, den ich bis zum Exzess betreibe. Tiefenpsychologisch ist das wahrscheinlich sehr interessant.

Sie sind ja nicht gerade zimperlich und haben sich auch schon mal eine Strecksehne gerissen.

Wenn ich etwas hinkriegen will, trage ich meine blauen Flecken wie Trophäen, da bin ich schon extrem ehrgeizig. Und ein bisschen geht’s da auch um meine Ehre als Frau. Alle warten darauf, dass Mutti einknickt und anfängt zu heulen, weil ihr alles zu krass ist. Dann denke ich: Nee, ich will härter sein als die Männer, sollen die doch zusammenklappen. Bei dem Sehnenriss stand ich so stark unter Adrenalin, dass der Schmerz erst kam, als der Tag vorbei war.

Haben Sie sich eigentlich als Kind schon gerne gerauft?

Ich hab mal dem Hausmeisterkind in unserer Wohnanlage ein riesiges Haarbüschel ausgerissen. Wahrscheinlich hatte sie etwas gemacht, womit ich nicht so einverstanden war, und ich konnte es wohl verbal nicht lösen. Mit acht habe ich mal einen Nachbarsjungen verkloppt, dessen Mutter dann zu meiner Mutter kam und sagte: Lisa hat meinen Sohn gehauen. Und ich werde nie vergessen, wie meine Mutter in der Tür stand und sagte: Dann wird sie wohl ihre Gründe gehabt haben. Ich fand das total toll, wie sie mir vertraut und sich hinter mich gestellt hat. Ich bin da als Mutter viel uncooler. Wenn meine große Tochter mal einen haut, dann bin ich immer diejenige, die sagt: Du musst das ohne Gewalt, sondern mit Worten lösen. Wenn du nicht möchtest, dass ein Junge dich schubst, dann sagst du „Stopp“.

Sie sind ja hier in Berlin geboren, dann aber mit zwei Jahren schon mit Ihrer Familie nach München gezogen und da dann aufgewachsen. Mittlerweile leben Sie schon wieder eine ganze Weile in Berlin – welche der beiden ist Ihre Heimatstadt?

Ich würde München als meine Heimat bezeichnen und Berlin als Zuhause. Ich bin hier in Berlin absolut zufrieden und glücklich, aber sobald ich nach München komme, merke ich: Hier bin ich verortet, hier sind meine Wurzeln.

Was ist der größte Unterschied zwischen Berlin und München?

Als Berliner kommt man nach München und denkt: Die Welt ist noch in Ordnung. München ist malerisch, fast dörflich, den Menschen geht’s gut, die kleiden sich gut, man kann überall gut essen. Es ist ein bisschen wie im Playmobilland. In Berlin ist es dreckig, laut, die Stadt funktioniert nicht, überall Baustellen, wir können keine Flughäfen bauen, die Leute sind schlecht gelaunt und großteils schlecht gekleidet.

Und warum ist es dann doch wieder Berlin geworden?

Ich bin mit Anfang 20 aus München weggegangen, weil ich dachte: Wenn ich’s jetzt nicht mache, dann tu ich’s vielleicht nie mehr. Als junger Mensch macht es Spaß und auch Sinn, mal woanders hinzugehen und den Horizont zu erweitern. Ich hab in Berlin meinen Mann kennengelernt, dann haben wir Kinder gekriegt, die Große geht hier zur Schule, und wir haben ein wunderschönes Haus, das wir uns so in München nicht leisten könnten.

Haben Sie Eigenschaften, die man als typisch bayerisch bezeichnen könnte?

Als Erstes fällt mir da Bodenständigkeit ein, obwohl ich die auch den Berlinern nicht absprechen möchte. Die Bayern sind ein extrem bodenständiges Völkchen. Wenn ich Filme in Bayern drehe, sind die Teams allesamt bodenständig und darauf aus, ein freundliches Miteinander und eine gute Zeit zu haben. Die Bayern lieben ihre Natur, ihre Berge und ihre Dörfer, das tu ich auch.

Wo sind Sie besonders gern, wenn Sie in München sind?

Wenn ich in der Stadt bin, gehe ich total gern an die Isar runter. Die ist ja jetzt renaturiert und nicht mehr dieser gerade betonierte Fluss, da ist es einfach wunderschön, durch die Stadt zu laufen. Und wenn ich bei meinen Eltern bin, die in einem Vorort von München leben, dann gehe ich ins Ayinger Bräustüberl, ein ganz toller Biergarten mit dem besten Schnitzel überhaupt.

Haben Sie auch typische Berliner Eigenschaften?

Ich bin gerne mal gehetzt und nicht so ausgeglichen, dass ich einfach so in den Tag hineinleben könnte. Vermutlich gefällt mir München so gut, weil da alles ein bisschen langsamer abläuft.

Wie steht’s mit der Mundart?

Ich kann nur mäßig berlinern, Bayerisch ist ganz klar mein Heimatdialekt. Wenn’s eine Berliner Eberhofer-Reihe gäbe, würde ich mich sicher schwertun.

Die Kindheit Ihrer Töchter hier in Berlin ist vermutlich eine ganz andere als Ihre Kindheit in einem Vorort von München.

Ja, wobei wir im Berliner Sinne auch relativ dörflich leben. Der größte Unterschied besteht vermutlich darin, dass Kindheit heute komplett anders ist als früher, was ich zu einem Großteil sehr bedauerlich finde. Ich bin früher von der Schule nach Hause gekommen, hab noch schnell Hausaufgaben gemacht, den Ranzen in die Ecke geknallt und bin raus zum Spielen gegangen. Das Signal, nach Hause zu kommen, war immer, wenn die Rollläden runtergelassen wurden.

Und heute?

Heutzutage sind die Kinder extrem durchgetaktet, auch wenn ich versuche, dagegenzuwirken. Es gibt einen frühen schulischen Druck und eine Leistungsorientiertheit, die ich als Kind so nicht empfunden habe. Ich versuche, keine Helikoptermutter zu sein, aber es ist teilweise wirklich schwierig, sich dem zu widersetzen. Ich finde auch, dass die Generation Kindheit 2018 teilweise extrem unselbstständig ist. Was ich früher alles durfte und selbstständig machen konnte, wird Kindern heute gar nicht mehr zugetraut.

Wie kriegen Sie es mit Ihren Kindern auf die Reihe, wenn Sie mal zwei, drei Filme nacheinander drehen?

Nun, mein Mann muss das genau so hinkriegen (lacht). Wenn ich weg bin, droht das System schon immer zu kollabieren, aber irgendwie kriegen wir es dann doch hin, mit zehn Excel-Tabellen, Großeltern, Babysittern und eben meinem Mann. Aber wenn ich dann heimkomme, habe ich schon das Gefühl, jetzt erst mal alles ein bisschen sortieren zu müssen. Ich bin ja auch nicht vier Wochen am Stück weg, sondern von Montag bis Freitag, und manchmal gibt’s auch einen drehfreien Tag. Für unsere Kinder ist das dennoch eine Herausforderung, und die finden das auch nicht immer gut.

Aber es ist kein Grund, zu Hause zu bleiben?

Noch mal, die Frage stellt sich meinem Mann in demselben Maße wie mir. Meine Mutter hat eine Praxis geführt, und ich war Schlüsselkind, das fand ich auch nicht gut, manchmal habe ich diese Praxis regelrecht gehasst. Ich versuche mich damit zu beruhigen, dass es vielleicht der negative Reiz ist, den unsere Kinder verarbeiten müssen. Das müssen sie hinnehmen, wie ich die Praxis meiner Mutter hinnehmen musste. Ich liebe meinen Beruf und bin nicht bereit, ihn aufzugeben. Und schließlich hat er auch den Vorteil, dass ich jetzt zum Beispiel zwei Monate am Stück zu Hause bin und ganz viel Zeit für sie habe.

Was ist Ihnen wichtig an der Entwicklung Ihrer Töchter?

Ich möchte, dass aus ihnen selbstbewusste Frauen werden, die sich den Männern nicht unterlegen fühlen und wissen, dass sie dieselben Möglichkeiten haben. Sie sollen die Freiheit haben, sich einen Beruf auszusuchen, der sie glücklich macht. Ich möchte sie zu Menschen erziehen, die selbstbewusst, politisch interessiert und tolerant sind, die sich nicht besser fühlen als andere Menschen, die als Flüchtlinge kommen oder sonst nicht so viele Vorteile haben. Wir haben uns ganz bewusst gegen eine Privatschule entschieden, sie sollen ruhig die Widrigkeiten des öffentlichen Systems kennenlernen.

Sie haben kürzlich mal gesagt, dass Sie sich dafür schämen, bei Amazon einzukaufen, und Nespresso für die dämlichste Erfindung der letzten zehn Jahre halten. Warum?

Nespresso schmeckt doch nicht, dieses Kapselsystem ist total bescheuert, schweineteuer und außerdem ökologischer Wahnsinn. Ich habe ein kleines Vermögen in eine Kaffeemaschine mit Siebträger und Mahlwerk investiert, weil ich finde, dass man so Kaffee macht. Für meine Amazon-Einkäufe schäme ich mich, weil ich eigentlich finde, dass man die ortsansässige Buchhandlung unterstützen sollte. Aber manchmal behält in mir die Stimme der Faulheit die Oberhand, die mir sagt: Es sind nur zwei Klicks, und Du kannst zu Hause bleiben. Ich kaufe also mal so und mal so.

Letzte Woche sind Sie 40 geworden – für manche Frau der schrecklichste Tag überhaupt. Wie schrecklich war’s für Sie?

Schrecklich insofern, dass ich früher immer dachte, 40 würden nur die anderen. Und dann stellt man irgendwann fest, dass man selbst ja auch älter wird und in derselben Situation ist. Aber der Geburtstag als solcher war sehr schön, weil ich ganz entspannt mit meinen Liebsten auf der Terrasse saß und wir Wein getrunken haben. Ich bin kein Geburtstagsfan und will da nicht so einen Druck drauf haben wie auf Weihnachten. Man kann da eigentlich nur scheitern, deshalb kommt die große Party irgendwann noch.

Lisa Maria Potthoff

wird am 25. Juli 1978 in Berlin als einzige Tochter eines Psychologen und Gesundheitsforschers und einer Allgemeinmedizinerin geboren. Sie besucht in einem Vorort von München die Schule, macht dort auch ihr Abitur und geht anschließend direkt auf die Schauspielschule. Das erste Theaterengagement hat sie noch in München, zieht dann aber bald nach Berlin, wo sie seitdem lebt.

Schon früh ist sie auf Krimirollen abonniert und lotet damit die komplette Bandbreite des Genres aus. Neben zahlreichen Gastauftritten im Tatort ist Lisa Maria Potthoff seit 2013 fester Bestandteil der mittlerweile fünf schwarzhumorig-kultigen Eberhofer-Krimis, in denen sie die On-Off-Flamme des von Sebastian Bezzel (Bild) gespielten Provinzpolizisten Franz Eberhofer darstellt („Grießnockerlaffäre“ am 6.8. im Ersten, „Sauerkrautkoma“ ab 9.8. im Kino). Seit 2014 ist sie neben Katrin Sass in den Usedom-Krimis des Ersten zu sehen, zum letzten Mal im Herbst dieses Jahres. Stattdessen etabliert sie im ZDF die neue Reihenfigur Sarah Kohr und kann dabei ihre Vorliebe für Kampfszenen und Stunts voll ausleben.

Lisa Maria Potthoff ist verheiratet mit einem Fernsehjournalisten, das Paar hat zwei Töchter im Alter von drei und neun Jahren und lebt in Berlin-Pankow.


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