Heute Abend im ARD-Programm „Im Schmerz geboren“ - Der beste Tatort des Jahrzehnts?

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Einst Freunde, jetzt Gegenspieler: Richard Harloff (Ulrich Matthes, links) und Felix Murot (Ulrich Tukur). Foto: HR/Philip SichlerEinst Freunde, jetzt Gegenspieler: Richard Harloff (Ulrich Matthes, links) und Felix Murot (Ulrich Tukur). Foto: HR/Philip Sichler

Osnabrück. Wenn man den Tatort nach Preisen misst, dann war „Im Schmerz geboren“ (2014) mit Ulrich Tukur und Ulrich Matthes der beste der letzten Jahre. Heute Abend wird er im ARD-Programm noch einmal wiederholt.

Die Quote bei der Erstausstrahlung am 12. Oktober 2014 lag mit 9,29 Millionen Zuschauern zwar nur im durchschnittlichen Bereich, doch die Kritiken waren quer durch die deutsche Medienlandschaft begeistert. Und im darauffolgenden Jahr gab’s nicht nur den Grimme-Preis für „Im Schmerz geboren“, sondern auch eine Goldene Kamera für den besten deutschen Fernsehfilm und eine weitere für Ulrich Matthes als besten Schauspieler national.

Zur Ausstrahlung hieß es damals in unserer Kritik: „Während die Quotenkönige aus Münster mit ihren Klamauk-Krimis so viele Menschen begeistern wie sonst nur noch Jogis Jungs, lässt es Til Schweiger krachen wie in einem amerikanischen Actionthriller. Aber einen Film wie an diesem Sonntag hat die ARD zu dieser Sendezeit ihrem Publikum noch nie vorgesetzt. „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur als Kommissar Felix Murot ist einfach… irre!“  


Donny (Alexander Scheer, links), Alexander Bosco (Alexander Held, Mitte) und Richard Harloff (Ulrich Matthes). Foto: HR/Philip Sichler


Trifft Shakespeare da auf Tarantino? Wird ein Theaterstück als Western inszeniert? Drehen die Coen-Brothers plötzlich „Tatort“? Ist das ein Märchen oder eine blutige Persiflage? Warum werden wir als Zuschauer direkt angesprochen? Und was soll die klassische Musik? Haben wir am Ende alles nur geträumt und gar nicht im Fernsehen gesehen? Nach diesem Film keimen Fragen auf, die sich nicht im Entferntesten stellen würden, wenn Ballauf und Schenk das finale Kölsch gezischt haben. Aber erst einmal zum Anfang…

Das erste Bild führt ins Bolivien des Jahres 1982 – zu einem Mann, der sein Gewehr keuchend auf ein unbekanntes Opfer richtet und nicht abdrücken kann. Das zweite zeigt uns den Schauspieler Alexander Held mit einem im Dschungel vorgetragenen Shakespeare-Monolog, der sich an uns als Publikum wendet: „Kein Blut, nichts ist real. Alles Trug, alles Illusion.“ Und schließlich sehen wir eine Szene, die den Zuschauer in Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ zurückkatapultiert: Drei Männer warten auf einem einsamen Bahnhof auf den Zug, der ihnen ihr Opfer vor die Pistolenläufe bringen soll.  


Starke Figur: Richard Harloff (Ulrich Matthes). Foto: HR/Philip Sichler


Der Mann im weißen Anzug steigt aus, stellt seinen Koffer ab, durchbohrt die Killer mit seinem Blick – während erstmals das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks (hr) diesem „Tatort“ seinen ungewohnten Soundtrack gibt. Drei Schüsse aus dem Nichts blasen den Killern die Lichter aus, der Mann im weißen Anzug bleibt: Richard Harloff, dargestellt vom großartigen Theaterstar Ulrich Matthes, ist wahnsinnig – und er hat es auf Murot abgesehen.  (Hier gibt es ein ausführliches Interview mit Ulrich Matthes)

Dafür ist er aus Bolivien nach Deutschland zurückgekehrt – nach über 30 Jahren. Damals, auf der Polizeischule, war er der beste Freund Murots, man teilte sich sogar die große Liebe – wie im gemeinsamen Lieblingsfilm, Truffauts „Jules und Jim“. Doch dann wurde Harloff wegen einer Drogengeschichte aus dem Polizeidienst suspendiert, wanderte aus nach Bolivien, stieg zum Koksbaron auf und sinnt nun nach Rache – doch warum nur, und weshalb erst jetzt?  


Felix Murot (Ulrich Tukur) und seine Mitarbeiterin Magda Wächter (Barbara Philipp). Foto: HR/Philip Sichler


Wer bis dahin mit diesem Film nichts anfangen kann, sollte um- oder ausschalten. Denn ein normaler „Tatort“ wird daraus nicht mehr. Regisseur Florian Schwarz und Drehbuchautor Michael Proehl gebärden sich vielmehr wie verspielte Filmfreaks. Sie verwenden jede Menge Zitate aus der Kinogeschichte – wie eingefärbte Freeze Frames, bei denen das Bild stehen bleibt und die darin eingefrorene Person koloriert wird. Das gab’s mal in Action- und Kung-Fu-Streifen der 70er-Jahre und auch bei Tarantino. Sie lassen das Sinfonieorchester etliche dramatisch-klassische Musikakzente setzen, Shakespeare mehrfach wiederaufleben, einen Erzähler aus dem Off berichten.

Und sie haben offensichtlich reichlich Spaß daran, ihre Geschichte eskalieren und vollkommen aus dem Ruder laufen zu lassen. Es gibt so viele Tote, dass der Boulevard damals den „Leichenrekord“ feierte und Otto Normalzuschauer mit dem Zählen nicht mehr mitkam. Von 47 Toten war immer die Rede, François Werner vom renommierten Internetportal tatort-fundus kam sogar auf 51. Umso erstaunlicher, dass der Film nicht wirklich grausam oder gar blutrünstig wirkt – Schwarz und Proehl haben ihn viel zu weit der Wirklichkeit entrückt, um zu entsetzen. Zuweilen könnte man gar denken, es gehe ihnen hier um „schöner sterben“.  


Ein Gläachen auf alte Zeiten: Richard Harloff (Ulrich Matthes, links) und Felix Murot (Ulrich Tukur). Foto: HR/Philip Sichler


Regisseur Schwarz und Drehbuchautor Proehl arbeiten nicht zum ersten Mal zusammen. Gemeinsam haben sie die hervorragenden „Tatort“-Folgen „Waffenschwestern“ und „Weil sie böse sind“ mit den Ermittlern Dellwo (Jörg Schüttauf) und Sänger (Andrea Sawatzki) geschaffen, Proehl zudem das Buch für den nicht minder guten „Borowski und der coole Hund“ geschrieben. Auch der erste Fall des neuen Frankfurter „Tatort“-Teams Margarita Broich und Wolfram Koch war ein Gemeinschaftswerk dieses außergewöhnlichen und risikofreudigen Duos.  


Showdown mit Felix Murot (Ulrich Tukur). Foto: HR/Philip Sichler


Für François Werner von tatort-fundus war „Im Schmerz geboren“ das „unbestrittene Tatort-Highlight des Jahres 2014“, wie er damals im Gespräch mit unserer Zeitung schwärmte: „Dieser Tatort bricht mit den herkömmlichen Krimi-Sehgewohnheiten – viele Zuschauer wird er wohl eher verstimmen. Ich vermute mal, er ist nicht wirklich mehrheitsfähig, was ich schade fände. Zu ungewöhnlich, zu experimentell und einfach zu anders.“

Fest steht: Dieser Film ist ein Ereignis. Und längst preisgekrönt.


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