Schauspielerin im Interview Jutta Speidel: Deshalb kämpfe ich für obdachlose Mütter und Kinder

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Sie ist eine der beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands, doch das ist nur die eine Seite ihres Lebens: Seit über 20 Jahren engagiert sich Jutta Speidel auf geradezu unglaubliche Art und Weise für obdachlose Frauen und deren Kinder. Gerade hat sie in München das zweite sogenannte Horizont-Haus eröffnet, in dem diesen Menschen die Rückkehr in die Gesellschaft ermöglicht wird. Im noch unfertigen Restaurant des Hauses erzählt die 64-Jährige vom Himmelbett ihrer Kindheit, verwöhnten Hunden und den Menschen, für die sie kämpft:

Frau Speidel, Ihr Vater war Patentanwalt. Fanden Sie das als Kind spannend?

Ja, und wie. Als ich klein war, bin ich mit dem Papi ganz oft mit der Straßenbahn ins Patentamt gefahren. Da gab’s eine Frau, die ich Tante Inge nannte, und die hatte mir immer schon in der sogenannten Auslegehalle etwas Tolles rausgesucht. Ich saß dann auf so einem Tresen, umringt von Patenten, und wenn mir eins besonders gefiel, dann hat sie es mir kopiert, damit ich es mit nach Hause nehmen kann. Ich hatte damals ein Himmelbett, und dessen Wände waren gepflastert mit Patenten.

Aber Patente sind doch nur Schriftstücke, oder?

Ja, das sind Schriftstücke, aber mit Zeichnungen. Und die fand ich ganz toll. Besonders lange hatte ich in meinem Himmelbett ein Patent aus dem 18. Jahrhundert, da ging’s ums Bierbrauen. Es musste mir vorgelesen werden, weil es auf Altdeutsch war, und einen Satz aus diesem Patent habe ich bis heute noch im Ohr: „Von morgen a darf nemmend mehr in de Bach scheiße, weil der löbliche Magistrat übermorgen Bier braue tut.“ Sehr gut gefallen hat mir auch eine Stuhlgangerleichterungsmaschine. Das war eine Toilette, auf der man unten seine Füße abstützen konnte (lacht).

Bis zur Erfindung der Schauspielerin Jutta Speidel hat’s damals ja auch nicht mehr lange gedauert…

Meine Eltern haben mich mit vier Jahren ins Ballett gesteckt, obwohl ich sehr unbegabt war und X-Beine hatte. Ich sollte die Haltung meiner Beine verbessern und eine etwas grazilere Gangart bekommen. Dann kam die erste Aufführung, fast alle durften Tutus tragen, aber ich war in einer Gruppe, die nur eine Polonaise tanzen durfte und Dirndl tragen musste. Ich hab deshalb furchtbar geweint – und um mich zu trösten, hat meine Mutter an mein Unterhöschen ganz viele Spitzen angenäht, damit es aussieht, als würde ich eine Tutu-Unterhose tragen. Hinterher hat sie gesagt, ich hätte nur mit dem Popo ins Publikum getanzt, um ihm meine Rüschen zu zeigen. Spätestens da war klar: Ich wollte unbedingt auf die Bühne.

Sie haben dann schon als Schülerin Filme wie „Pepe, der Paukerschreck“ und „Hurra, die Schule brennt“ gedreht.

Ja, bei Pepe war ich als Statistin dabei. Und weil ich damals schon ein kleiner Schlaumeier war, habe ich mich so lange umgesetzt in dieser Schule, bis ich hinter Hansi Kraus saß. Den habe ich erstens verehrt, und zweitens wusste ich: Wenn ich hinter dem sitze, dann bin ich immer im Bild. Und genauso war’s auch.

Auch wenn der Begriff Superstar damals noch nicht so inflationär verwendet wurde wie heute, waren Leute wie Theo Lingen oder Peter Alexander schon ziemlich hohe Hausnummern. Wie sind die einer Schülerin wie Ihnen begegnet?

Ich glaube, die haben mich gar nicht gesehen. Aber ich habe sie natürlich voller Ehrfurcht bewundert. Ich war ja so erzogen worden, dass man vor älteren Herrschaften einen Respekt hat und sich ihnen gegenüber anständig benimmt. Und ich habe genau geguckt, was die machen, und dann versucht, sie darauf aufmerksam zu machen, wie ich spiele. Aber ich fürchte, das ist mir nicht gelungen (lacht).

Haben Sie es jemals bereut, das Gymnasium vor dem Abi verlassen zu haben?

Ich hab schon manchmal gedacht, dass ich dieses Studentenleben ganz gern erlebt und Theaterwissenschaft oder so etwas studiert hätte. Ich hab’s auch mal als Gaststudentin versucht, aber dabei festgestellt, dass ich kein Theoretiker, sondern ein Praktiker bin.

Vieles können Sie im Leben ja nicht falsch gemacht haben, sonst würden Sie heute nicht sagen, dass Sie im nächsten Leben gern der Liebhaber oder aber der Hund von Jutta Speidel wären.

(lacht) Ich würde mich sogar für den Hund entscheiden. Bei dem ist die Frau Speidel toleranter.

Wie äußert sich das?

Es gibt immer leckeres Essen, es ist für alles gesorgt, das Bettchen ist immer frisch bezogen.

Schläft der Hund bei Ihnen im Bett?

Nein, der hat ein Körbchen. Er wird massiert, gestriegelt und auch mal zum Friseur begleitet – wobei: Das kann man natürlich auch als Mann haben. Ich bin eben eine Kümmerin.

Sind Sie auch streng mit dem Hund?

Konsequent, wobei meine Tochter sagen würde: Mama, du bist der inkonsequenteste Mensch, den es überhaupt gibt. Aber wenn ich zu dem Hund „Platz“ sage, dann erwarte ich auch, dass er Platz macht. Mein Hund Gino, der mich auch zu Theaterproben begleitet hat und im letzten November gestorben ist, hörte zum Beispiel auf den Satz „Nein, du spielst nicht mit“. Wenn ich das gesagt habe, hat er sich hingelegt (lacht).

Wie streng sind Sie denn zum Beispiel beim Bau dieses Hauses gewesen?

Ich bin nicht streng, aber sehr diszipliniert. Hier muss man schon klare Ansagen machen. Und trotzdem machen einige Handwerker, was sie wollen.

Was ist so richtig schiefgelaufen?

Dass wir bei den Fenstermaßen einen Zahlendreher drin hatten. Der Typ von der Firma, die im gesamten Haus die Fenster eingebaut hat, hatte wahrscheinlich ein Bier zu viel getrunken und die Fenster dann statt in 2,36 Meter in 2,63 geliefert. Das war im Oktober, das Haus war eingerüstet, dann kam der erste Schnee, die Fenster wurden verklebt, und wir haben den ganzen Winter durch voll geheizt, weil drinnen alles austrocknen musste. Dadurch hatten wir natürlich exorbitante Heizkosten.

Großartig. Für wen genau haben Sie dieses zweite Horizont-Haus gebaut?

Im ersten Haus vergeben wir die Wohnungen zeitlich begrenzt, hier sind sie dauerhaft. Es ist sozialer Wohnungsbau mit einer bezahlbaren Miete, und es sind 14 Familien von Haus eins ins Haus zwei gezogen. Mit ihnen ist ausgemacht: Ihr seid reif, um ein selbstständiges Leben zu führen. Darüber haben sie sich wahnsinnig gefreut – jetzt werden wir sehen, ob sie es auch wirklich schaffen.

Und Sie unterstützen die Menschen dabei?

Ja, sie haben die Möglichkeit, im Restaurant, bei der Kulturbühne oder auch im Kindergarten kleine Praktika zu machen, um zu sehen, worauf sie Lust haben. Wir haben einen Schulungsraum, in dem wir Sprach- und Computerkurse, Fortbildungen, Bewerbungstraining und alles Mögliche anbieten können. Und wir werden sie auch auffordern, diese Angebote anzunehmen. Dann können wir zusammen mit dem Arbeitsamt versuchen, eine Lehrstelle zu finden. Selbst ausbilden können wir hier nicht.

Wie ist das Profil der Bewohner? Welche Menschen leben hier?

Wir haben hier eine Art Mischgesellschaft. Es gibt 48 Wohnungen, von denen 16 uns gehören, die restlichen 32 gehören der Wohnungsbaugesellschaft. Unsere Frauen sind im ganzen Haus verteilt und können hier in allen Bereichen ein normales Leben führen. Haus eins ist ein Schutzraum, weil viele der Frauen auch mit Gewalterfahrungen zu uns kommen. Hier sind sie nicht mehr geschützt, hier kann man rein- und rausgehen. Und wer einen Partner hat, kann auch mit Partner hier wohnen.

Ihr Engagement für obdachlose Frauen und deren Kinder ist ja ein anderes als das derjenigen Promis, die mal für einen guten Zweck ihren Namen hergeben und einen Fototermin absolvieren. Sie machen das seit über 20 Jahren – was war die Initialzündung?

Vor 24, 25 Jahren, als es schick wurde, dass man als Schauspieler für Unicef oder so eingesetzt wurde, habe ich mir gedacht: Ich kenne niemanden von den Menschen, für die ich Geld sammle, die sind alle im Ausland. Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass es unglaublich viel Elend gibt, auch bei uns und gerade nach dem Mauerfall. Ich bin dann durch puren Zufall auf Obdachlosigkeit in München gestoßen.

Was war das für ein Zufall?

Wir haben damals in der Akademiestraße in Schwabing gedreht, und unser Schminkmobil blieb frühmorgens irgendwo auf der Strecke liegen. Unser Aufnahmeleiter hat dann bei einer Pension geklingelt und gefragt, ob’s da ein Zimmer gibt, in dem wir geschminkt werden können. Das gab’s. Wir sind reingegangen, und ich dachte gleich: Was ist das denn? Ist ja grauenhaft. Es war eine Obdachlosenpension, in der obdachlose Kinder zwischen Pennern und abgerissenen Personen hausten. Da habe ich gedacht: Das geht überhaupt nicht. So etwas kann man weder in Hamburg, Berlin, München oder einer anderen deutschen Stadt akzeptieren.

München gilt ja gemeinhin als die Stadt der Schönen und Reichen.

Gerade deshalb ist dieses Projekt für München so wahnsinnig wichtig. Die Anerkennung ist mittlerweile groß, nachdem am Anfang wohl alle dachten: Ach, die kleine Schauspielerin, das schafft die ja eh nicht.

Was macht Frauen und damit auch ihre Kinder hier obdachlos?

Zu 98 Prozent Gewalt, begleitet von Armut. Es gibt aber auch ganz viele, die trotz allem in der Situation bleiben und sich regelmäßig zusammenschlagen lassen. Die Kinder genauso, die kriegen das ja mit, die sind alle traumatisiert. Und am Ende machen sie es auch so.

Sie haben auch dieses zweite Horizont-Haus komplett aus Spendengeldern finanziert.

Und mit Fördermitteln. Wir haben Wohnungsbauförderung bekommen, die Landesbaustiftung ist mit dabei, Sternstunden, die RTL-Stiftung, Ein Herz für Kinder – das sind große Geldgeber.

Wie haben Sie den Rest aufgetrieben?

Wir sind richtig gut in Fundraising und Marketing. Das habe ich auch gelernt.

Haben Sie eine besondere Technik, Spenden zu sammeln?

Ich glaube, dass ich sehr nachhaltig bin. Vor allem lade ich die Leute ein und sage: Schaut’s euch an, ich will euch überzeugen. Bis ihr gar nicht mehr drum herum kommt zu sagen, jetzt bleiben wir bei der Stange. Wenn ein Spender wirklich Interesse an uns zeigt, dann wird er auch gepflegt.

Es gibt ja sogar Menschen, die ihr gesamtes Vermögen Ihrer Stiftung vererbt haben.

Ob es das ganze Vermögen war, weiß ich nicht, aber Teile davon, das hat es schon gegeben. Beim ersten Haus hatten wir zwei private große Spender, die sagten: Ich hab genug, mehr brauch ich nicht mehr in meinem Alter. Ich empfinde dieses sogenannte Vererben mit warmen Händen als wahnsinnig schöne Sache. Eine Frau, die für dieses zweite Haus viel Geld gegeben hat, kommt uns nächste Woche besuchen und freut sich schon irrsinnig. Sie ist fast 90, wir holen sie vom Flughafen ab, zeigen ihr alles, und sie ist gespannt wie ein Flitzebogen.

Ist dieses Haus und das ganze Projekt auch der Grund dafür, dass man Sie zuletzt doch recht selten im Fernsehen gesehen hat?

War das so selten? Am 22. Dezember wird der Film „Wir sind doch Schwestern“ nach dem Buch von Anne Gesthuysen ausgestrahlt, der hat zwei Jahre darauf warten müssen. Dann habe ich einen Kinofilm gedreht, der lief auf zwei Festivals, aber noch nicht im Kino. Ich hab Theater gespielt, ein Solo mit 160 Vorstellungen über drei Jahre verteilt, das war sehr zeitaufwendig. Im letzten Winter habe ich noch ein anderes Stück gespielt, und jetzt habe ich wieder Proben für ein Stück, mit dem wir im Oktober auf Deutschland-Tournee gehen.

Das klingt nach einem vollen Kalender.

Ich hab auch ’ne Menge abgesagt, aus verschiedenen Gründen. Horizont ist ein Fulltime-Job, aber es gab auch kaum Projekte, die mir zugesagt hätten. Nächsten Montag fange ich allerdings wieder an zu drehen – mit Uschi Glas und Hannelore Elsner als Dreier-Gespann, der Film heißt „Club der einsamen Herzen“.

Wird es irgendwann ein drittes Horizont-Haus geben?

Gut möglich. Wir haben einen Grund geerbt und im Testament steht, die Erblasserin erwartet, dass wir Wohnraum für Kinder und Mütter schaffen. Und wenn man ein Erbe annimmt, hat man auch eine Verpflichtung. Auf dem Grund steht ein Haus, darin wohnen jetzt Bedürftige, aber es ist in einem Zustand, in dem wir es nicht stehen lassen können. Dafür werden wir wiederum mindestens vier bis fünf Millionen Euro sammeln müssen, deshalb ist daran im Moment nicht zu denken. Wenn es hier erst mal läuft, können wir im nächsten Jahr anfangen, über eine Konzeption für ein Haus drei nachzudenken.

Wie geht’s insgesamt mit Horizont weiter? Sie sind keine 40 mehr.

Wir sind im Vorstand etwa alle gleich alt. Alle können sich irgendwann ausklinken – bis auf mich. Ich bin das Gesicht von Horizont und werde es, solange ich lebe, auch bleiben. Wir haben jetzt schon 40 Angestellte, und wir wollen gerne aus dem Team heraus im Laufe der Zeit eine Führungsgruppe bilden. Nichtsdestotrotz: Das Gesicht bleibe ich.

Infos unter http://www.horizont-muenchen.org/

Jutta Speidel

wird am 26. März 1954 in Münchengeboren und zeigt schon als Kind einen ausgeprägten Hang zur Schauspielerei. Nach mehreren unfreiwilligen Schulwechseln verlässt sie das Gymnasium vorzeitig und erhält als 15-Jährige eine Komparsinnenrolle in der Paukerklamotte „Pepe, der Paukerschreck“, der bald Auftritte in „Hurra, die Schule brennt“ und „Schulmädchen-Report“ folgen.

Von 1972 bis 1976 besucht sie eine private Schauspielschule, spielt viel Theater und schafft den TV-Durchbruch 1975 in Rainer Erlers Thriller „Die letzten Ferien“. Ihre zweite Zusammenarbeit mit Erler ist der Organhandelthriller „Fleisch“. Etliche Serienrollen machen sie zu einer der beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands – unter anderem in „Drei sind einer zu viel“, „Alle meine Töchter“ und als Schwester Lotte im ARD-Dauerbrenner „Um Himmels Willen“, den sie 2006 wieder verlässt.

Schon 1997 gründet Jutta Speidel in München den gemeinnützigen Verein „Horizont e.V.“, der sich die Betreuung von obdachlosen Müttern und ihren Kindern zur Aufgabe macht. 2005 wird das erste Horizont-Haus eröffnet, das Müttern und Kindern ein sicheres Zuhause und ganzheitliche Betreuung auf Zeit sichert. Im selben Jahr erhält sie das Bundesverdienstkreuz. Seit Juni 2018 hat nun das zweite Horizont-Haus (Bild) mit 48 Wohnungen, Kinderkrippe und -garten, Kulturbühne, Kinder- und Jugendwerkstätten, Restaurant und einem Erlebnisgarten im Münchner Norden seine Pforten geöffnet.

Von 1977 bis 1982 ist Speidel mit ihrem Kollegen Herbert Herrmann zusammen, 1985 heiratet sie den Kaufmann Stefan Feuerstein, die Ehe hält bis Mitte der Neunziger, ihr entstammt die jüngere ihrer beiden Töchter. Von 2003 bis 2013 ist sie mit ihrem italienischen Kollegen Bruno Maccallini liiert. Jutta Speidel lebt in München.


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