Dokumentation über die Rolle des Geschlechts Frau, Mann und äh...

Von Marie-Luise Braun

Typisch männlich? Die Cheerleadergruppe "Vienna Fearleaders" bei einem Auftritt.Typisch männlich? Die Cheerleadergruppe "Vienna Fearleaders" bei einem Auftritt.

Osnabrück/Wien. Welche Rolle spielt das Geschlecht in unserer Gesellschaft? Und wie fühlen sich Menschen, die sich weder weiblich noch männlich fühlen? Das ist Thema einer Dokumentation auf 3Sat.

Andy Pandy wundert sich: „Warum findet ihr das lustig, wenn das Männer machen? Aber warum ist das völlig normal, wenn Frauen sich für ein Publikum mehr oder weniger in knappsten Outfits auf eine Bühne stellen?“, fragt der Mann, der Mitglied bei den Vienna Fearleaders ist. Das ist eine männliche Cheerleader-Gruppe. „Fear“ bedeutet übersetzt „Angst“ und genau die wird offenbar bei manchen Menschen ausgelöst, wenn sie ein Gegenüber keinem Geschlecht zuordnen können.

So zumindest erfahren es einige Gesprächspartner des Films von Constanze Grießler und Franziska Mayr-Keber. Zum Beispiel Erik Schinegger. Der 70-Jährige wurde 1966 als Erika Schinegger Weltmeisterin im Ski-Abfahrtslauf. Als Erik auf die Welt kam, war sein Geschlecht nach innen gewachsen, er wurde frühzeitig zum Mädchen erklärt. Vor den Olympischen Spielen 1968 in Grenoble wird bei einer Untersuchung festgestellt, dass Erika genetisch ein Mann ist. Sein Umfeld ist überfordert, ihm wird bewusste Täuschung im Sport vorgeworfen. Doch gegen alle Widerstände lässt Schinegger sich zum Mann operieren. Seine Karriere ist damit abrupt beendet. Später heiratet er, wird Vater und Großvater.

Es sind solche Persönlichkeiten, die verdeutlichen, wo genau die Brüche sind, mit denen Menschen konfrontiert sind, die nicht männlich oder weiblich geboren sind – oder sich weder als das eine noch das andere fühlen. Sie machen den Film interessant, der gar nicht erst versucht, eine Definition dafür zu finden, was männlich, weiblich oder das Dritte ist. „Wir wollten eine Collage dazu machen, was Geschlecht bedeutet“, sagt Constanze Grießler im Telefonat mit dieser Redaktion. 

Erik Schinegger zum Beispiel hat sich von Kolleginnen im Sport zeigen lassen, wie sich eine Frau verhält: „Ich habe gewusst, dass ich nicht dazugehöre. Wenn ich ganz ehrlich bin, ich habe gedacht, ich bin vielleicht gar kein Geschlecht. Bin ich vielleicht das? Das war jetzt mein schlimmster Gedanke. Bin ich vielleicht gar nix?“ 

Wie aber fühlt es sich an, ein Mann zu sein oder eine Frau? Auch hier hält sich der Film zurück und lässt Menschen erzählen, die das wissen können: Zum Beispiel Vivienne Ming. Als sie noch ein Mann war, hat sie geheiratet und ein Kind gezeugt. Als ihre Frau schwanger war, hat sie mit der Hormontherapie begonnen. Heute sagt die Neurowissenschaftlerin und Unternehmerin: „Der Tag, an dem ich das erste Mal als ich selbst, als Vivienne auftrat war gleichzeitig der letzte Tag, an dem man mir eine mathematische Frage stellte. Von einem Tag auf den anderen, wirst du anders behandelt.“ Seit sie eine Frau ist, habe sie finanzielle Einbußen. Investoren zahlen weniger. Sie bezeichnet den Verlust als Steuer, die Frauen zu zahlen haben, allein wegen ihres Geschlechts. 

Auffällig ist, dass diejenigen im Film, die sich als Frauen fühlen und zeigen wollen, mit den klassischen Bildern arbeiten: Sie haben lange Haare, tragen hohe Absätze und Röcke. Wie auch Giuliana Farfalla, die bereits als 16-jähriger Junge zur Frau werden wollte und durch die Teilnahme bei „Germany`s next Topmodel“ erfahren wollte, ob sie als Frau anerkannt wird. Sie erzählt von den Schmerzen der Geschlechtsumwandlung. Aber auch Menschen, die sich dem binären Schema nicht zuordnen mögen, kommen zu Wort und erzählen von der Irritation, die sie auslösen und die sie selbst verspüren, bis sie für sich herausfinden, wo der Grund dafür liegt.

Anlass des Films sind der gesellschaftliche Paradigmenwechsel und die Veränderung der Gesetze: Das Bundesverfassungsgericht hat im November 2017 beschlossen, dass es bei Behördeneinträgen ein drittes Geschlecht geben muss. In Österreich wurde kürzlich ein ähnliches Gesetz verabschiedet. 

Grießler verdeutlicht, was heute verlangt wird: „Einerseits soll jeder so sein können, wie er ist. Andererseits sollen wir alle einer Norm entsprechen“, macht die Filmemacherin die beiden Pole auf, zwischen denen sich die Mitglieder unserer Gesellschaft bewegen. Ein Spagat, den kaum jemand erfüllen kann.  Der Film aber gibt Impulse, wie damit umgegangen werden kann. So hat Vivienne Ming für sich einen Weg gefunden, über Menschen zu denken, von denen sie sich irritiert fühlt: „Das hat nichts mit mir zu tun. Das ist der Weg der Person herauszufinden, wer sie ist.“  

Die Abschaffung der Geschlechter. Typisch Mann, Typisch Frau, typisch Was? 25. Juli, 20.15 Uhr, 3Sat.


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