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TV-Programm heute Abend Starke TV-Dokumentation über junge Intensivtäter auf ZDFinfo

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Gerade mal 19 und schon ein „Knacki“: Ali hat drei Jahre seines Lebens in Jugendhaft verbracht. Seit seiner Entlassung hängt er in der Luft, weil er die Aufenntahlts- und Arbeitserlaubnis verloren hat. Foto: ZDF/Andrzej KrólGerade mal 19 und schon ein „Knacki“: Ali hat drei Jahre seines Lebens in Jugendhaft verbracht. Seit seiner Entlassung hängt er in der Luft, weil er die Aufenntahlts- und Arbeitserlaubnis verloren hat. Foto: ZDF/Andrzej Król

Osnabrück. Jugendkriminalität wird von vielen Menschen als immer schlimmer und brutaler empfunden. Tatsächlich sinken die Zahlen seit Jahren – und bleiben dennoch ein Problem. Die höchst sehenswerte Dokumentation „Jung und kriminell – Strategien gegen Intensivtäter“ auf ZDFinfo zeigt heute Abend mögliche Auswege auf.

Ali möchte man nicht unbedingt im Dunklen auf der Straße begegnen. Der muskulöse Palästinenser aus Berlin-Neukölln ist gerade mal 19, hat aber schon fast drei Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Bewaffnete Raubzüge gepaart mit schwerer Körperverletzung kennzeichnen den Weg des jungen Intensivtäters. „Das Geld hat mich gar nicht so interessiert, es war eher das Machtgefühl,“ sagt er heute. Und kurz darauf: „Ich war süchtig nach Geld, musste immer 2000 oder 3000 Euro in der Tasche haben.“

„Körperverletzung, Misshandlung, Erpressung,“ zählt der 17-jährigeToni sein Sündenregister auf. Am Ende hat er einen Menschen fast erstochen – und bereut es bis heute nicht, weil er seinen „Mann gestanden hat“. Und Romina aus der Nähe von Hameln sieht aus, als könne sie kein Wässerchen trüben. Hat sie aber - und wie. Mit 17, kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes, prügelte sie eine andere junge Frau derartig brutal zusammen, dass selbst die Polizei von diesem Exzess schockiert war. Dafür bekam sie drei Jahre.

Dutzendfach straffällig

Ali, Toni und Romina sind drei junge Straftäter, die nicht nur einmal, sondern dutzendfach straffällig geworden sind. Filmautorin Yasemin Ergin hat sie vor die Kamera bekommen, weil sie eins gemeinsam haben: Sie wollen runter von der schiefen Bahn, rein in ein normales Lebens. Sie eint eine Überzeugung: „Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient.“  

Im Projekt Chance im Baden-Württembergischen Creglingen haben junge Straftäter wie Toni die Möglichkeit, ihren Schulabschluss nachzuholen. Foto: ZDF/Andrzej Król

Das ist nicht einfach, wenn man so jung schon im Knast gesessen hat. Romina hat heute einen Job im Callcenter und eine neue Beziehung zu einem Ex-Knacki. Toni darf am Projekt Chance im fränkischen Creclingen teilnehmen – eine offene Form des Strafvollzugs mit hohen Anforderungen an die Teilnehmer, aber auch der Möglichkeit zu einem Schulabschluss und der Aussicht auf Strafminderung bei entsprechendem Verhalten.

Am schwersten ist es für Ali. Weil er keinen deutschen Pass hat, entzieht ihm die Ausländerbehörde die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Als Staatenloser aber kann er nicht abgeschoben werden, sondern wird unter strengen Auflagen geduldet. Keine Arbeit bedeutet kein Geld beziehungsweise 290 Euro Grundsicherung – da ist der Weg zurück in die Kriminalität ein kurzer.

Strenge Urteile

„Da beißt sich das Ausländerrecht mit dem Jugendrecht,“ sagt Andreas Müller. Denn: „Wer keine Perspektive hat, wird weiter Scheiße bauen.“ Der Jugendrichter aus dem brandenburgischen Bernau ist kein Unbekannter. Als Freund und Weggefährte seiner populären Kollegin Kirsten Heisig, die vor acht Jahren durch Suizid aus dem Leben schied, vertritt er die gemeinsamen Thesen gern leidenschaftlich in Talkshows.

Müller ist bekannt dafür, dass er klare Statements abgibt und ungern Samthandschuhe anlegt. Gebetsmühlenartig fordert er beschleunigte Verfahren für junge Straftäter und ist bei diesen gefürchtet für seine strengen Urteile. Und trifft auf entschiedenen Widerstand der Berliner Kriminologin Kirstin Drenkhahn. Die spricht von „Struwwelpeter-Pädagogik“, fordert mehr Unterstützung bei der Resozialisierung und verurteilt schnell verhängten Jugendarrest, weil: „Da kommt nix Gutes bei raus.“  

Romina und Kevin haben beide mehrere Jahre im Gefängnis verbracht und fangen gemeinsam ein neues, straffreies Leben an. Foto: ZDF/Andrzej Król

Drei Schicksale, viele Meinungen, ein komplexes Thema und nur eine Dreiviertelstunde Zeit. Da kann man sich schon mal verheddern. Yasemin Ergin aber gelingt das Gegenteil. Ihr Film hat einen roten Faden, eine klare Struktur und starke Protagonisten. Und sie hat der Dokumentation eine klare Fragestellung gegeben: Härtere Strafen oder mehr Erziehung? Die Antwort muss jeder für sich selbst finden.

Wer sich ein bisschen mehr Zeit fürs Thema nehmen will, kann schon um 19.45 Uhr ebenfalls auf ZDFinfo die halbstündige Reportage „Rechnen, Rappen, Ramadan – Schule im Brennpunkt“ ansehen. Darin geht’s um eine Klasse an der Kepler-Schule in Berlin-Neukölln, in der nur ein einziger Schüler keinen Migrationshintergrund hat. Ebenfalls sehr sehenswert – und ein bisschen erschütternd.

Jung und kriminell – Strategien gegen Intensivtäter. ZDFinfo, Donnerstag, 19. Juli 2018, 20.15 Uhr.


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