Buch „Der ewige Gast“ von Can Merey So scheiterte eine Integration - auch an den Deutschen

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Führten zahlreiche intensive Gespräche: Der Journalist und Buchautor Can Merey (rechts) und sein Vater Tosun. Foto: Cordula BerghahnFührten zahlreiche intensive Gespräche: Der Journalist und Buchautor Can Merey (rechts) und sein Vater Tosun. Foto: Cordula Berghahn

Osnabrück. Der Auslandskorrespondent Can Merey hat mit „Der ewige Gast“ eines der lesenswertesten Bücher des Jahres geschrieben. Er beschreibt darin, wie sein Vater voller Enthusiasmus aus der Türkei nach Deutschland kam und 60 Jahre später erkennen muss, dass seine Integration gescheitert ist.

Can Merey trägt einen türkischen Namen. So wie Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Was ihn mit den beiden verbindet, ist: Sie sind alle drei Deutsche. Özil und Gündogan kicken besser als die allermeisten ihrer Landsleute, deshalb standen sie bei der WM im Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Merey beherrscht die deutsche Sprache besser als die allermeisten seiner Landsleute. Nicht zuletzt deshalb arbeitet er seit vielen Jahren erfolgreich für die Deutsche Presse-Agentur dpa. Als Korrespondent war er zehn Jahre in Neu-Delhi, später in Istanbul und ist künftig in Washington.

Jetzt hat Merey ein Buch geschrieben. Über seinen Vater. Einen Mann, der nach Deutschland kam, als es noch keine türkischen Gastarbeiter gab. Der hier studiert und eine bayerische Bauerstochter geheiratet hat. Der als Manager für deutsche Unternehmen arbeitete. Der Schweinebraten isst und Alkohol trinkt. Und der irgendwann einsehen musste, dass seine Integration gescheitert ist. Weil die Deutschen einen Türken niemals als einen der ihren akzeptieren.

So politisch wie persönlich

Mereys Buch ist ebenso politisch wie persönlich. Seinen Vater, mit dem er dafür zahlreiche Gespräche führte, nennt er stets beim Vornamen: Tosun. Seine Zeilen sind geprägt von Liebe und Respekt, aber auch von gelegentlichem Unverständnis – gegenüber dem Vater, den Deutschen, den Deutschtürken. Beim Leser aber erzeugen sie viel Verständnis – für seinen Vater und viele andere Deutschtürken, die sich in Deutschland wie Menschen zweiter Klasse fühlen.

Es ist ein winterlicher Novembertag des Jahres 1958, als Tosun zum ersten Mal nach Deutschland kommt. Der Abiturient soll später mal die väterliche Papierfabrik in Istanbul übernehmen, zuvor aber eine Fremdsprache studieren: Deutsch. Im Goethe-Institut von Blaubeuren. Deutsch lernt der junge Türke tatsächlich, alles andere aber kommt ganz anders als geplant.

Exoten in Deutschland

„Türken waren damals Exoten in Deutschland“, erinnert sich Tosun. Sie hatten kein schlechtes Image, eher im Gegenteil. Anfang 1963 verliebt er sich auf einer Studentenreise nach Berlin in die oberbayerische Bauerstochter Maria, fünf Jahre später heiraten die beiden, 1972 wird ihr Sohn Can geboren.

Tosun arbeitet für deutsche Unternehmen, hat ausschließlich deutsche Freunde. Aber die Stimmung im Lande gegenüber den Türken dreht sich nach dem Zuzug zahlreicher Gastarbeiter. Selbst ein liberales Magazin wie der „Spiegel“ formuliert 1973: „Städte wie Berlin, München oder Frankfurt können die Invasion kaum noch bewältigen.“  


Auf dem Wasser lässt es sich gut reden: Can Merey (links) und sein Vater Tosun. Foto: Cordula Berghahn


Tosuns Wandlung zum Deutschen aber scheint nicht mehr zu aufzuhalten: In den 80er Jahren erwirbt er die deutsche Staatsbürgerschaft, obwohl der qualvolle Weg durch die Mühlen der Behörden über viereinhalb Jahre von der Antragstellung bis zur Einbürgerung frisst und die Frage aufwirft, ob Absurdistan möglicherweise ein deutsches Bundesland ist.

Im Beruf stößt Tosun immer häufiger an eine gläserne Decke – wegen seines Namens, seiner Herkunft. Manche Geschäftspartner wollen es nicht mit einem Türken zu tun haben, andere sprechen mit ihm Englisch, weil sie ihm deutsche Sprachkenntnisse nicht zutrauen.

Zurück in die Türkei

Doch selbst als Günter Wallraff 1985 sein schockierendes Enthüllungsbuch „Ganz unten“ über seine Erlebnisse als vermeintlicher Gastarbeiter Ali veröffentlicht, fühlt sich Tosun nicht angesprochen: „Vielleicht fühlte ich mich damals weniger als Türke, sondern sah mich mehr auf der deutschen Seite.“ Und auch die ausländerfeindlichen Anschläge der 90er Jahre hält er für das Werk von „ein paar Spinnern“. Erst in den letzten zehn Jahre, so Tosun, habe sich bei ihm die Erkenntnis durchgesetzt, „dass es ein verbreitetes Phänomen ist“.

Diese letzten Jahre haben Tosun und seine Frau in der Türkei verbracht – zunächst als Selfmade-Hoteliers in der Nähe von Bodrum, später als Rentner in Istanbul. Mit einer Wohnung unweit von der ihres Sohnes, der mittlerweile als Korrespondent in Istanbul lebte und dafür die türkische Sprache lernte, mit der er im Elternhaus so gut wie nie konfrontiert wurde.

Erdogan-Versteher

Tosuns Enthusiasmus für Deutschland ist der Verbitterung über ein Land gewichen, das er so liebte und dessen Menschen ihn nicht akzeptierten. Der Mann, der als deutscher Staatsbürger stets SPD oder die Grünen wählte, wandelte sich zum Erdogan-Versteher und –Wähler, der er mittlerweile auch nicht mehr ist. Es gehört zu den vielen Stärken dieses Buchs, auch solche Sinneswandlungen und überhaupt die Sympathien vieler in Deutschland lebender Türken für Erdogan nachvollziehbar zu machen. Mit seinem Sohn hat Tosun darüber viel gestritten, ist dabei aber stets humorvoll geblieben, wie Can Merey versichert.

Überhaupt ist „Der ewige Gast“ ein Buch übers Streiten und Verstehen. Denn dass unterschiedliche Meinungen Freundschaft und Respekt nicht ausschließen, erfährt man spätestens in dem Kapitel, in dem es um einen Besuch Mereys bei Armin Paul Hampel geht. In Neu-Delhi haben sich die beiden Korrespondenten kennengelernt und angefreundet, mittlerweile ist der einstige ARD-Journalist Hampel ein strammer AfD-Parteigänger und war vorübergehend sogar deren niedersächsischer Landesvorsitzender. Bei Mereys Besuch prallen unterschiedliche Ansichten vehement aufeinander – der Freundschaft aber tun sie keinen Abbruch.

Für den Vater geschämt

„Ich weiß nicht, in welchem Alter mir bewusst wurde, dass mein Vater Türke und damit anders als die Väter meiner deutschen Freunde ist,“ schreibt Merey im Resümee seines Buchs. „Ich weiß aber noch, dass ich mich als Jugendlicher für seine Herkunft schämte. Heute schäme ich mich dafür, dass ich jemals so empfunden habe.“

„Tagesthemen“-Moderator Ingo Zamperoni, sagte bei einer Vorstellung von „Der ewige Gast“: „Wenn man Mereys Buch gelesen hat, hat man etwas gelernt.“ Das stimmt. Wer beim Thema Integration mitreden möchte, sollte es sich nicht entgehen lassen.

Can Merey: Der ewige Gast. 320 Seiten, Blessing-Verlag, 17 Euro.


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