Ein doppelter Glücksfall Einstiger Eiskunstlaufer Cerne passt zu „Aktenzeichen XY“ – und umgekehrt

Von Tilmann P. Gangloff

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Moderiert  seit 2002 „Aktenzeichen XY … ungelöst“: Rudi Cerne. Foto: dpa/Matthias BalkModeriert seit 2002 „Aktenzeichen XY … ungelöst“: Rudi Cerne. Foto: dpa/Matthias Balk

Osnabrück Nach seiner Karriere als Eiskunstläufer begann Rudi Cerne seine journalistische Laufbahn als Sportreporter. Seit 2002 präsentiert er „Aktenzeichen XY“.

Rudi Cerne entspricht mit seinen knapp sechzig Jahren ziemlich genau dem Durchschnittsalter des ZDF-Publikums. Jüngere Zuschauer wissen womöglich gar nicht, dass der Moderator einst auch außerhalb Deutschlands eine große Nummer war: In den späten Siebzigern und frühen Achtzigern war Cerne neben Norbert Schramm der erfolgreichste deutsche Eiskunstläufer. Nach mehreren deutschen Meisterschaften und einer Silbermedaille bei der Europameisterschaft 1984 arbeitete er für die Eisrevue Holiday on Ice und moderierte Gala-Abende auf Schlittschuhen, bis „Sportschau“-Legende Adi Furler ihn davon überzeugte, dass seine Zukunft im Sportjournalismus liege. Sein Durchbruch war ein Interview mit Katarina Witt. Das war 1988, die Mauer stand noch, ein Gespräch mit dem Weltstar war also nicht ohne Weiteres möglich, weshalb er der Kollegin bis heute dankbar ist: „Das werde ich ihr nie vergessen. Das war der Einstieg in meine Laufbahn als TV-Journalist.“

Nach einigen Jahren beim WDR wechselte Cerne, der zu seiner aktiven Zeit neben dem täglichen Eislauftraining Sport und Biologie studiert hatte, 1996 zum ZDF; im „Zweiten“ präsentierte er fortan unter anderem die „Sportreportage“ und „Das aktuelle Sportstudio“.

In die erste Liga der TV-Prominenz ist der im September 1958 im Ruhrgebietsstädtchen Wanne-Eickel geborene Moderator jedoch erst dank „Aktenzeichen XY … ungelöst“ aufgestiegen. Die vor über fünfzig Jahren von Eduard Zimmermann erfundene ZDF-Reihe gehört zu den dienstältesten Marken im deutschen Fernsehen; sie war damals das erste hiesige „Reality“-Format. Dank der authentischen Fälle stellen die Sendungen eine Art Bedrohung der eigenen Lebenswelt dar: weil die Beiträge stets suggerieren, die Gefahr befinde sich in unmittelbarer Nähe; der entsprechende Nervenkitzel ist von jeher das Erfolgsgeheimnis. Die Redaktion, versichert Ina-Maria Reize-Wildemann, die die Geschicke der Reihe seit 26 Jahren leitet, handele jedoch stets mit dem größten Respekt vor den Opfern und deren Angehörigen. Auch deshalb betrachtet sie Cerne, der „Aktenzeichen XY“ seit 2002 präsentiert, als Glücksfall: „Er nimmt diese Aufgabe sehr ernst, und das spürt der Zuschauer natürlich.“

Tatsächlich wäre der eher nüchtern und förmlich wirkende Moderator in jeder Unterhaltungsshow deplatziert, aber für „XY“ ist er genau der Richtige. Das gilt vor allem für seinen Umgang mit den Kommissaren, die als Studiogäste weitere Informationen liefern. Die ständig wechselnden Beamten haben in der Regel keinerlei Fernseherfahrung, daher braucht es laut Reize „viel Fingerspitzengefühl, um ihnen die Scheu vor der Kamera zu nehmen“. Bei Cerne sind sie offenbar in den besten Händen: „Die Polizisten bestätigen immer wieder, dass sie sich bei ihm sehr gut aufgehoben fühlen.“

Die Sendung ist aber auch ein Glücksfall für den Moderator, wie er selbst freimütig einräumt: „Es ist unheimlich schwer, ein Format zu finden, das hundertprozentig zu einer Persönlichkeit passt. Früher habe ich mir über so was nie Gedanken gemacht, ich wollte nach dem Ende meiner sportlichen Karriere einfach nur Sportreporter werden. ,Aktenzeichen XY‘ war zunächst ein völliger Kontrast zu meiner bisherigen Fernsehlaufbahn. Es hat dann auch ein bisschen gedauert, weil der neue Anzug am Anfang noch ein bisschen gekniffen hat, aber jetzt passt er perfekt.“

Cerne hat zwar kein Mitspracherecht, was die Auswahl der Fälle betrifft, bringt sich jedoch gerne ein. Texte und Interviews werden von der Redaktion vorbereitet, aber er versichert, er habe großen Freiraum: „Alles andere wäre auch merkwürdig. Wenn man jemanden gewollt hätte, der vorgegebene Texte wiedergibt, hätte man nicht mich engagieren müssen. Eduard Zimmermann hat mir immer eingeschärft, ich soll vor der Kamera so bleiben, wie ich bin, und reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist.“ Der 2009 verstorbene Schöpfer des Formats hatte ihn persönlich ausgesucht und seine Wahl folgendermaßen begründet: „Du steigst aus dem Auto aus, machst die Tür zu, und dann bist du da.“ Cerne findet, das sei „ein tolles Kompliment für einen Moderator, bei dem es ja vor allem darauf ankommt, dass die Kamera den Zuschauern seine Präsenz vermittelt, damit er gut rüberkommt.“

Manche der vorgestellten Verbrechen wecken große Emotionen, erst recht, wenn Kinder betroffen sind. An Cerne gehen diese Fälle ebenfalls nicht spurlos vorüber: „Deshalb habe ich mir Scheuklappen zugelegt; so haben es mir auch die Kommissare empfohlen. Da ich nicht ganz so nah dran bin wie sie, kann ich nach der Sendung auch noch ruhig schlafen.“

Als „Aktenzeichen XY“ 1967 gestartet ist, war Cerne neun Jahre alt, und weil es damals nur drei Programme gab, waren die Sendungen Teil seiner Kindheit und Jugend. Nach 16 Jahren ist er selbst zum Gesicht der Reihe geworden; nun kann er auch gestehen, dass ihm Serien wie „Bonanza“, „Rauchende Colts“ oder „Die Straßen von San Francisco“ viel lieber waren als „Aktenzeichen XY“.


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