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Mit Tatort-Star Wolfram Koch TV-Serie zu Flüchtlingen: Arte und ARD drehen "Eden"

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Der alte Hase und sein Nachwuchsmann: Regisseur Dominik Moll (rechts) mit dem syrischen Flüchtling Adnan Jafar, der auch im Film einen syrischen Flüchtlinbg spielt. Foto: SWR/Maor WaisburdDer alte Hase und sein Nachwuchsmann: Regisseur Dominik Moll (rechts) mit dem syrischen Flüchtling Adnan Jafar, der auch im Film einen syrischen Flüchtlinbg spielt. Foto: SWR/Maor Waisburd

Oftersheim. An Drehorten in Deutschland, Griechenland und Frankreich entsteht noch bis August eine der interessantesten und ambitioniertesten Serien, die es im kommenden Jahr im deutschen Fernsehen zu sehen gibt: „Eden“ beleuchtet die Flüchtlingssituation in Europa aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Ein Setbesuch.

„Die Leute haben gestarrt, als sei ein UFO gelandet, aus dem lauter Marsmännchen aussteigen.“ Regisseur Dominik Moll berichtet am Set in Oftersheim bei Mannheim, wie er die Inspiration für seine Eingangsszene in einem Internetvideo fand. Aufgenommen wurde es an einem Badestrand in der Nähe von Cadiz in Südspanien: „Darauf ist zu sehen, wie Urlaubsgäste Zeugen der Landung eines Schlauchboots voller afrikanischer Flüchtlinge werden. Die Migranten springen aus dem Boot, rennen den Strand hoch und verschwinden in den Dünen.“

Dieses Bild, so der Regisseur, fasse das Thema seiner Miniserie sehr anschaulich zusammen: „Das Eindringen einer Welt in eine andere.“ Die Ereignisse aus dem Video wurden an einem Strand in Griechenland angesiedelt, ein im Film ungenannter Ort in Baden-Württemberg und Paris sind die übrigen Schauplätze. Gedreht wird die Co-Produktion von Arte France und Deutschland, SWR und ARD-Degeto in fünf Sprachen: Deutsch, Französisch, Englisch, Griechisch und Arabisch.  


Regisseur Dominik Moll am Set von "Eden" mit Juliane Köhler und Kameramann Patrick Ghiringelli. Foto: SWR/Maor Waisburd


Für Dominik Moll ist es das erste Mal, dass er in Deutschland und – zumindest teilweise – auf Deutsch dreht. Der Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters wuchs zweisprachig in Baden-Baden auf, ging in Frankreich auf die Filmhochschule und produzierte dort und in England hauptsächlich Kinofilme. Dem französischen Präsidenten Macron nimmt er es „sehr übel“, dass der erst die Politik von Angela Merkel gelobt habe, nun aber aus Angst vor Zustimmungsverlust eine deutlich härtere Flüchtlingspolitik betreibe, als er es im Wahlkampf angekündigt habe. „Skandalös“ findet Moll dieses Verhalten.

„Eden“ ist auf sechsmal 45 Minuten angelegt. Das gibt den Raum, die unwirklich erscheinende Strandszene mit all ihren dramatischen Folgen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu schildern - dem eines jungen nigerianischen Migranten, einer syrischen Dissidentenfamilie, der französische Betreiberin eines Flüchtlingslagers in Griechenland, eines griechischer Lageraufsehers und eines deutschen Ehepaars, das einen syrischen Flüchtling bei sich zu Hause aufnimmt. Nach und nach rücken sie in den Mittelpunkt der Serie, dann wechselt die Perspektive im Rhythmus weniger Minuten.  


Szenenbild mit Sylvie Testud, Marc Walser und François Dunoyer. Foto: SWR/LUPA FILM/bboxxFILME


Dargestellt werden diese Protagonisten von einem international besetzten Ensemble, das deutsche Lehrerehepaar Hennings von Juliane Köhler und Wolfram Koch - jenem Theaterstar, den das breite TV-Publikum vor allem als Frankfurter Tatort-Kommissar Paul Brix kennt. Auch die Hennings werden Zeugen der surrealen Bootslandung und beschließen, dass sie etwas tun müssen. Sie nehmen den 20-jährigen Syrer Bassam bei sich zu Hause auf – sehr zum Unmut ihres 16-jährigen Sohnes Florian.  (Lesen Sie hier ein ausführliches Interview mit Wolfram Koch)


Florian Hennings (Bruno Alexander, rechts) hat große Vorbehalte gegen Bassam (Adnan Jafar), den syrischen Flüchtling, den seine Eltern aufgenommen haben. Foto: SWR/Maor Waisburd


Die Begeisterung der deutschen Darsteller für ihren Regisseur ist groß. „Er ist genau der Richtige für diesen Stoff,“ schwärmt Juliane Köhler stellvertretend für ihre Kollegen. Moll habe einen ganz ausgeprägten Sinn für die feinen Zwischentöne.

Die interessanteste Figur in „Eden“ aber ist Adnan Jafar, der Darsteller des syrischen Flüchtlings Bassam. „Er könnte ich sein und ich könnte er sein,“ erzählt der 23-jährige Kurde aus Afrin, der 2015 über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute nach Deutschland kam. Onkel, Tante und seine Schwester lebten damals schon seit Jahren in München, dennoch blieben ihm zwei Jahre in Flüchtlingslagern nicht erspart.

Seit einem Jahr aber wohnt er zusammen mit seinem Cousin bei einem deutschen Arzt in Dachau, der sich von seiner Frau getrennt hat und dessen Kinder aus dem Haus sind. In München besucht er als Gasthörer die Universität und möchte gern Umweltingenieurwesen studieren.

Aber vielleicht läuft es ja doch auf eine Schauspielkarriere hinaus – der Sohn eines Dorfbürgermeisters und einer Schuldirektorin hat nicht nur sehr gut Deutsch gelernt und „eine Menge deutsche Freunde gefunden“, sondern auch schon zweimal in Stücken der Münchner Staatsoper auf der Bühne gestanden. Sein Auftritt in „Eden“ dürfte ihn in der Branche weiter bekannt machen.

Nach 20 Drehtagen in Oftersheim ist der Tross mittlerweile nach Griechenland weitergezogen, wo 29 Tage in einem leerstehenden Teil des realen Flüchtlingslagers Skaramagas bei Athen auf dem Plan stehen, während Wolfram Koch längst wieder seinen nächsten Tatort dreht. Anschließend geht es für fünf Wochen nach Paris – von hier aus soll die Serie auch international vermarktet werden. Griechische, skandinavische, spanische und osteuropäische TV-Anstalten haben bereits Interesse signalisiert. 


Bassam (Adnan Jafar, links) ist Flüchtling aus Syrien. Silke, Jürgen und Florian Hennings (Juliane Köhler, Wolfram Koch, Bruno Alexander, v.r.n.l.) haben ihn in ihr Haus und ihre Familie aufgenommen. Foto: SWR/Maor Waisburd


Wann „Eden“ in Deutschland zu sehen ist, steht noch nicht fest, aller Voraussicht nach wird es das Frühjahr 2019 werden. Arte werde vermutlich zweimal drei Folgen am Stück bringen, im Ersten soll die Serie als Dreiteiler an Mittwochabenden gezeigt werden.


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