TV-Programm am Freitag „Die Nummer Eins“: Starker Film über Neuer, Kahn und Co. in der ARD

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Im Moment einer seiner größten Niederlagen: Oliver Kahn nach dem 0:2 gegen Brasilien im WM-Finale 2002. Foto: dpa/Oliver BergIm Moment einer seiner größten Niederlagen: Oliver Kahn nach dem 0:2 gegen Brasilien im WM-Finale 2002. Foto: dpa/Oliver Berg

Osnabrück Sie sind die Einzelkämpfer im Mannschaftssport: Ein Fernsehfilm lässt fünf der großen deutschen Torwarte erzählen und zeichnet das Psychogramm von Typen, die entweder verrückt oder besessen sein müssen, um die Besten zu sein.

„…und dann sitzt du da und denkst: Wie beschissen ist dieses Torwart-Spiel?“ Das, sagt Oliver Kahn, sei ihm durch den Kopf gegangen, als er am 30. Juni 2002 in Yokohama am linken Pfosten seines Tores saß und ins Leere starrte. Nach einer Serie von Weltklasse-Leistungen in den Spielen zuvor hatte der deutsche Torwart im Finale gepatzt und dem brasilianischen Star Ronaldo die Tore zum 2:0-Sieg ermöglicht.

Kahn ist einer der fünf Torhüter, die der Dokumentarfilmer Gerhard Schick für diesen Film gesprochen hat; er ist nicht der Mittelpunkt, aber um ihn kreist der Film. Zu Wort kommen sein Rivale Jens Lehmann, sein Vorbild Toni Schumacher, sein Trainer Sepp Maier und sein Nachfolger Manuel Neuer. Schick hat die richtigen Fragen gestellt, denn die Antworten liefern Stoff, um nachzudenken über diese extreme Position und über die Rolle als Nummer 1 der Fußball-Nation.

Lehmann übernimmt

2006 verlor Kahn seinen Stammplatz an Lehmann, ein Schock für den etablierten Schlussmann. „Jürgen Klinsmann hat mir gesagt, dass ich Gas geben soll“, erzählt Lehmann, wie der Bundestrainer den Konkurrenzkampf bewusst angeheizt hat. Er spielte in London, beim FC Arsenal, und trieb sich vor jedem Training zur Höchstleistung: „Denn ich wusste, dass da in München einer ist, der mit allerhöchster Intensität trainiert.“ Unmittelbar vor dem Spiel gegen Costa Rica, so erzählt Lehmann erstmals öffentlich, sei er umgeknickt und habe sich am Sprunggelenk verletzt. Er behielt das für sich, ließ sich heimlich behandeln und erfüllte sich mit dem Eröffnungsspiel der WM im eigenen Land einen Lebenstraum.

So sind sie alle: Kahn ging 2002 mit einem angeknacksten Finger ins WM-Finale, und Toni Schumacher ist entrüstet, wenn man ihn fragt, warum er verletzt gespielt habe: „Ich verpasse doch wegen eines gebrochenen Fingers kein Spiel!“

Nach Niederlagen drosch Schumacher im Fitnesskeller mit bloßen Fäusten auf einen Sandsack, bis die Knöchel bluteten: „Dann ging es mir etwas besser.“ Kahn fiel lange durch eine erschreckende Aggressivität auf, er nutzte die Rolle des verhassten Bayern-Torwarts zur Stärkung des Egos: „Richtig gepusht hat es mich, wenn das ganze Stadion gegen mich war.“

Selbstzweifel und Ängste

So erzählen sie offen wie selten von Selbstzweifeln und Ängsten. Der einstigen Besessenheit begegnen sie im Rückblick mit skeptischer Distanz, keiner stilisiert sich in der Rolle des einstigen Torwarthelden. „Der Preis für das Heldentum ist sehr hoch“, sagt Oliver Kahn.

Der sechste Protagonist des Films ist Robert Enke. Für den ehemaligen Nationaltorwart spricht seine Frau Teresa Enke mit jener Offenheit, die sie schon in den Tagen hatte, als ihr Mann den Kampf gegen die Krankheit Depression nach vielen Jahren aufgegeben und sich das Leben genommen hatte. Sie erzählt, wie ihn seine Erfolgsbesessenheit antrieb, ihn nie zufrieden sein ließ, wie ihm der Konkurrenzkampf und die Kritiken zusetzten. Die Erinnerung an Enkes Schicksal relativiert vieles, was in diesem Film gesagt wird.

Autor Schick verkneift sich jede eilige Wertung, jeden vordergründigen Kommentar. Damit setzt er das i-Tüpfelchen auf einen Film, der sich und dem Zuschauer Raum und Zeit gibt zum Zuhören und Nachdenken. Und deshalb durchaus eine der besten Sport-Dokumentationen der letzten Jahre genannt werden darf.

Die Nummer Eins –Deutschlands große Torhüter.

Das Erste, 22 Uhr


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN