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Wir haben abgetrieben, Arte 21.05 Uhr So aktuell wie vor 40 Jahren - Sehenswerte Dokumentation erinnert an einen legendären „Stern“-Aufmacher

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Ein Titel, der Geschichte machte: der „Stern“ vom 6. Juni 1971. Foto: ArchivEin Titel, der Geschichte machte: der „Stern“ vom 6. Juni 1971. Foto: Archiv

Osnabrück. Es war ein medialer Paukenschlag und die Geburtsstunde der deutschen Frauenbewegung, als der „Stern“ am 6. Juni 1971 mit der Titelschlagzeile „Wir haben abgetrieben“ aufmachte. 374 Frauen – unter ihnen Prominente wie Senta Berger und Romy Schneider – bekannten sich öffentlich zu einer Tat, die auch heute noch gegen geltendes Recht verstößt.

„Diese Frauen, ob prominent oder nicht, riskierten ihre Freiheit und ihren guten Ruf“, sagt Birgit Schulz im Gespräch mit unserer Zeitung. Zusammen mit Annette Zinkaut hat die Filmautorin die äußerst sehenswerte Dokumentation „Wir haben abgetrieben – Das Ende des Schweigens“ gedreht, die von der „Stern“-Aktion bis heute beleuchtet, wie der Streit um die Abtreibung zum Meilenstein der deutschen Frauenbewegung wurde.

„Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ So lautet der erste Artikel des Paragraphen 218 des Strafgesetzbuches. Seit Gründung des deutschen Reiches 1871 besteht der in den 1970er und 1980er Jahren stark umkämpfte Paragraf. Doch heute ist es still um ihn geworden.Das war vor 40 Jahren noch anders, als der „Stern“ mit der Story „Wir haben abgetrieben“ Geschichte schrieb. Die Idee zu dem Artikel hatte Alice Schwarzer, damals freie Journalistin in Paris. Dort hatten bereits am 5. April 1971 über 340 Französinnen in einer Zeitschrift öffentlich erklärt: „Ich habe abgetrieben. Und ich fordere dieses Recht für jede Frau.“ Schwarzer kontaktierte den „Stern“ und bekam einen Artikel zugesagt, wenn sie es schaffe, zwischen 300 und 400 Frauen zu einem Abtreibungsbekenntnis zu bewegen. Nach mühsamer Suche bekam sie 374 Frauen zusammen – darunter einige, die nie abgetrieben hatten – und initiierte mit der Aktion eine bundesweite Bewegung, die sich in Demonstrationen, Unterschriftenaktionen und Parolen wie „Mein Bauch gehört mir“ manifestierte. Und zu Gegenreaktionen konservativer Kreise führte: So riet damals eine Fernsehsendung der „emanzipierten Frau“ dringend zur Therapie, um ihr „verpfuschtes Leben“ noch in den Griff zu kriegen. „Derlei Äußerungen waren typisch für die Kirchenredaktionen der öffentlich-rechtlichen Sender,“ erklärt Schulz. Für ihre Dokumentation hat sie viele dieser heute ironisch anmutenden Beiträge aus den Archiven der Sender NDR, WDR und RBB zusammengesucht. Doch so absurd die Sätze auch klingen: Lachen mag man nicht, hinterlassen sie doch einen bitteren Nachgeschmack, da sie die damalige Gesellschaft treffend darstellen, in der ein Ehemann über die Berufstätigkeit seiner Frau entschied und die Pille nur nach ärztlicher Ermahnung an verheiratete Frauen verschrieben wurde.Ähnlich schwierig wie damals gestaltete sich die Suche nach den Frauen für die Dokumentation, berichtet Schulz. „Für viele von ihnen ist Abtreibung kein Thema mehr. Für andere hingegen zu intim, um darüber vor laufender Kamera zu reden.“

Die 15 Frauen, die in der Dokumentation zu Wort kommen, haben mit dem Thema noch nicht abgeschlossen. Einige berichten tief bewegt von den seelischen Nöten vor und nach der Abtreibung: Von ihrer damaligen Notsituation, die geheim bleiben musste, da man als unverheiratete Schwangere als nicht mehr gesellschaftsfähig galt. Und von der so schmerzhaften und teuren Abtreibung, die oft von unfähigen Kurpfuschern ausgeführt wurde.

Andere Frauen sind hingegen fassungslos, dass es in Deutschland nach wie vor verboten ist, alleine die Entscheidung über eine Abtreibung zu treffen. „Es ging den Frauen damals wie heute nicht um die Verharmlosung der Abtreibung oder um Promiskuität, sondern darum, selbst über den eigenen Körper zu entscheiden“, sagt Schulz.

Wenn man sich die Worte einer der 374 Unterstützerinnen aus dem „Stern“ durchliest, scheint das Thema auch 40 Jahre nach dem Artikel wenig an seiner Aktualität verloren zu haben: „Der Staat zwingt einen zwar, das Kind zu kriegen, aber danach kümmert er sich den Teufel drum. Krippenplätze gibt es überhaupt nicht. Und im Kindergarten muss man sich jahrelang vorher anmelden.“

Wir haben abgetrieben – Das Ende des Schweigens, Arte, 21.05 Uhr


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