Experte im Interview „Die Polizei hat sich auf Social Media schon einige blutige Nasen geholt”

Von Christopher Chirvi

Sobald die Polizei selbst angegriffen wird, verlässt sie ihre neutrale Rolle, sagt der Polizeiwissenschaftler. Foto: dpa/Sebastian WillnowSobald die Polizei selbst angegriffen wird, verlässt sie ihre neutrale Rolle, sagt der Polizeiwissenschaftler. Foto: dpa/Sebastian Willnow

Hamburg. Die Polizei ist immer stärker auch in sozialen Netzwerken aktiv. Vermeintlich Lustiges und Kuriositäten aus dem Dienstalltag der Beamten sollen auch das Image der Polizei aufpolieren. Es gibt aber auch Kritik: Insbesondere in Situationen, in denen die Polizei selbst angegriffen wird, verlasse sie ihre neutrale Rolle.

Viele Polizeidienststellen pflegen heute eigene Twitter- und Facebook-Accounts. Neben Zeugenaufrufen und Berichten über erfolgreiche Einsätze wird dort auch Abseitiges und vermeintlich Lustiges veröffentlicht, wie beispielsweise ein Video des Norfolk Police Department, das vor wenigen Tagen viral ging. 

Auch aus Deutschland gibt es solche Beispiele, oftmals bedienen sich die Beamten in ihren Posts auch einer eher kumpelhaften Sprache. Doch es gibt Stimmen, die diese Aktivitäten kritisch hinterfragen – so etwa Polizeiwissenschaftler Rafael Behr. Der 60-Jährige ist seit Oktober 2008 Professor für Polizeiwissenschaften mit den Schwerpunkten Kriminologie und Soziologie am Fachhochschulbereich der Akademie der Polizei Hamburg. Er leitet die Forschungsstelle Kultur und Sicherheit.

Herr Behr, was bezweckt die Polizei mit ihrer Präsenz auf Social-Media? Will sie mit den Kanälen ihr Image aufpolieren? 

Natürlich arbeitet die Polizei mit der Teilnahme an Social-Media-Aktivitäten auch an ihrem Image – und die Sprache ist eine Form von Bürgernähe. Es wird eine junge und gesellschaftszugewandte Polizei gezeigt, die sich sprachlich manchmal einem Niveau annähert, das der Polizeipräsident so vielleicht nicht haben würde. Es wird sich an dem orientiert, wie im Netz gesprochen wird. Der Polizei müssen auch Räume zugesprochen werden, in denen sie kein Amtsdeutsch nutzt. Nicht jede Form von Ausdruck muss auch gleich eine Amtshandlung sein.

Zudem können diese Themen Sympathieeffekte erzeugen – gerettete Tiere, kuriose Irrtümer, Diebe, die am Einbruchsort einschlafen und von der Polizei geweckt werden. Diese Themen stellen das Polizeimonopol nicht infrage.

Bevor Professor Dr. Rafael Behr an die Akademie der Polizei Hamburg kam, arbeitete er selbst als Polizeibeamter. Foto: dpa/Ulrich Perrey

Diese Sprache und die manchmal eher abseitigen Themen werden aber auch kritisiert. Es heißt, die Polizei sollte sich lieber auf ihre Kernaufgaben konzentrieren.  

Es ist ja nie ganz klar, was die Kernaufgaben der Polizei sind. Und es gibt immer Menschen, die jede Form der Polizeiarbeit sehr kritisch beäugen und nach Gründen suchen, die Polizei zu kritisieren. Da wird manchmal eine Autorität eingefordert, die Polizisten im Alltag gern ablegen würden. Was man einem anderen User durchgehen lassen würde, lässt man der Polizei da nicht durchgehen.

Es gehört aber zu den Aufgaben der Polizei, Präsenz in den sozialen Medien und im Internet überhaupt zu zeigen. Vieles, was wir heute als Polizeiarbeit bezeichnen, spielt sich im Verborgenen ab – da ist kein Polizist auf der Straße, sondern geht Streife im Netz.

Es gab aber auch durchaus berechtigte Kritik, beispielsweise als die Kölner Polizei in der Silvesternacht 2016/2017 den Begriff „Nafri“ („Nordafrikaner“ oder „Nordafrikanischer Intensivtäter“) twitterte. Dieser sei inakzeptabel, da es sich um eine herabwürdigende Gruppenbezeichnung handelt.

Seitdem herrscht bei vielen Behörden das sogenannte vier-Augen-Prinzip. Keine Meldung geht raus, ohne das ein anderer noch einmal drüber geschaut hat. Bei essenziellen Themen wird auch schon einmal der Vorgesetzte hinzugezogen. So sollen abfällige Spontanäußerungen unterbleiben.

Derartige verbale Fehlleistungen sind danach zur Seltenheit geworden, die meisten Social-Media-Teams der Polizei haben daraus gelernt. Sie neigen heute eher zur Genauigkeit als zur Schnelligkeit.

An welchen Punkten sind die Social-Media-Aktivitäten der Polizei aus ihrer Sicht besonders kritisch zu beobachten?

Gerade in den Anfängen hat sich die Polizei einige blutige Nasen geholt. Beispielsweise dann, wenn eine Demonstration kommentiert wurde mit den Worten: „Da sind wieder alle schwarz gekleidet, so stelle ich mir keine bunte Demonstration vor.“ Das sehe ich wesentlich kritischer – dass die Polizei so auch Meinung bildet und eine Kommentierung der Ereignisse aufbaut, die sonst Journalisten übernehmen sollten. Gerade wenn sie Wertungen über Demonstrationsteilnehmer oder -verläufe abgibt, dann beeinflusst die Polizei auch die Meinungsbildung. Und damit verlässt sie ihren neutralen Boden und ihre protokollarische Funktion

Können Sie ein Beispiel nennen?

Das war ganz extrem beim G20-Gipfel so. Da wurde die Autorität der Polizei auch dazu genutzt, ein gewisses Bild in die Welt zu setzen: Die erschöpften Polizisten, die umfallen, weil sie dehydriert sind. Die haben ja eine enorme Mitleidswelle ausgelöst und das hat sich auch über Social Media verbreitet. Die Bildersprache der Bedrohung ist nicht immer neutral. Da greift die Polizei direkt in journalistisches Metier ein und das muss man gut beobachten, inwieweit da auch Meinungen vorgeformt werden.

Warum hat die Polizei da ihre neutrale Rolle verloren?

Weil sie sich dann als Opfer fühlt. So etwas passiert immer dann, wenn die Polizei selbst angegriffen wird. Dann gibt sie sehr viel extremere Lagebilder ab, als dann, wenn sie nur einen Verkehrsunfall beschreibt. Bei Lageeinschätzungen habe ich mich früher im Zweifelsfall immer darauf verlassen, was die Polizei sagt. Das mache ich heute nicht mehr. Immer dann, wenn sie selbst als Partei auftritt, wird es kritisch.

Wie kann so etwas vermieden werden?

Es gibt ein Beispiel, in dem es hieß, die Davidwache in Hamburg wurde angegriffen. Die Überschrift lautete: „Angriff auf die Davidwache“. Dann aber stellt sich heraus: Das war gar kein Angriff auf die Davidwache, sondern um die Ecke sind ein paar Leute aneinandergeraten. Der Mob war also gar nicht da. Trotzdem hat es mehrere Stunden gedauert, bis die Polizei das berichtigt hat.

Das bedeutet, wenn die Polizei schnelle Nachrichten raushaut, dann muss sie auch die Verantwortung dafür übernehmen, dass diese Nachrichten mit zunehmendem Informationsstand auch korrigiert oder weitergeschrieben werden. Wenn man das bei der ersten Nachricht belässt, dann entstehen emotionale Bilder, die sehr viel Unheil anrichten.

Sollte es eine gesetzliche Regelung zum Umgang der Polizei mit sozialen Medien geben?

Solche Forderungen nach einer gesetzlichen Regelung sind schwierig. Wenn jeder nur nach dem Buchstaben des Gesetzes handelt, kann man die Arbeit des Social Media Teams vergessen. Mit einer juristisch geregelten Sprache würde die Attraktivität verloren gehen und die Social-Media-Kanäle würden zu relativ nüchternen Medien gemacht werden. Man ist immer eingezwängt zwischen Amtlichkeit und Lockerheit. Um das Bestmögliche zu gewährleisten, schließen sich die Teams heute zusammen, organisieren Workshops und definieren so ihre Standards. Das halte ich für zielführender als gesetzliche Regelungen. 

Ist die Social-Media-Aktivität der Polizei aus Ihrer Sicht dennoch unverzichtbar?

Ein ganz wichtiger Aspekt der Arbeit ist, dass die Abteilung nicht nur Meldungen in die Welt setzt, sondern auch, dass sie reaktiv Gerüchten entgegentritt – vor allem solchen, die davon leben, dass sie Menschen oder Gruppen verdächtigen. 2017 gab es den Fall, dass ein Mann in Heidelberg in eine Menschengruppe gefahren ist. Sofort ging das Gerücht um, es handle sich um islamistische Terroristen. Die Polizei hat dann schnell gemeldet, dass es ein Deutscher war, kein Migrant oder Flüchtling. Diese Aufgabe, das Entgegentreten der Gerüchteküche, die wird in Zukunft noch wichtiger sein. Die Wahrheit wird im Zeitalter von „Fake-News“ zu einem immer wichtigeren Gut. Es wird auch eine zentrale Aufgabe der Polizei sein, für die Güte dieser Informationen Sorge zu tragen und Verantwortung zu übernehmen.


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