Interview mit dem Fernsehmoderator Hugo Egon Balder: „Ich muss früher eine Möwe gewesen sein“

Von Manfred Ertel

Mit seiner neuen Show „Genial daneben – Das Quiz“ geht Fernsehmoderator Hugo Egon Balder ab dem kommenden Montag auf Sendung. Foto: Manfred ErtelMit seiner neuen Show „Genial daneben – Das Quiz“ geht Fernsehmoderator Hugo Egon Balder ab dem kommenden Montag auf Sendung. Foto: Manfred Ertel

Hamburg. Viele Zuschauer erinnern sich an Hugo Egon Balder (68) als „König der Möpse“, weil er Anfang der Neunziger mit „Tutti Frutti“ zum ersten Mal (fast) blanke Busen auf den Bildschirm brachte. Im Gespräch berichtet der Moderator und Entertainer über seine neue Quizsendung auf Sat.1, „Tutti Frutti“, Unterhaltung im Fernsehen sowie seine heimliche Liebe zur Küste.

Braucht es im Deutschen Fernsehen wirklich noch ein Quiz, fällt niemandem mehr etwas Geistreicheres zur Unterhaltung ein?

Das haben wir uns auch überlegt. Aber dann haben wir uns zurückerinnert. Als ich 2003 mit „Genial daneben“ angefangen habe, hatte ich das Ding vorher sieben Jahre lang angeboten. Alle hatten mit der Begründung abgesagt, das geht nicht ohne Drehbuch, man kann im Fernsehen nicht improvisieren. Mittlerweile gibt es bei anderen Sendern ich weiß nicht wie viele Nachfolgesendungen, sie kopieren das alle. Als dann auch noch Kai Pflaume mit „Wer weiß denn so was“ kam, hat Sat.1 kapiert, das funktioniert.

Ihre neue Reihe konkurriert mit quotenträchtigen Quizreihen in der ARD und beliebten Vorabend-Serien im Zweiten. Warum wagen Sie sich auch noch auf das Terrain?

Quizsendungen gibt es, seitdem ich denken kann. Als ich das erste Mal Fernsehen gucken durfte mit acht Jahren, habe ich auch schon Quizsendungen geschaut. Die Frage ist doch immer, wie macht man’s, was passiert? Außerdem sind wir auf einem anderen Sendeplatz, und Soaps sind eben kein Quiz.

Haben Sie keine Angst, im hohen Alter noch mal einen richtigen Flop zu landen und selbst zur Lachnummer zu werden?

Nein, der Sender und die Produktionsfirma Constantin haben das ziemlich lange überlegt. Wenn man es nicht versucht, kann man auch nicht wissen, ob es was wird. Ich mache „Genial daneben“ ja erfolgreich schon mit Unterbrechungen seit 2003. Nur ist es beim Quiz so, dass man nicht nur Komiker da sitzen haben muss. Natürlich muss es zwischendurch auch komisch sein, aber am Ende geht es um Wissen und um 5000 Euro, die einer jeden Tag mitnimmt oder nicht.

Es ist noch gar nicht lange her, da haben Sie öffentlich übers Aufhören philosophiert, weil Sie als Greis nicht mehr den Clown im Fernsehen machen wollten. Was ist seitdem passiert?

Ich hatte tatsächlich ans Aufhören gedacht. Wenn ich mir im nur noch „Frauentausch“ angucken muss, „Bauer sucht Frau“ oder Dschungelcamp“, wo Leute vorgeführt werden und sich irgendwelche C-, D- oder F-Promis zum Affen machen, dann ist das nicht mehr mein Fernsehen. Das einzige was ich machen wollte, war „Genial daneben“, und genauso ist es gekommen. Klar man kann sagen, das ist auch alles ziemlich flach. Und Sachen wie „Flaschendrehen“ und „Tutti Frutti“ waren auch nicht intellektuell. Aber es macht einfach nur Spaß.

Was die einen lustig und unterhaltsam finden, ist für die anderen intellektuell unterirdisch.

Perfekt. So muss es sein.

Nach dem Motto: Hauptsache auf Sendung?

Nein, es gibt auch Sachen wo ich sage, nein, mache ich nicht.

Zum Beispiel?

Wenn ich genau merke, das bin ich nicht, das passt nicht zu meinem Alter, oder wo ich etwas verkaufen muss, was ich nicht verkaufen möchte. Es sollte ja eine Neuauflage von „Tutti Frutti“ geben, das habe ich abgelehnt. Das war mal, aber das bin ich nicht mehr. Ich will mich nicht verstellen müssen, ich möchte vor der Kamera keinen Moderator spielen.

Sind Sie der König des Trash-Fernsehens?

Kann ich nicht sagen, das müssen andere beurteilen. Ich mache das, was mir Spaß macht, und ich verstelle mich nicht.

Trash ist kein Schimpfwort für Sie?

Nein, warum? Ich würde es allerdings eher Anarchie nennen, das finde ich schöner.

Wie verstehen Sie sich selbst, als Moderator, Schauspieler, Musiker, Kabarettist, Produzent oder als was?

Ich bin Gaukler. Wenn ich im Hotel meinen Beruf angeben muss, schreibe ich „Gaukler“. Ein Gaukler ist jemand, der Menschen unterhält, in welcher Form auch immer. Der kann Zaubern, der kann jonglieren, der kann Witze erzählen, so wie früher.

Warum sind Sie eigentlich nicht Grafiker, Schauspieler, Musiker oder Kabarettist geworden, was Sie ja alles qualifiziert gelernt haben?

Es hat mir nie gereicht nur eins zu machen, weil es dann irgendwann langweilig wird. Als ich sieben Jahre am Berliner Schiller Theater war, gab‘s Riesenprobleme mit dem Intendanten, weil ich nebenbei noch Schallplatten machte. Sie können nicht Tschechow spielen und nebenbei Musik machen, hat der gesagt. Doch, kann ich, habe ich geantwortet. Das fand der gar nicht lustig. Heute ist das anders.

Fühlen Sie sich als Entertainer manchmal verkannt, weil niemand bei Ihrem Namen als erstes an „Tatort“ oder Theater denkt, sondern an „Tutti Frutti“ und nackte Busen?

Ja, aber es ist mir wurscht. Wenn ich manchmal etwas über mich lese oder höre weiß ich ja, das Schreiben oder Senden alles Leute, die mich überhaupt nicht kennen. Die wissen gar nicht wie ich bin, die sehen mich ja nur.

Sind sie eitel?

Überhaupt nicht, das ist manchmal schon ein Problem, ich bin absolut uneitel, das bestätigen alle. Ich bin ein absoluter Team-Player, ich dränge mich auch nie in den Vordergrund, beim Gruppenfoto stehe ich irgendwo hinten. Ich war immer der Meinung, dass ich eine Dienstleistung vollbringe, nicht mehr und nicht weniger.

Rote Teppiche sind Ihnen ein Gräuel und Kleidervorschriften für die Kamera ebenso?

Ja und noch mal Ja. Bei Meetings gehe ich nach drei Minuten Kaffee trinken. Ich ziehe das an, was ich möchte und lasse mir auch von niemandem etwas sagen. Ich muss mich wohlfühlen. Ich lasse mich nicht sponsern. Ich gehe auch nicht extra ins Outlet, damit ich im Fernsehen was Besonderes anzuziehen habe. Ich hasse endlose Diskussionen, ich bin in vielen Sachen sehr klar, obwohl man mir das nicht zutraut. Wenn ich etwas machen möchte, dann tue ich das, wenn nicht, dann lasse ich es. Ich trauere auch keiner Sache nach

Nervt es manchmal, immer noch auf „Tutti Frutti“ angesprochen zu werden?

Nee, das ist ein Teil meines Lebens. Aus heutiger Sicht ist die Sendung ja absolut banal. „Tutti Frutti“ wäre heute völlig uninteressant.

Wie hat es Sie eigentlich nach Hamburg verschlagen?

Ich habe zu Hamburg eine ganz merkwürdige Beziehung, ich muss wohl in meinem früheren Leben eine Möwe gewesen sein. (lacht) Mich zog es immer schon in den Norden, ans Wasser, ans Meer, zu den Schiffen, das fasziniert mich. Ich bin nicht der Berge-Typ, und ich bin kein Winter-Urlauber. Ich war grade im Chiemgau am Volkstheater, das ist dort alles wunderschön, traumhaft , aber ich könnte da nicht leben.

Und warum gerade Hamburg?

Als ich siebzehn war, 1967, hatte ich das große Glück mit meiner damaligen Band aus Berlin im „Top Ten“ auftreten zu dürfen. Seitdem habe ich diese Affinität zu Hamburg. Außerdem ist die Musiker-Klicke hier eine größere. Es gibt viele Leute, die ich noch von früher kenne, Hamburg ist eine tolle Stadt.

Was macht für einen Kölner, der in Berlin geboren und aufgewachsen ist, den Unterschied aus?

Ich wohne jetzt seit 1990 im Rheinland, erst bei und inzwischen in Köln. Die Stadt ist wunderbar, aber architektonisch eine Katastrophe. Die Menschen sind nett, Comedy kann man nur da unten machen, die lachen alle. Alles ist Karneval, alles ist lustig, alles prima. Hamburg ist komplett anders. Hamburg ist architektonisch der Hammer, die ganze Stadt ist wunderschön. Und meine Affinität zum Hamburger Humor ist größer als die zum Kölner. Der trockene Humor hier ist sehr englisch. Auch dieses Handschlagprinzip, dieses alte Hanse-Ding, liebe ich.

Was bedeutet für Sie Heimat oder Zuhause?

Das frage ich mich schon seit Jahren. Ich habe mir früher nie vorstellen können, dass ich mal aus Berlin weggehen würde. Wir hatten dort in den sechziger Jahren eine geile Zeit, wir hatten zwar die Mauer drumrum, fühlten uns aber allen anderen weit überlegen, mit einer tollen Musik-Szene. Dann bin ich 1979 zu Radio Luxemburg gegangen und musste mich erst mal an das Ländliche gewöhnen. Es hört sich vielleicht flach an, aber Zuhause ist da, wo ich mich wohlfühle. Ich hatte mal ein Haus in einem kleinen ruhigen Örtchen zwischen Valencia und Alicante, da fühle ich mich auch heute noch wohl. Ich bin nicht der Mallorca-Typ, der da High Life macht und die ganzen Idioten trifft, die man hier auch trifft.

Sie wollen Ihren Lebensabend in Hamburg verbringen, haben sie mal gesagt...

Werde ich auch tun, weil es mir hier gefällt. Ich will nix gegen Köln sagen. Aber meine Tochter studiert ab Herbst in London, und wenn mein Sohn in zwei Jahren fertig ist mit der Schule, werde ich Köln verlassen, definitiv. Hamburg ist einfach toll.


Hugo Egon Balder

Hugo Egon Balder hat Kunst und Grafik studiert, die Schauspielschule absolviert, Klavier und Schlagzeug gelernt. Er hat die Krautrock-Band „Birth Control“ mit gegründet, am Schiller Theater in Berlin gespielt, bei Radio Luxemburg moderiert und war Ensemble-Mitglied des Düsseldorfer Kabaretts „Kom(m)ödchen“.

Seit etlichen Jahren ist der gebürtige Berliner auch Wahl-Hamburger. Er hat eine Wohnung in Ottensen und betreibt seit 2010 zusammen mit seinem alten Freund und Kollegen Uli Salm (Rudolf Rock & die Schocker) den Musik-Klub „Zwick“ auf der Reeperbahn, wo er des Öfteren auch selbst spielt.

Seine neue Show „Genial daneben – Das Quiz“, startet am Montag auf Sat.1. Ab 21. September wird er zwei Monate lang auf der Bühne der Hamburger „Komödie Winterhuder Fährhaus“ zu sehen sein, an der Seite von Jochen Busse in „Komplexe Väter“.