Fall fiktiv, Kommissar echt Mit dem „Krimi-Duell“ ist Sat1 ein interessantes neues Format gelungen

Von Claudia Scholz

Experiment: Die Bestsellerautoren Volker Klüpfel und Michael Kobr müssen zeigen, ob ihre Fantasie dem scharfen Verstand eines Profi-Ermittlers standhält. Foto: SAT1 / Raymond RoemkeExperiment: Die Bestsellerautoren Volker Klüpfel und Michael Kobr müssen zeigen, ob ihre Fantasie dem scharfen Verstand eines Profi-Ermittlers standhält. Foto: SAT1 / Raymond Roemke

Osnabrück. Man nehme zwei erfahrene Krimiautoren, lasse sie einen verzwickten Mordfall konstruieren und setze dann einen richtigen Kommissar darauf an: Die Idee ist gar nicht schlecht. Mit dem „Krimi-Duell“ ist Sat1 ein interessantes neues Format gelungen.

Die Umsetzung mag nicht rundum gelungen sein, aber Sat1 gebührt schon allein Lob dafür, mal was Neues auszuprobieren, selbst wenn es sich beim „Krimi-Duell“ im Grunde um die Kombination zweier bewährter Genres handelt: Das Format ist letztlich ein Hybrid aus inszenierten „Scripted Entertainment“-Reihen wie „K 11 – Kommissare im Einsatz“ oder „Auf Streife“ (beide Sat1), in denen beurlaubte echte Ermittler fiktionalisierte Fälle lösen, sowie einem klassischen Fernsehspiel. Die Rahmenhandlung stammt vom erfolgreichen Krimiduo Volker Klüpfel und Michael Kobr, den Schöpfern des urigen Allgäuer Kommissars Kluftinger.

Zu Beginn stellen sie mithilfe eines Modells und einiger Spielfiguren den Tatort und die handelnden Personen vor: Die erfolgreiche Moderatorin eines Münchener Privatradios ist ermordet worden. Verdächtige sind neben den vier Mitarbeitern des Senders ein Studiogast, ein Stalker sowie ein hasserfüllter Hörer, der noch eine Rechnung mit der Frau offen hatte. Kriminalhauptkommissar Peter Honecker aus Essen hat nun 48 Stunden Zeit, den Täter zu finden. Er darf sich dabei all jener Mittel bedienen, die ihm auch im beruflichen Alltag zur Verfügung stehen, und diverse kriminaltechnische Untersuchungen sowie DNS-Tests veranlassen. Entscheidend ist jedoch, dass der Kommissar die Aufgabe nicht allein lösen muss: Während sich seine Ermittlungen darauf beschränken, in den immer wieder anderen Räumen des Funkhauses die Verdächtigen zu befragen, erledigt eine umtriebige Kollegin (Jessica Gerlach, ebenfalls echt) die zeitraubende Hand- und Fußarbeit (Alibi-Überprüfung, Funkzellenauswertung etcetera), die zur Routine jedes Falls gehören.

Technische Kniffe und Hinweise

Tatsächlich sind es letztlich weniger die kleinen grauen Zellen, die zur Lösung führen, sondern die technischen Hinweise. Der Gag an der Sache ist ohnehin die sportliche Herausforderung; Befragungen gibt es schließlich in jedem Krimi en masse. Deshalb werden Klüpfel und Kobr, die die Ermittlungen „live“ an einem Monitor verfolgen, immer wieder „zugeschaltet“, um das Geschehen zu kommentieren. Ihre Einwürfe sind allerdings nicht sonderlich geistreich und laufen meist auf die Frage hinaus, wie viel Zeit Honecker noch hat. Wer das Autorenduo schon mal bei einer seiner ausgesprochen unterhaltsamen Lesungen erlebt hat, wird von dieser Ebene eher enttäuscht sein; das Entertainer-Potenzial der beiden ist definitiv nicht genutzt worden. Gewisse Schwächen hat auch die dargestellte Ebene.

Mit Ausnahme des Ermittlerduos und der Kriminaltechniker werden sämtliche Mitwirkenden von Schauspielern verkörpert. Sie haben vorab genaue Figurenprofile erhalten und mussten während der Vernehmungen im Rahmen ihrer Rolle improvisieren. Die Darbietungen erinnern gelegentlich an eins jener Laienspiele, mit denen zahlende Gäste bei sogenannten Krimi-Dinnern unterhalten werden. Zudem sind für die weiblichen Rollen nur Schauspielerinnen engagiert worden, die einen gewissen Namen haben oder zumindest gesichtsbekannt sind: Maria Bachmann als Senderchefin, Sina-Valeska Jung als Mordopfer sowie Nova Meierhenrich als ihre Kollegin, die erfahrene Couch-Kriminalisten recht früh zur Hauptverdächtigen küren werden.

Ihm läuft die Zeit davon 

Die rothaarige Konkurrentin hat ihr das Format weggeschnappt und ist ohnehin ein Biest. Honecker kommt zu einem ähnlichen Schluss, weshalb er am ersten Abend keck verkündet, am nächsten Morgen sei der Fall gelöst. Als sich rausstellt, dass zwei Täter am Werk waren, läuft ihm jedoch die Zeit davon. Zum Konzept der netto neunzig Minuten langen Sendung gehören regelmäßige Unterbrechungen, weil Honecker seine Ermittlungen erklärt oder den Fall auf einer Meta-Ebene kommentiert („Ich glaube, hier wollen die Autoren mich auf eine falsche Fährte locken“). Der Erkenntnisgewinn ist allerdings überschaubar, weil er oft bloß zusammenfasst, was man gerade noch mit eigenen Ohren gehört hat.; in die Karten lässt er sich ohnehin nicht schauen.

Für etwaige Fortsetzungen wäre es vielleicht interessanter, einen weiteren Kriminalisten hinzuziehen, der die Ermittlungen aus fachlicher Sicht analysiert.


Das Krimi-Duell, 1. August 2018 um 20:15 Uhr in Sat1

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