zuletzt aktualisiert vor

„De schwatten ostfrees Jung“ sagt „Bauer sucht Frau“ ab Social-Media-Star Keno Veith: „Ich bin ein Ostfriese 2.0“

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Zetel. Wer sich mit Keno Veith (37) verabredet, muss spontan sein. Denn der Social-Media-Star, der trotz seiner Bekanntheit weiterhin als Lohnarbeiter in der Landwirtschaft tätig ist, hat erstens viel zu tun, zweitens kann er nie genau sagen, wo er gerade mit dem Trecker unterwegs ist. „Grobe Richtung pauschal Zetel“ lautete unser Verabredungspunkt. Im Interview gibt sich „De schwatten Ostfrees Jung“, wie er in seiner Heimat genannt wird, redseliger, als man von Ostfriesen annimmt.

Keno, hat sich der Rummel um Ihre Person etwas gelegt, seitdem Sie vor einem halben Jahr das Video mit Ihrem im Morast stecken gebliebenen Trecker gepostet haben?

Der Bekanntheitsgrad steigt sogar noch, weil ich dauernd auf Veranstaltungen eingeladen werde. Ich habe eine eigene Club-Tour am Laufen. (Weiterlesen: Mit spontanem Video vor Traktor zum Internet-Star)

Hat sich Ihr Leben verändert?

Ja, aber für mich ist es schon alltäglich geworden. Am Anfang wusste ich gar nicht, was los war. Mittlerweile bin ich schon mehrmals im Fernsehen gewesen, weitere TV-Formate stehen an. Egal wohin ich gehe, ich werde erkannt. Selbst im Urlaub in der Türkei. Ich stehe heute mit Leuten in Kenia, Chile und sonstwo auf der Welt über Whatsapp in Kontakt, die Fans von mir sind.

Welche TV-Angebote gab es?

Für Caterpillar habe ich zum Beispiel ein Werbevideo gemacht. Oder für ein neues Handy, das auf den Markt kommt. Frosta hat mich angefragt, NDR will Dokus machen, und das ZDF hat sich auch schon gemeldet.

Was war denn die verrückteste Anfrage?

Ich wurde schon gefragt, ob ich nicht bei „Bauer sucht Frau“ mitmachen möchte (lacht). Ich habe abgesagt, das geht gar nicht.

Sind Sie liiert?

Nein, aber „Bauer sucht Frau“ ist überhaupt nicht mein Ding. Ich versuche, authentisch zu bleiben, und bin auch weiterhin als Lohner tätig. Das andere mache ich noch nebenbei, obwohl es mehr wird.

Gab es auch schon Liebes- und Heiratsangebote?

Ja, ich habe sehr viel dieser Art gekriegt. Selbst Videobotschaften, aus ganz Deutschland. Auf Instagram habe ich ja mittlerweile 12000 Abonnenten, auf Facebook knapp 78000, auf YouTube 18000 Abonnenten.

Wann schaffen Sie es, das alles zu bewältigen?

Abends, nachts, am Wochenende. Social Media darf man nicht unterschätzen. Das war für mich ja auch alles Neuland. Aber es ist definitiv ein weiterer Job. Es fängt morgens an und hört spätabends auf. Weil ich mir immer noch die Zeit nehme, alles selbst zu beantworten. Ich bekomme am Tag Hunderte Nachrichten und Mails.

Woher haben die Leute denn Ihre Nummer?

Keine Ahnung. Internet. Da wachst du morgens auf und liest: „Sie wurden hinzugefügt“ – zu einer neuen Whatsapp-Gruppe. Und du kennst keinen davon. Es gibt Gruppen, die nach mir benannt sind und sich über mich austauschen. Es macht aber auch Spaß, vor allem wenn ich auf Lohner-Partys eingeladen werde.

Was ist das denn?

Berufskollegen von mir, also Lohner, treffen sich in Diskotheken und laden mich dazu ein. Letztens war ich in Aurich auf einem Holi-Festival eingeladen. Das war der Wahnsinn, ich habe rund 700 Autogrammkarten unterschrieben.

Sind Sie auch musikalisch unterwegs?

Jau. Alles, was heftig ist. Ich habe früher in zwei Bands gespielt, war Sänger und Drummer. Jetzt gehe ich ab und zu als MC auf die Bühne. Ich bin halt ein Influencer.

Wer stylt Ihre Haare?

Ich selbst. Ich habe da eine spezielle Technik entwickelt. Früher hatte ich aber auch schon lange Haare und Dreadlocks.

Wann kam die Mr.-T-Frisur?

Immer wieder zwischendurch.

Sind Sie Fan vom „A-Team?

Klar. Aber die Mr.-T-Geschichte begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Die beste Freundin meiner Mutter hat mich schon BA Baracus genannt, als ich sechs Jahre alt war. Wegen der Power.

Sie waren damals schon kräftig?

Damals war ich eher proper, dann wurde ich dünn. Mit 18 wog ich nur 57 Kilo. Mein bester Freund ging zum Fitnessstudio und ich bin aus Langeweile mitgegangen. Nach zwei Jahren hatte er sein Ziel erreicht, und ich bin immer mehr darin aufgegangen. Ich habe dann auch Football in der Oberliga bei den Buccaneers in Wilhelmshaven gespielt. Sportlich war ich immer aktiv: Kickboxen, Karate, Basketball, Skateboard.

Sind Sie in Zetel verwurzelt?

Ich bin zwar hier an der Küste aufgewachsen, aber ich bin ein Ostfriese 2.0.

Was bedeutet das?

Ein Ostfriese, der über den Tellerrand guckt. Ich habe schon in Lateinamerika gearbeitet in einem VW-Werk und bin als Fernfahrer im internationalen Fernverkehr unterwegs gewesen. Ich liebe diese Gegend hier oben, aber mein Traum ist es, so viel und oft wie möglich die Welt zu bereisen. Mich interessieren andere Kulturen und Menschen. Um etwas zu beurteilen, musst du deinen Horizont erweitern. Das geht nicht über Bücher, sondern du musst es erfahren. Viele Vorurteile basieren darauf, dass man sich kein eigenes Bild verschafft hat.

Haben Sie Vorurteile gegenüber Ihrer Person erlebt?

Ja. Das kam und kommt immer wieder mal vor, aber man lernt auch, damit umzugehen. Früher war das nicht so einfach. Als ich zur Grundschule ging, gab es hier noch keine Flüchtlinge. Ich war der Erste meiner Art. Da gab es auch blöde Sprüche wie etwa „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ und „Negerkuss“.

Wie hat Sie das geprägt?

Das hat mich gestärkt, denn ich hatte gute Freunde, die immer an meiner Seite standen.

Als Social-Media-Star sind Sie in der Öffentlichkeit. Ecken Sie da nicht bei den Rechten an?

Jein. Es gibt viele, die das feiern.

Wie meinen Sie das?

Die sehen mich anders, weil ich hier geboren bin, zu meiner Heimat stehe und stolz darauf bin, Ostfriese zu sein. Ich spreche auch gerne Plattdeutsch. Auch wenn andere sie als Bauernsprache bezeichnen, kann ich nur sagen: Das ist die Sprache dieser Region, das ist Kultur. Die Sprache hat mir ja keiner beigebracht, ich habe sie erfragt.


Ihr Vater hat nicht Ostfriesisch mit Ihnen gesprochen?

Nein, mein Opa auch nicht. Obwohl die es fließend sprechen, haben sie mit mir immer nur Hochdeutsch gesprochen, damit ich es später mal einfacher habe. Ich bin jetzt fast 20 Jahre als Lohner tätig und auch in vielen verschiedenen Landkreisen unterwegs. Deswegen spreche ich so ein Platt-Mix. Ich kenne einige Worte nur aus dieser Region, einige aus einer anderen. Deswegen werfen mir manche vor, ich würde Kauderwelsch sprechen. Ich sage denen: Bringt euch mal selber eine Sprache bei und geht damit in die Öffentlichkeit, steht zu dem, was ihr sagt, und dann könnt ihr solche Äußerungen machen.

Was ist Ihr absolutes Lieblingswort auf Plattdeutsch?

Jasses. Das kommt von Harijasses und bedeutet so viel wie „Verdammt noch mal“ und gewaltig. Ist ein Universalwort. Geht immer.

Ihre Mutter stammt aus Kamerun. Waren Sie mal dort?

Ja, als Kind. Aber ich habe das Klima dort nicht vertragen. Ich habe Probleme mit Hitze. Klingt komisch, ist aber so, obwohl ich sogar dunkler bin als meine Mutter. Meine Lieblingstemperatur ist 20 Grad. Dabei kann ich mich am besten bewegen. Ich war also nur einmal als Kind dort, danach nicht mehr. Ich möchte aber gern mal wieder hin, ich habe dort so viele Verwandte. Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Verlangen danach.

Sprechen Sie die Sprache Ihrer Mutter?

Ich habe früher als Kind Französisch und Bassa gesprochen, aber nicht perfekt. Jetzt kann ich nur noch Bruchstücke.

Wie kam Ihre Mutter nach Deutschland?

Mein Vater ist Agraringenieur und hat früher als Entwicklungshelfer beim DED gearbeitet. So hat er sie kennengelernt.

Hatten Sie einen Hof?

Meine Großeltern. Mit 20 Kühen. Das war ein Nebenerwerbsbetrieb, mein Opa hat noch bei der Stadt gearbeitet.

Mussten Sie auch melken?

Ja, aber das liegt mir einfach nicht. Ich habe mich schon als Kind immer nur für Maschinen und Trecker interessiert.

Können Sie alles fahren?

Ja, egal ob Bagger, Feldhäcksler oder andere Fahrzeuge. Muss man als Lohner auch können.

Wie läuft der Job als Lohner ab: Werden Sie gebucht?

Ich bin Angestellter in einem Lohnbetrieb. Unser Chef kriegt die Aufträge, dann gehen wir dahin.

Sie fahren auch Gülle, wie Sie in Videos dokumentieren. Wie halten Sie das aus?

Ganz normal. Gülle fahren ist cool. Du kommst mit der Gülle ja nicht in Berührung. Durch die bodennahe Ausbringung ist die Gülle fast geruchlos.

Was sagen Sie zu Nachrichten über zu viel Nitrat im Boden durch Gülle?

Das darf man nicht verallgemeinern. Es gibt sicher auch Schmu, aber gerade hier oben haben wir keine Probleme mit dem Trinkwasser. Wir haben viele Wasserschutzgebiete mit Sperrfristen. Und auch wenn wir Gülle ausbringen, wissen wir genau, bis wohin wir Gülle verteilen dürfen. Wir arbeiten ja in der digitalen Landwirtschaft.

Haben Sie trotzdem Ärger mit Umweltschützern?

(Lacht) Ach, das muss man sportlich sehen. Die machen ihren Job, ich mache meinen. Man tauscht sich dann mit Argumenten aus. Ich bin dabei wahrlich nicht auf den Mund gefallen. Man muss natürlich fachlich-sachlich bleiben. Wichtig ist immer: Man sollte wissen, was man tut. Und auch die Folgen kennen.

Welcher saisonale Job gefällt Ihnen als Lohner am besten?

Mais fahren.

Was bedeutet das?

Ernten. Mais ist die fünfte Jahreszeit. Man kann es nicht beschreiben, Mais ist einfach geil. Ab September geht es los, meistens zuerst in Sachsen-Anhalt, ich lege im Kopf einen Schalter um und befinde mich im Maismodus. Dann geht es wochenlang nur noch um Mais. Da gibt es kein links, kein rechts, nur Mais. Das sind sehr lange Tage, da kommt man im Monat schon mal auf 400 Stunden. Man steht morgens um fünf Uhr auf und arbeitet, bis es dunkel wird. Sieben Tage die Woche.

Wie hält man das durch?

Nur mit Leidenschaft. Das ist etwas Besonderes und kann nicht jeder. Aber mit einer guten Truppe macht das richtig Spaß, man ist ja auch abends zusammen und trinkt mal einen.

Wird ein Lohner gut bezahlt?

Gut bezahlt ist immer relativ. Was bringt dir ein Job, der super bezahlt wird, aber wo du am Montag schon Bauchschmerzen hast? Geld ist nicht alles. An erster Stelle sollten immer Spaß und Leidenschaft stehen.

Gibt es auch mal Pause?

Nichts gibt es nicht. Aber es gibt eine Phase, wo es ruhiger ist, von November bis Januar. Dann stehen hauptsächlich Wartungsarbeiten und Transporte an. In der Zeit mache ich auch Urlaub oder schraube an meinem Motorrad herum. Ich fahre eine Suzuki Intruder 1500.

Was bedeutet Keno eigentlich?

Das ist ein echter ostfriesischer Name. Ich bin eben Ostfriese, nur anders verpackt (lacht). Ich bin in Wittmund geboren, neben dem Krankenhaus verläuft die Keno-Tom-Brook-Straße. Keno tom Brook war der erste Häuptling des Brookmerlandes in Ostfriesland. Er lebte im 14. Jahrhundert.

Gibt es Ostfriesenwitze über Schwarze?

(lacht) Ich kenne keinen einzigen.


Keno Veith wird am 14. Januar 1981 in der ostfriesischen Stadt Wittmund als Sohn eines in der Entwicklungshilfe tätigen deutschen Agraringenieurs und einer Kamerunerin geboren. Er wächst zusammen mit einem Bruder und einer Schwester auf. Nach seinem Realschulabschluss macht Veith eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. Danach arbeitet er als Fahrer für Unternehmen. Im Oktober 2017 postet Veith ein 59 Sekunden kurzes Video über Facebook, in dem er auf Plattdeutsch und Ostfriesisch über seinen im Morast stecken gebliebenen Trecker flucht. Das Video wird zu einem Internet-Hit – und Keno Veith zu einem Social-Media-Star. tac

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN