Heute Abend im ARD-Programm „Die Musik stirbt zuletzt“ - so einen Tatort gab's noch nie

Von Joachim Schmitz

Die Nerven liegen blank: Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ermitteln nach einem Giftanschlag im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL). Foto: SRF/HugofilmDie Nerven liegen blank: Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ermitteln nach einem Giftanschlag im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL). Foto: SRF/Hugofilm

Osnabrück. Heute Abend endet die Tatort-Sommerpause – zumindest vorläufig. Fast schon traditionsgemäß zeigt das Erste eine Folge aus der Schweiz. Und ein echtes Novum: „Die Musik stirbt zuletzt“ ist der erste Echtzeit-Tatort, aufgenommen in einer einzigen Kameraeinstellung. Ein gelungenes Experiment, wie auch Hauptdarsteller Stefan Gubser findet.

Am Anfang wird Verblüffung sein. Zumindest bei denjenigen Zuschauern, die einfach mal so den Fernseher einschalten, um zu sehen, was denn für ein Tatort läuft. Denn dieser Krimi hat zunächst mal gar nichts von einem „normalen“ Tatort. Da zwängt sich ein ziemlich überdrehter junger Mann durch Menschen in feinem Zwirn ins Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL). Er schnauzt das Einlasspersonal an, wedelt mit seinem VIP-Ausweis, versprüht dabei eine ordentliche Portion Arroganz und redet dauernd mit uns, dem Fernsehpublikum.

Die Kamera hat sich an die Fersen des Sonderlings geheftet, scheint geradezu an ihm zu kleben. Genau das ist das prägende Merkmal dieses Films von Dani Levy (Buch und Regie), der sich damit einen Traum erfüllt: „Die Musik stirbt zuletzt“ ist ein sogenannter „One-Shot“, der erste Tatort in einer einzigen Kameraeinstellung, ohne jeden Schnitt. Wie Sebastian Schippers „Victoria“, der 2015 auf der Berlinale für Aufsehen sorgte.  


Milliardär, Mäzen, "Judenretter": Walter Loving (Hans Hollmann) begrüsst die VIP-Gäste zum Benefizkonzert. Im Bildhintergrund: Die Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder), der Dirigent Gidon Winternitz (Gottfried Breitfuss) und die Konzertorganisatorin Silvia Bosshardt (Heidi Maria Glössner). Foto: SRF/Hugofilm


Es ist ein ganz besonderes Benefiz-Konzert, das an diesem Abend im KKL stattfindet. Der betagte Milliardär, Mäzen und „Judenretter“ Walter Loving (Hans Hollmann) lässt das argentinische „Jewish Chamber Orchestra“ Musik von Komponisten spielen, die während der Nazidiktatur ermordet wurden. Obwohl die Karten 10.000 Franken kosteten, ist das KKL ausverkauft.

Doch nur oberflächlich ist alles gut an diesem Abend. Das KKL erweist sich zunehmend als Käfig voller Narren. Der sonderbare Conférencier, der das TV-Publikum quasi an die Hand nimmt, ist der ziemlich durchgeknallte Sohn von Milliardär Loving. Der wiederum macht in Gegenwart seiner Ehefrau der Chefjuristin seines Imperiums einen Heiratsantrag. Die Pianistin Miriam Goldstein erhält kurz vor Konzertbeginn per SMS eine Morddrohung und ihr Bruder, der Klarinettist Vincent Goldstein, schleppt sich kurz darauf röchelnd von der Bühne, weil sein Instrument offenbar mit einem Kontaktgift behandelt worden war.  


Die Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder, links) wird von Justiziarin Jelena Princip (Uygar Tamer) unter Druck gesetzt. Foto: SRF/Hugofilm


„Nicht aufgeben,“ sind seine letzten Worte vor dem Abtransport. Und tatsächlich hat sich das Orchester für diesen Abend etwas ganz Besonderes vorgenommen: Es will den Scheinwerfer quasi drehen und eine dunkle Seite im Leben des Mäzens ausleuchten.

Hautnah dran ist immer Filip Zumbrunn mit seiner Handkamera – im Backstage-Bereich des KKL, auf der Bühne, im Fahrstuhl, im Zuschauerraum, auf der Seeterrasse, in einem Auto und im Zürcher Bahnhof. Alles ohne Schnitt. Dem Film geben er und Regisseur Dani Levy dadurch eine enorme Dynamik, der Handlung viel Spannung. Nach diversen Proben wurde „Die Musik stirbt zuletzt“ an vier Abenden wie ein Theaterstück durchgespielt – mit Hunderten von Statisten, die vor allem als Konzertbesucher zu sehen sind.  


Die Ruhe vor dem Sturm: Noch lauschen die Gäste gebannt dem Konzert. V.r: Alice Loving-Orelli (Sibylle Canonica), Franky Loving (Andri Schenardi), Walter Loving (Hans Hollmann), Elena Princip (Uygar Tamer). Foto: SRF/Hugofilm


Kameramann Zumbrunn, der sich mit einem speziellen Training auf seinen Job vorbereitet hatte, sei der eigentliche Star dieses Films, sagt Stefan Gubser als Hauptdarsteller des Kommissars Reto Flückiger, im Gespräch mit unserer Redaktion. Nicht ohne darauf hinzuweisen, „dass da unzählige Leute eine tolle präzise Arbeit geleistet haben“. Zumbrunn aber habe schon bei den Proben nach wenigen Tagen fast eine Sehnenscheidenentzündung gehabt und sich dann mit einer Apparatur Marke Eigenbau selbst geholfen.

Für ihn als Schauspieler sei dieser Dreh „ein absolut geniales Erlebnis“ gewesen, schwärmt Gubser: „Wir hatten so viel Spaß beim Proben und Drehen wie selten und konnten endlich mal unseren Part chronologisch durchspielen und drehen.“ Das sei für ihn „ein Traum“ gewesen: „Wenn es möglich wäre, würde ich am liebsten immer so drehen, aber das geht natürlich nicht.“  


Kommissarin Ritschard (Delia Mayer) ist fassungslos: Ein Giftanschlag im KKL und ihr Kollege Flückiger ist nicht erreichbar. Foto: SRF/Hugofilm


Im Gegensatz zu seiner Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer), die durch ihre Bekanntschaft mit dem Dirigenten eine Karte ergattern konnte, taucht Reto Flückiger erst nach geschlagenen 35 Minuten zum ersten Mal auf – im Outfit eines Fußballfans, der gerade aus dem Stadion herbeitelefoniert wurde: „Das war eine Hommage an den FC Luzern und ihren damaligen Trainer Markus Babbel, den ich persönlich kenne,“ berichtet Flückiger-Darsteller Stefan Gubser.

Optisch ist er damit ein ähnlich starker Kontrast zur feinen Gesellschaft im KKL wie dieser Krimi sich ästhetisch von anderen Tatort-Folgen abhebt. Ein ebenso unerwartetes wie gelungenes Experiment, das wir zuallererst Regisseur Dani Levy, Kameramann Filip Zumbrunn und dem wunderbaren Hans Hollmann als Darsteller des Mäzens Walter Loving verdanken.


Tragische Liebe: Elena Princip (Uygar Tamer) und Franky Loving (Andri Schenardi). Foto: SRF/Hugofilm


Tatort: Die Musik stirbt zuletzt. Das Erste, Sonntag, 5. August 2018, 20.15 Uhr.

Wertung: 6 von 6 Sternen


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