Bühnenprogramm "Nanette" Comedian Hannah Gadsby sorgt auf Netflix für Furore

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Die australische Komikerin Hannah Gadsby stellt die Comedy-Szene mir ihrer Show "Nanette" derzeit auf den Kopf. Foto: Netflix/Ben KingDie australische Komikerin Hannah Gadsby stellt die Comedy-Szene mir ihrer Show "Nanette" derzeit auf den Kopf. Foto: Netflix/Ben King

Osnabrück. Die australische Komikerin Hannah Gadsby ist derzeit in aller Munde. Mit ihrer Show "Nanette" stellt sie die Comedy-Szene auf den Kopf und sorgt auf der Streamingplattform "Netflix" für Furore. Die 40-Jährige will wachrütteln und hinterfragt dabei die Grundzüge der Unterhaltung.

Hannah Gadsby ist 17, als sie auf offener Straße mit ihrer Homosexualität konfrontiert wird. An einer Bushaltestelle wird sie von einem Mann fast verprügelt, weil er dachte, sie würde seine Freundin anbaggern. Doch als der Mann erfährt, dass Hannah gar kein Kerl ist, lässt er von ihr ab. "Tut mir leid. Ich schlage keine Frauen. Ich dachte du wärst eine Schwuchtel, die meine Freundin anmacht", erzählt Gadsby in ihrer Show. Sie hat die Lacher auf ihrer Seite – traurig aber wahr. 


Ihr Auftritt beginnt, wie man es von einer Comedian erwarten darf: Witze, Gags, skurrile Geschichten und jede Menge Pointen. Die eigene Vergangenheit füllt seit Jahren das Programm: Ihr Coming-Out und die Reaktionen ihrer Mutter, die von "Oh Hannah" bis "Wieso musstest du mir das sagen? Sowas muss ich nicht wissen" reichen, oder ihre Jugend in einem kleinen Dorf in Tasmanien, einem vom Festland getrennten Bundesstaat vor den Toren Australiens, wo Homosexualität bis 1997 verboten war. Nichts ist der Komikerin zu schade, um das Publikum zu unterhalten, auch auf eigene Kosten. Die Bühne scheint dabei der einzige Ausweg, um die Vergangenheit zu verarbeiten.


Geschichten zu Ende erzählen

Doch Gadsby hat auf diese Art der Unterhaltung keine Lust mehr. Sie will aufhören mit selbstironischen Gags, frauenfeindlichen Parolen und halbgaren Geschichten. Die Australierin stellt die Stand-up-Comedy in ihrer Show gänzlich infrage. Sie glaube nicht mehr daran, dass Humor die beste Medizin sei, um mit einschneidenden Erlebnissen klar zu kommen. "Bei einer Comedyshow gibt es zu wenig Zeit für den besten Teil, den Schluss. Witze benötigten lediglich zwei Teile, Anfang und Mitte. Geschichten hingegen drei, Anfang, Mitte und Ende", sagt die 40-Jährige.

Und so wandelt sich die Comedyshow schlagartig in eine der bizarrsten und für den Zuschauer wohl ungewohntesten Situationen, die man auf der Bühne erleben kann. Denn Gadsby will ihre Geschichte endlich richtig erzählen oder besser gesagt zu Ende erzählen: Sie geht zurück an den Anfang und widmet sich der Szene an der Bushaltestelle. Der Mann, der eigentlich von ihr abließ, kehrte an den Ort des Geschehens zurück. "Ich hab's kapiert. Du bist ein weiblicher Homo. Ich darf dir die Scheiße aus dem Leib prügeln", zitiert Gadsby den Mann. Und das tat er. Doch statt sich bei der Polizei zu melden oder ins Krankenhaus zu fahren schwieg sie. Sie hätte es verdient, sagte sie sich immer wieder selbst, in ihrem Verständnis "fehlerhaft weiblich" zu sein. "Wäre ich feminin, wäre das nicht passiert", so Gadsby.


Rundumschlag gegen die Comedy-Szene

Für die Autralierin ist die Aufarbeitung dieser Geschichte der Startschuss für ein Plädoyer der besonderen Art. Denn immer wieder hadert sie mit der Comedy-Szene und den Vorurteilen alljener, die sich auf Kosten anderer amüsieren. Sie spricht über Gewalt, die sie selbst als Kind erfahren habe oder darüber, wie sie als junge Frau von zwei Männern vergewaltigt wurde. Gadsby schafft dabei eine Verbindung zu aktuellen Themen wie der #MeToo-Debatte, dem Machtmissbrauch weißer Männer, Sexismus und Homophobie. 

Es ist ein denkwürdiger Auftritt der 40-Jährigen, die mit ihrem Programm anderthalb Jahre durch Australien, Großbritannien und die USA tourte. Für ihre Show braucht sie dabei nicht viel: Ein Hocker, ein Wasserglas und ein Mikrofonständer genügen. Keine aufwendigen Kulissen oder Showeinlagen. Nur schwarzer Hintergrund und das Licht der Schweinwerfer. Es ist eine One-Woman-Show der Australierin, die fast aufgelöst die Bühne verlässt – mit minutenlangem Beifall und Standing Ovations.


Breite Zustimmung im Netz

Ihre Show löst in den sozialen Medien breite Zustimmung aus. Dabei überwiegt vor allem die Faszination für die ehrlichen und aufrichtigen Worte Gadsbys, die mit ihrem Programm die Comedy-Szene wachrüttelt. Nahezu paralysiert schwärmen Kritiker, Follower und Zuschauer von der Einzigartigkeit der Show. Von Gefühlschaos und witzig, über demütig und nachdenklich bis hin zu traurig und völlig aufgelöst ist dort die Rede. Wir haben einige der Reaktionen zusammengetragen:









"Nanette"

"Nanette": Netflix-Show, 2018, 69 Minuten.

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